Zwickauer Neonazi-Zelle

Ralf W. soll Waffen für Terrortrio beschafft haben

Der ehemalige NPD-Funktionär Ralf W. aus Jena sitzt in Untersuchungshaft. Dem 36-Jährigen wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen. Konkret soll W. dem Neonazitrio Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe Waffen und Munition besorgt haben.

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Der 36-jährige Ralf W. wurde am Dienstag am Bundesgerichtshof in Karlsruhe vorgeführt. Die Anklagebehörde wirft ihm Beihilfe zum Mord vor. Konkret soll W. dem Neonazitrio Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe Waffen und Munition besorgt haben

Video: Reuters
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Am Morgen griffen Spezialeinheiten der Polizei zu: In Jena wurde am Dienstag der langjährige NPD-Funktionär Ralf W. als weiterer Verdächtiger im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen das Zwickauer Neonazi-Trio festgenommen. Der 36-Jährige sei dringend verdächtig, die Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) unterstützt zu haben, teilte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit.

Die Ermittlungsrichter schickten den mutmaßlichen Helfer der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) am Dienstag Untersuchungshaft, nachdem er dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe vorgeführt wurden war. Dies teilte der Sprecher der Bundesanwaltschaft, Marcus Köhler, mit. W. wird Beihilfe zu sechs Morden und einem versuchten Mord vorgeworfen. Er soll seit 1995 in rechtsextremistischen Kreisen in Thüringen aktiv gewesen sein; seit den 90er Jahren soll er in engem Kontakt mit dem Neonazi-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe gestanden haben und sie auch bei ihrer Flucht 1998 und danach finanziell unterstützt zu haben.

Dem Thüringer Verfassungsschutz ist W. seit langem bekannt. Den Verfassungsschützern zufolge trat er 1999, kurz nach dem Untertauchen der drei Neonazis, in die NPD ein. Mit Unterbrechungen war er von 1999 bis Mitte 2008 Vorstandsmitglied der NPD – von Juli 2006 bis Mai 2008 sogar stellvertretender Landesvorsitzender in Thüringen. W. war einer der führenden Köpfe des „Thüringer Heimatschutzes“, dem auch die späteren Rechtsterroristen Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos angehörten. Er war auch Herausgeber der NPD-Postille „Thüringenstimme“. In der Partei war er nach Angaben eines Parteisprechers bis 2009 aktiv.

2002 ließ er sich als parteiloser Kandidat in den Ortschaftsrat des Jenaer Neubaugebiets Winzerla wählen. Im selben Jahr baute er mit anderen Aktivisten der rechten Szene in Jena das sogenannte Braune Haus auf. Dieses diente bis zur Räumung wegen brandschutztechnischer Mängel im Jahr 2009 als überregionales Schulungszentrum und als Treffpunkt für Rechtsextreme.

Die Karlsruher Anklagebehörde wirft dem Ex-NPD-Funktionär unter anderem vor, der Neonazi-Gruppe Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe spätestens im Jahr 2002 eine Schusswaffe und Munition besorgt zu haben. Vier der insgesamt zehn Morde, die dem Trio zur Last gelegt werden, waren zu diesem Zeitpunkt bereits geschehen.

Sechs weitere Morde, darunter der an einer Polizistin in Heilbronn, sowie der versuchte Mord an ihrem Kollegen folgten in den Jahren danach. „Der Beschuldigte nahm billigend in Kauf, dass die Schusswaffe für rechtsextremistische Morde verwendet werden könnte“, erklärte die Bundesanwaltschaft. Von ihren terroristischen Straftaten habe W. gewusst. Die Waffe habe er dem Trio über einen Kurier zukommen lassen.

Außerdem soll W. den drei Neonazis den Kontakt zum mutmaßlichen Helfer Holger G. aus Niedersachsen vermittelt haben. Erst vor einer Woche war W.s Wohnung durchsucht worden. Damals hatte er noch in einer Zeitung behauptet, das Neonazi-Trio nicht unterstützt und dorthin seit 1998 keinen Kontakt mehr gehabt zu haben.

W. trat auch als Organisator verschiedener Neonazi-Treffen in Erscheinung. So organisierte er das sogenannte Fest der Völker, zu dem mehrere Hundert Neonazis und Skinheads aus Deutschland und ganz Europa anreisten. Außerdem veranstaltete er mehrfach den "Thüringentag der nationalen Jugend", wo er auch als Redner auftrat. 2010 stand die Veranstaltung unter dem Motto "Die Demokraten bringen uns den Volkstod – Stoppen wir sie!“.

W. bemühte sich laut Verfassungsschutzbericht 2006 darüber hinaus um die Vernetzung rechtsextremer Homepages. Demnach war er Betreiber eines Servers, über den er „parteigebundenen und freien Nationalisten aus Thüringen“ günstigen Speicherplatz zur Verfügung stellte.

W.s Wohnung wurde am vergangenen Donnerstag durchsucht. Es wurde aber niemand festgenommen. Der „Ostthüringer Zeitung“ sagte er nach dem Polizeieinsatz, er habe nichts von den Taten der Terrorzelle gewusst. Er bezweifle, "dass der Vorwurf des Bundeskriminalamtes so weit geht, dass es zu meiner Verhaftung reicht“. Fünf Tage später wurde nun Haftbefehl gegen W. erlassen.

Er ist neben der Hauptverdächtigen Zschäpe und dem mutmaßlichen Helfer Holger G. aus dem Raum Hannover und dem in Brandenburg gefassten André E. der vierte mutmaßliche Neonazi, der im Zusammenhang mit einer Mordserie von 2000 bis 2006 festgenommen wurde. Dem Trio Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt werden neun Morde an türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern sowie der Mord an einer Polizistin vorgeworfen.

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