Kommentar

Verteilung von Spenderorganen ist eine heikle Aufgabe

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Wer nicht will, dass getrickst und im schlimmsten Fall mit Organen gehandelt wird, sollte einen Spendeausweis haben, meint Claudia Ehrenstein.

Bereits Ende der 90er-Jahre glaubten 80 Prozent der Bevölkerung und 50 Prozent der Ärzte, dass es bei der Verteilung von Organen nicht mit rechten Dingen zugeht. Dieses tief sitzende Misstrauen erhält mit den Vorfällen am Göttinger Klinikum und in Regensburg einmal mehr Nahrung. Es wird offensichtlich gefälscht und getrickst, um Patienten auf Kosten anderer zu begünstigen. Und es steht der Verdacht im Raum, dass sich Mediziner damit auch noch persönlich bereichert haben.

Die Verteilung von Spenderorganen ist eine heikle Aufgabe. Wo mehr todkranke Menschen auf der Warteliste stehen, als lebensrettende Nieren, Lebern oder Herzen verfügbar sind, ist jede Entscheidung für den einen Patienten oft auch eine gegen den anderen. Der Versuch verzweifelter Menschen, sich ihr Leben von Ärzten zu erkaufen, ist da nur zu verständlich. Wenn viel Geld im Spiel ist, kann die Verlockung für beide Seiten groß sein. Umso mehr sind Politiker und Ärzte gefordert, medizinisch und ethisch vertretbare Kriterien festzulegen, nach denen die knappen Spenderorgane verteilt werden. Doch auch die sind ethisch höchst problematisch – auch jetzt schon. So haben etwa starke Raucher, Alkoholiker oder Drogenabhängige nur unter bestimmten Voraussetzungen eine Chance, auf die Warteliste aufgenommen zu werden. Aber auch Krebsleiden oder Herz- und Gefäßerkrankungen können Ausschlusskriterien sein. Ärzte müssen in ihrem Alltag immer wieder die Entscheidung treffen, welcher Patient gerade noch eine Chance bekommen soll – und welcher nicht.

Und auch dies gehört zur Wahrheit: Je länger Patienten schon auf der Warteliste stehen und je dringender sie ein Spenderorgan brauchen, desto geringer sind die Erfolgsaussichten für die Transplantation. Wird die Dringlichkeit dagegen nur vorgetäuscht, wie in den jetzt bekannt gewordenen Fällen, dann steigen perverserweise die Aussichten für ein Gelingen der Transplantation. Unterm Strich überleben möglicherweise sogar mehr Patienten, wenn sie früher operiert werden, wenn ihre Krankheit noch nicht fortgeschritten ist. Medizinisch könnte es also durchaus vernünftig sein, Patienten aus der Mitte der Warteliste vorrangig zu behandeln – unter ethischen Gesichtspunkten wäre eine solche Regelung kaum akzeptabel.

Fakt ist: Solange es zu wenig Spenderorgane gibt, müssen medizinisch und ethische Aspekte auf fast unerträgliche Weise abgewogen werden, um eine „gerechte“ Vergabepraxis zu garantieren. Genau deshalb sind die Vorfälle in Göttingen und Regensburg so skandalös und brauchen unbedingte Aufklärung: Sie drohen das Misstrauen in der Bevölkerung zu schüren und Menschen gegen Organspenden aufzubringen. Doch nur wenn es genügend Spenderorgane gibt, können die strengen medizinischen und ethischen Vergabekriterien gelockert werden, sodass der Anreiz zu Missbrauch und Betrug entfällt. Wer also nicht will, dass in Zukunft gefälscht und getrickst und im schlimmsten Fall sogar mit Organen gehandelt wird, kann seinen Beitrag zur Lösung des Problems leisten – und einen Organspendeausweis ausfüllen.

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