Die drei Mädels in engen Jeans und neuen Turnschuhen sind 15 Jahre alt, höchstens 16. Sie stehen vor einer Phalanx von Polizisten mit Helmen und Schutzschilden, mitten auf dem Heinrichplatz. Eines von ihnen reckt die Hand zum Victory-Zeichen in die Höhe. Sie lassen sich von ihren Freunden fotografieren, lachen. Siegerpose für die Digitalkamera - Großstadtkinder spielen Bürgerkrieg. 50 Meter weiter geht auf die Polizisten der erste Steinhagel nieder.
Kreuzberg, gestern Abend. Wieder fliegen Pflastersteine, wieder brennen Autos, wieder bersten Fensterscheiben. Daran ändert auch die zurückhaltende Strategie der Polizei nichts. Die Straßenkämpfer leben ihr Ritual. Sie scheren sich nicht um Taktik.
Kurz nach 20 Uhr, die Oranienstraße ist zweigeteilt. Während an der Skalitzer Straße die Wasserwerfer auffahren, scheint zwischen Moritzplatz und Heinrichplatz noch alles friedlich. Ein Polizeihubschrauber kreist am Himmel, aus einer Kneipe lärmt Punkrock, das Mai-Fest mit mehreren Bühnen auf dem Oranienplatz ist in vollem Gange. Jugendliche mit Baseballkappen vergraben ihre Hände in den Hosentaschen oder nuckeln an ihren Bierflaschen. Wo ist bloß die Polizei? Weit und breit ist kein einziger Beamter zu sehen - auch das ist Teil des Deeskalationskonzeptes. Nur ein paar Ordner des Straßenfestes, die kleinere Feuer löschen, sind unterwegs.
Noch um 20.40 Uhr sitzen viele Menschen vor den Cafés, trinken Milchkaffee. Erstaunlich viele Restaurants und Läden haben geöffnet, Döner und Dosenbier werden verkauft. Ein letzter Snack, bevor die Straßenschlacht beginnt.
20.45 Uhr. Dicke Rauschschwaden wehen von der Skalitzer Straße, Ecke Mariannenstraße herüber. Vermummte haben dort drei Autos umgestürzt. Kurz bevor zwei Wagen in Flammen aufgehen, stellt sich ein Mädchen mit Punkfrisur und kurzem Schottenrock mit einem Stein in der Hand auf die Motorhaube eines Autos. Und dann ist plötzlich auch die Armada von Polizisten da. Wie aus dem Nichts taucht sie im Laufschritt auf. Schluss mit der Strategie der ausgestreckten Hand. Steine und Leuchtraketen fliegen auf die anrückenden Polizisten. Zwei Randalierer im Stimmbruchalter resümieren ihre Trefferquote: "Der erste Stein war voll drin, der zweite ging knapp am Helm vorbei."
Auf der Oranienstraße beginnt gegen 21 Uhr das Katz-und-Maus-Spiel von Polizisten und Randalierern. Ein Steinhagel prasselt in Höhe der Manteuffelstraße auf Polizeihelme nieder. Die Menge wogt auf und ab, hin und her.
"Lass uns weiter nach vorne gehen, da gehts ab", ruft ein Autonomer aus Hamburg mit Al-Fatah-Tuch. Sein Kumpel jubelt: "Voll krass. Wasserwerfer, alles da."
Die Wasserwerfer kommen dann um 21.20 Uhr auch zum Einsatz - nach einer kurzen, aber unmissverständlichen Ansage der Polizei: "Unterlassen Sie das Steinewerfen. Sie machen sich des schweren Landfriedensbruchs schuldig!" Höhnische Kommentare aus einer Gruppe vermummter Chaoten, Pflastersteine werden aus der Straße gerissen. Bis der erste Wasserstrahl die Menge zerpflügt.
Auf der Oranienstraße treiben kleinere Einsatztrupps die Massen immer wieder auseinander. Eine einheitliche Front der Steinewerfer kann gar nicht erst entstehen. Menschen werden in den Eingang eines indischen Restaurants gedrückt. "Wollt ihr essen?", fragt der Kellner. "Dann dürft ihr rein."
Um 21.40 Uhr schaut auch der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele mit rotem Schal vorbei, plaudert mit Polizisten und Passanten. Auch ein Ritual.
Es beginnt zu nieseln. Vielleicht ist es der beginnende Regen, der die Krawallmacher von den Straßen treibt. Vielleicht aber ist auch die Polizeitaktik, der Wechsel von Zurückhaltung und schnellem Zugriff, aufgegangen.
Bis 23 Uhr werden 30 Randalierer festgenommen.
Aber noch ist die Nacht der Gewalt in Kreuzberg nicht vorbei.

