Organspende

Jedes vierte Herz an offizieller Warteliste vorbei vergeben

In Deutschland werden immer häufiger Spenderorgane an der Warteliste vorbei transplantiert. Es geht um Herz, Leber und Bauchspeicheldrüse.

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In Deutschland werden nach einem Zeitungsbericht immer mehr Spenderorgane an der offiziellen Warteliste vorbei vergeben. Derzeit werde jedes vierte Herz, jede dritte Leber und sogar jede zweite Bauchspeicheldrüse direkt von den Kliniken an selbst ausgesuchte Patienten verteilt, schreibt die „Frankfurter Rundschau“ (FR). Das belegten Zahlen des Bundesgesundheitsministerium. 2002 habe der Anteil dieser sogenannten beschleunigten Vermittlungsverfahren bei Herz, Leber und Bauchspeicheldrüse noch unter zehn Prozent betragen.

So stieg der Anteil der beschleunigten Vermittlung bei der Leber zwischen 2002 und 2012 von 9,1 auf 37,1 Prozent. Beim Herz kletterte der Wert innerhalb der vergangenen zehn Jahre von 8,4 auf 25,8 Prozent, bei der Lunge von 10,6 auf 30,3 Prozent. Den größten Sprung gab es bei der Bauchspeicheldrüse: Wurden 2002 erst 6,3 Prozent dieses Organs nach dem beschleunigten Verfahren zugewiesen, betrug der Anteil in diesem Jahr satte 43,7 Prozent.

Die Bundesregierung erklärt den Anstieg laut FR mit der Tatsache, dass das Alter der Spender stark zugenommen hat. Zudem verweist sie darauf, dass bei der Bauchspeicheldrüse 2011 die Richtlinien der Bundesärztekammer geändert wurden. Danach gilt das beschleunigte Verfahren unmittelbar, wenn der Spender älter als 50 und übergewichtig war.

Was das beschleunigte Verfahren ist

Das Verfahren soll nach den geltenden Richtlinien dann angewendet werden, wenn Organe von älteren oder kranken Spendern zur Verfügung stehen, für die es nur wenige geeignete Empfänger gibt. Es gilt dem Bericht zufolge bei Experten jedoch als manipulationsanfällig. Wiederholt war der Verdacht geäußert worden, Organe würden „kränker“ gemacht, um das bestehende System der Organverteilung zu unterlaufen.

Es bestehen allerdings Zweifel, ob der kräftige Anstieg bei den anderen Organen tatsächlich nur auf das höhere Alter der Spender zurückzuführen ist. So äußerten sich bereits 2009 Ärzte, Krankenkassen, Landes-Gesundheitsbehörden und Sachverständige in einer Studie kritisch zum beschleunigten Verfahren.

Der Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, Eugen Brysch, sprach in der Zeitung von einer „Einflugschneise für Manipulationen“. Der extreme Anstieg lasse sich nicht allein damit erklären, dass das Alter der Spender generell gestiegen sei. Brysch forderte eine genaue Aufklärung über die Ursachen des Anstiegs.

Auch der Grünen-Gesundheitspolitiker Harald Terpe forderte eine Untersuchung. „Der enorme Anstieg dieser Transplantationen ist erklärungsbedürftig“, sagte er der Zeitung. Die Praxis der beschleunigten Vermittlung müsse transparent gemacht werden. „Nach den Ereignissen in Göttingen und Regensburg müssen wir alles tun, um sicherzugehen, dass nicht auch an anderer Stelle manipuliert wird.“

Die Universitätskliniken Regensburg und Göttingen werden derzeit von einem Organspende-Skandal erschüttert. Ein Oberarzt steht im Verdacht, zuerst in Regensburg und später in Göttingen Krankenakten gefälscht zu haben. Dabei soll er die Krankheit auf dem Papier verschlimmert haben, damit den Patienten schneller eine neue Leber implantiert wurde – obwohl andere sie vielleicht nötiger gehabt hätten.