Bundeswehr

"Wir müssen uns mehr um die Veteranen kümmern"

Der neue Inspekteur des Sanitätsdienstes Ingo Patschke fordert mehr Unterstützung für Ex-Bundeswehrsoldaten. Durch die Truppenreform gebe es einen Personalmangel.

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Die Bundeswehrreform stellt Ingo Patschke , den neuen Inspekteur des Sanitätsdienstes, vor große Herausforderungen. Als truppendienstlicher Vorgesetzter von derzeit rund 20.000 Soldaten ist er dafür verantwortlich, dass nicht nur die Kameraden in den Auslandseinsätzen versorgen werden, sondern auch die in den Heimatkasernen. Was sich in diesem System künftig ändern wird, darüber sprach Morgenpost Online mit dem Generaloberstabsarzt.

Morgenpost Online: Herr Patschke, Sie sind seit gut 100 Tagen im Amt. Gleichzeitig wird die Bundeswehr umgebaut. Sind das gute Startvoraussetzungen?

Ingo Patschke : Die Reform macht die Amtsübernahme doch etwas schwieriger. Ich habe zwar schon in zwei Verwendungen im Ministerium gearbeitet, aber im Wesentlichen komme ich aus der Truppe, insofern ist für mich jetzt vieles neu. Der Umbruch in die neue Struktur ist eine zusätzliche Herausforderung. Er beflügelt mich aber auch. Gerade in dieser Phase kann man viele eigene Ideen mit einbringen.

Morgenpost Online: Welche Akzente wollen Sie setzen?

Patschke : Ein Punkt ist das Thema Corporate Identity, unsere gemeinsame Identität, die Frage, wie gehen wir miteinander um? Hier sehe ich noch Verbesserungspotenzial. Wir haben uns früher oft auf fachliche Dinge konzentriert, teilweise das Trennende überbetont, zum Beispiel die sehr unterschiedlichen Fachrichtungen im Sanitätsdienst. Aber vom Berufsverständnis und vom Auftrag her haben wir alle etwas Gemeinsames.

Morgenpost Online: Wie wollen sie diese neue Gemeinsamkeit betonen?

Patschke : Wir brauchen ein Klima für Diskussionen und Kritik. Wir müssen uns auch in Foren austauschen. Das fängt bei den Studenten an. Dazu haben wir eine neue Internetplattform eingerichtet, und ich bekomme demnächst ein iPad, um mit denen zu chatten. Dieser Dialog ist wichtig. Ich erfahre ja auch viel Neues dabei.

Morgenpost Online: Was zum Beispiel?

Patschke : Etwas über die Auslandseinsätze. Ich selbst habe wohl Einsatzerfahrung, aber unsere jungen Leute, die haben Kriegserfahrung. Früher erzählte der Ausbilder vom Krieg, und der junge Sanitätsoffizier lernte von ihm. Heute hat sich das teilweise umgekehrt. Das müssen die Jungen auch spüren. Das fördert ihren Respekt. Unsere jungen Sanitätsoffiziere sind die, die in die Einsätze gehen. Manche haben davor Respekt, weil der Einsatz gefährlich geworden ist. Also müssen wir denen Zutrauen geben, das ist eine Aufgabe der Vorgesetzten. Ein junger Arzt muss mit dem Tod eines Patienten erst einmal umzugehen lernen, er erlebt ihn ja als persönliche Niederlage. Und wenn es einen Kameraden trifft, ist das doppelt schwer. Auf solche Situationen muss man die jungen Menschen vorbereiten.

Morgenpost Online: Wollen überhaupt genug junge Menschen im Sanitätsdienst arbeiten? Im Jahresbericht des Wehrbeauftragten ist der Ärztemangel Dauerthema…

Patschke : Wir hatten mal ein erhebliches Defizit bei den jungen Sanitätsoffizieren, das stimmt. Das hat sich etwas gebessert. Wir hatten noch nie so viele Sanitätsoffiziere wie heute. In der neuen Struktur werden wir noch mehr haben als bisher. Das liegt daran, dass noch mehr Bedeutung auf den kurativen Bereich gelegt wird. Unser Weiterbildungsbedarf steigt, deswegen brauchen wir mehr Stellen. Das erkennt unser Minister an. Die Papierlage sieht gut aus, wir sind aber noch nicht da, wo wir sein wollen. Wir werden in Zukunft ein Rekrutierungsproblem haben, wir müssen weiter die Werbetrommel rühren. Das kann aber dauern.

Morgenpost Online: Nach der Reform soll es für 175.000 Soldaten noch rund 120 Sanitätsversorgungszentren geben. Das heißt, dass manche Kameraden bis zu 80 Kilometer fahren müssen, um einen Arzt zu sehen. Ist das nicht ein bisschen weit?

Patschke : Klar, ich kann von einem Soldaten nicht verlangen, dass er von solchen Wegen begeistert ist. Der neue Personalumfang wird nur leider nur ausreichen, um etwa die Hälfte der Bundeswehr-Standorte zu versorgen. Das betrifft aber nicht die Hälfte aller Soldaten. Die meisten sind in größeren Standorten stationiert, dort sind wir auch präsent, und zwar besser als vorher. Dieses Durchgehunger wollen wir nicht mehr, dass wir in einer Kaserne zwei Sanitätsoffiziere haben, von denen der eine in Teilzeit ist und der andere im Einsatz. Künftig werden wir wenigstens drei Ärzte und zwei Zahnmediziner pro Standort haben. Das heißt leider auch, dass an einigen Orten kein Arzt ist. Erweiterte Versorgungskreise sind da nicht die beste Lösung.

Morgenpost Online: Welche bevorzugen Sie?

Patschke : Wir müssen uns mehr einfallen lassen, um Service zu bieten. Es gibt ja auch die Möglichkeit, die Behandlung in akuten Krankheitsfällen an zivile Ärzte abzugeben, Kooperationen einzugehen mit einem medizinischen Versorgungszentrum. Oder wir beauftragen einen zivilen Kollegen, für 100 oder 150 Soldaten tätig zu sein. Solche Kooperationen sind für uns als Bundesbehörde jedoch an bestimmte Gesetzte gebunden.

Morgenpost Online: Für solche Kooperationen muss auch erst mal ein Arzt in der Nähe sein.

Patschke : Stimmt. Wenn ich etwa Mecklenburg-Vorpommern betrachte, da ist die ärztliche Versorgung schon für die Zivilbevölkerung dünn. Wenn wir nun feststellen, dass eines unserer Sanitätszentrum nicht ausgelastet ist, und die Bevölkerung hat Bedarf, dann müsste man die Kassenärztlichen Vereinigung mal fragen: Habt Ihr Interesse, dass die Bundeswehr für euch tätig ist? Dieses Gespräch zu beginnen, um die nationale Aufgabe Gesundheitsversorgung der Bevölkerung mit zu betrachten, finde ich spannend.

Morgenpost Online: Der Beauftragte für im Einsatz verwundete und traumatisierte Soldaten kritisiert in seinem Jahresbericht ebenfalls den Personalmangel im Sanitätsdienst. Wann wird sich die Lage bessern?

Patschke: Leider sind wir im Bereich der Psychiatrie immer noch schlecht aufgestellt. Uns fehlen ziemlich viele Fachärzte und Gutachter. Da werden uns auch nicht so schnell freischwimmen können, weil die Ausbildung in diesen Bereichen sehr lange dauert. Außerdem hat der zivile Arbeitsmarkt genau die gleichen Probleme wie wir.

Morgenpost Online: Für betroffene Soldaten verlängern sich wegen dieser Probleme oft die Wartezeiten auf finanzielle oder berufliche Hilfen. Das schafft Frust.

Patschke: Wir müssen da etwas tun, und wir wollen das auch. Dass diese Wehrdienstbeschädigungsverfahren so lange dauern, liegt aber oft auch daran, dass Erkrankungen wie posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) an sich schon sehr lange dauern. Die Materie insgesamt ist sehr kompliziert, das macht die Begutachtung langwierig. Natürlich sind auch die Verwaltungsmühlen teilweise sehr träge. Generell müssen wir uns künftig viel mehr um unsere Veteranen kümmern. Für viele Soldaten, die im Einsatz zu Schaden gekommen sind, ist es wichtig, dass sie sich von uns weiterhin umsorgt fühlen. Und das tun wir auch gerne.

Morgenpost Online: Die Zahl traumatisierter Bundeswehrsoldaten ist im vergangenen Jahr um 26 Prozent auf den neuen Höchststand von 922 gestiegen. Werden die Zahlen auf Dauer weiter steigen?

Patschke: Die 922 ist eine Aufsummierung von Neuerkrankungen und alten Fällen. Gegenüber 2010 haben wir jetzt grob 200 Fälle mehr. Dadurch, dass PTBS kein Tabuthema mehr ist, trauen sich mehr Soldaten, darüber zu sprechen. Darüber freuen wir uns, weil es gute Heilungschancen gibt. Dadurch steigen aber auch die Zahlen. Wenn die Bundeswehr irgendwann nach 2014 aus Afghanistan abzieht, werden wir noch immer mit PTBS-Fällen zu tun haben, auch in den Folgejahren.