Linksfraktion

Wagenknecht wird erste Stellvertreterin Gysis

Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht ist zur stellvertretenden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion gewählt worden. Fraktionschef Gregor Gysi hatte sich zuvor geweigert, die 42-Jährige als Co-Vorsitzende zu akzeptieren. Am Ende musste er klein beigeben.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Sahra Wagenknecht ist ganz oben in den Führungszirkeln der Linkspartei angekommen. Am Dienstag wurde sie in Berlin zur stellvertretenden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion gewählt. Fraktionschef Gregor Gysi hatte sich zuvor geweigert, die 42-Jährige als Co-Vorsitzende zu akzeptieren. Statt dessen sollten Wagenknecht und die frauenpolitische Fraktionssprecherin Cornelia Möhring jeweils Posten als „erste Stellvertreterinnen“ erhalten.

Als einzige Politikerin gehört Wagenknecht nun dem Vorstand sowohl der Partei als auch der Bundestagsfraktion an. In beiden Gremien als stellvertretende Vorsitzende. Noch. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Marxistin ganz an die Spitze der Partei rückt. Eine Entwicklung, die vor wenigen Jahren kaum für möglich gehalten worden wäre.

Als Wortführerin der Kommunistischen Plattform hatte die stets klassisch elegant gekleidete Wagenknecht lange Zeit Exotenstatus in der PDS. Sie verteidigte die Mauer als „notwendiges Übel“ und redete die DDR noch schön, als sich die Partei schon längst klar distanzierte. Inzwischen zeigt sie sich geläutert und erklärt ihr Verhalten als „Trotzreaktion“.

Einzelgängerin mit großem Lesehunger

Wenige Tage vor der amerikanischen Mondlandung wurde Wagenknecht im Juli 1969 in Jena geboren. Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg wuchs sie direkt an der Mauer als Einzelkind bei ihrer Mutter auf, die Galeristin im staatlichen Kunsthandel war.

Im Andenken an ihren Vater, einen Perser, trägt sie das „h“ im Vornamen vor dem „r“. Er studierte in Westberlin, mit großen Plänen, sein Heimatland zu verändern. Doch als Sahra drei Jahre alt war, lief seine Aufenthaltsgenehmigung ab. Gewissheit haben Mutter und Tochter bis heute nicht, aber sie sind sicher, dass er in den Folterkellern des Schahregimes starb.

Schon als Kind war Wagenknecht nach eigener Aussage eine Einzelgängerin – lieber zu Hause als in der Krippe oder im Kindergarten. Zwar war sie Mitglied in der Freien Deutschen Jugend (FDJ), deren „Lagerfeuerromantik“ war ihr aber ein Graus. Früh zog sie dem Zerrbild der Staatspropaganda die Originale vor und beschäftigte sich intensiv mit Marx und Hegel. Mit der Begründung, sie sei nicht aufgeschlossen genug fürs Kollektiv, bekam Wagenknecht nach dem Abitur 1988 dann keinen Studienplatz. Dennoch trat sie kurz vor dem Mauerfall noch in die SED ein.

In Fundamentalopposition zum System

„Ich habe mir die DDR anders gewünscht, nicht, dass sie kaputtgeht“, blickt Wagenknecht zurück. „Ich wollte nicht im Kapitalismus leben.“ Nach der Wende studierte sie in Jena, Berlin, im niederländischen Groeningen Philosophie, Neuere Deutsche Literatur und Volkswirtschaftslehre. Und immer galt ihr größtes Interesse dabei dem Marxismus, dem sie sich auch in ihrer Abschlussarbeit widmete.

Politisch stieg sie bereits 1991 in die Spitze der damaligen PDS auf, deren Reformkurs sie scharf kritisierte. Ende der 90er Jahre fühlte sie sich „in Opposition zu dieser Gesellschaft in ihren Grundstrukturen“ und wollte deshalb auch nicht im parlamentarischen System mitarbeiten, sondern mit „außerparlamentarischem Druck“ die Verhältnisse ändern. Sie galt damals als einzige lebende prominente Kommunistin in Deutschland und beeindruckte Journalisten mit ihrer Sammlung von Literaturklassikern, die sie bereitwillig in ihrer Wohnung in Berlin-Karlshorst vorführte. Auch jüngst posierte sie dort wieder für den „Spiegel“ vor einem Bücherregal mit Schiller- und Brecht-Ausgaben.

Trotz ihrer früheren Fundamentalopposition entschied sie sich 2004, für die Wahl zum Europäischen Parlament zu kandidieren, wo sie bis 2009 als Abgeordnete saß. Nach ihrem „Exil“ in Brüssel fand sie schließlich ihre neue politische Heimat in Nordrhein-Westfalen – in dem wohl radikalsten Landesverband der Linkspartei, für den sie 2009 auch in den Bundestag einzog. Mit ihren antikapitalistischen Extrempositionen hatte Wagenknecht in der eher kompromissfreudigen, reformorientierten Ost-Linken nie Fuß fassen können.

Ungeahnte Sympathie aus der Partei

Nach der Bundestagswahl passierte ohne großes Aufsehen, was vor Jahren noch undenkbar war: Die Fraktion machte Wagenknecht zur wirtschaftspolitischen Sprecherin. Möglich wurde das, weil sich die neue Linkspartei unter Oskar Lafontaine deutlich links der alten PDS positioniert hat, während Wagenknecht allmählich zahmer geworden ist. Man bewegte sich aufeinander zu.

Seit jeher streitbar, telegen und mediengewandt, ist sie als Talkshowgast in der Wirtschafts- und Finanzkrise gefragter denn je. Ihr etwas altbackener Kommunisten-Sprech vergangener Tage ist gewichen, und was davon noch übrig ist, wirkt angesichts der Finanzkrise hochaktuell.

Auch in ihrer eigenen Partei erfährt Wagenknecht plötzlich ungeahnte Sympathie. Auf dem Parteitag in Erfurt vor gut zwei Wochen erhielt sie viel Beifall, auch vom Reformflügel. Ihre Forderungen nach einer Verstaatlichung der Banken und einer höheren Besteuerung von Vermögen sind – angesichts der dramatischen Finanzkrise - mittlerweile nicht nur in der Linkspartei Konsens. „Selbstverständlich muss man in Führungspositionen die gesamte Partei vertreten und nicht nur eine Strömung“, erklärte Wagenknecht, deren Mitgliedschaft in der Kommunistischen Plattform seit fast zwei Jahren ruht.

Über ihr Privatleben dringt nicht viel durch: Seit 1997 ist sie mit dem westdeutschen Filmproduzenten und Geschäftsmann Ralph-Thomas Niemeyer verheiratet, der sich selbst als eher liberal einstuft und seine Gattin als „Stalinistin“ foppt. Er lebt in Irland, wo sie sich in ländlicher Ruhe vom Berliner Stress entspannt.