In Kreuzberg ist es am gestrigen Abend nach Ende der Mai-Demonstrationen zu den befürchteten schweren Ausschreitungen gekommen. Autos brannten, Steine flogen auf Polizisten und Passanten, Fensterscheiben gingen zu Bruch. Die Polizei hielt sich lange Zeit zurück, schritt dann aber konsequent ein. Kurz vor den Krawallen hatte Polizeipräsident Dieter Glietsch noch das Festhalten an der Taktik der Zurückhaltung bekräftigt.
Nach ersten Ausschreitungen rund um den Mauerpark in der Walpurgisnacht war es den ganzen Tag über friedlich geblieben. Die Demonstrationen linker Gruppierungen mit insgesamt 7000 Teilnehmern am Nachmittag verliefen ohne Zwischenfälle. Doch um 19.45 Uhr schlug die Stimmung um. Vermummte Jugendliche stießen am Heinrichplatz ein Auto um und versuchten, es in Brand zu stecken. Das misslang jedoch. Daraufhin bewarfen die Randalierer Passanten mit Flaschen. "Ohne Grund schleuderten die Jugendlichen Steine auf mein Auto", sagte Andreas Bargel von der Heilsarmee später betroffen.
Wenige Minuten später standen dann die ersten Autos in Flammen. An der Ecke Skalitzer/Mariannenstraße hatten Vermummte die Fahrzeuge angezündet. Rauchwolken stiegen in den Himmel. Außerdem warfen die Gewalttäter die Schaufenster eines Autohauses und die Fensterscheiben von Wohnungen ein.
Die Situation drohte zu eskalieren. Doch wiederum hielt sich die Polizei aus taktischen Gründen zunächst zurück, um den Tätern kein Angriffsziel zu bieten. "Ich werde den Senat wegen unterlassener Hilfeleistung verklagen", kündigte der Inhaber des beschädigten Seat-Autohauses, Norbert Moresco, an.
45 Minuten später erst griff die Polizei dann doch ein, nahm mehrere Krawallmacher fest und setzte Wasserwerfer ein. Randalierer und Polizisten lieferten sich ein Katz-und-Maus-Spiel. Passanten rannten mit angsterfüllten Gesichtern durch die Straßen.
Die von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) angekündigte Doppelstrategie von "Gefühl und Härte" wurde nun von der Einsatzleitung zugunsten rigorosen Einschreitens ausgelegt. Wasserwerfer und Räumfahrzeuge bestimmten das Bild am späten Abend in Kreuzberg. Polizisten zogen ihre Schlagstöcke, die Auseinandersetzungen wurden immer gewalttätiger. Die Polizei ging kurz nach 22 Uhr sogar mit Tränengas gegen die Randalierer vor. Anschließend beruhigte sich die Lage. Gegen Mitternacht wurden keine Ausschreitungen mehr gemeldet.
Nach vorläufigen Polizeierkenntnissen wurden 30 Gewalttäter festgenommen. Mehrere Beamte erlitten leichte Verletzungen, ein Polizist brach sich einen Arm. Die Gewerkschaft der Polizei forderte angesichts der Krawalle den Senat auf, die polizeiliche Arbeit nicht durch politische Vorgaben zu beeinflussen.
banjo/mb/rfi/tz


