Grabenkämpfe

Die West-Linke redet Lafontaines Rückkehr herbei

Die Linke diskutiert über die Rückkehr von Oskar Lafontaine nach Berlin. Für die Reformer ist das bundespolitische Comeback des Saarländers eine Horrorvision.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Wieder einmal ist es keine Äußerung Oskar Lafontaines, die in der Partei Die Linke für Aufruhr sorgt, sondern es sind Gerüchte, Halbsätze und Ideen aus dem Munde anderer. Man sollte allerdings nicht glauben, dass sie nicht mit Billigung des Saarländers in die Welt gesetzt wurden. Das würde der Erfahrung widersprechen.

Diesmal war es die Lafontaine-Vertraute Sahra Wagenknecht, die in einem Interview der „Leipziger Volkszeitung“ über ein Spitzenduo Lafontaine-Gysi für die Bundestagswahl 2013 sprach. Ein solches werde von der „übergroßen Mehrheit“ gewünscht.

Danach ließ ein angeblicher weiterer Vertrauter über „Spiegel online“ verbreiten, die Kandidatur sei entschieden. Da hilft es auch nichts mehr, dass einer der Sprecher von Fraktionschef Gregor Gysi beteuert, Partei und Fraktion blieben gelassen, an den Gerüchten sei „nichts dran“.

Tatsächlich hat die Linke nun drei Wochen vor dem lange geplanten und mit gewaltigen Erwartungen versehenen Programmparteitag in Erfurt eine heikle Personaldebatte am Hals. Und es hat den Anschein, als hätten das bestimmte Kreise in der Partei genau so kalkuliert.

Partei scheidet sich in zwei Lager

Auf dem Parteitag wird nämlich über einen inhaltlichen Entwurf diskutiert, der noch stark von Lafontaine bestimmt wurde, bevor er sich wegen einer Krebserkrankung vor eineinhalb Jahren aus der Bundespolitik auf seinen Posten als Fraktionschef im saarländischen Landtag zurückzog.

Nun fürchten die einen und hoffen die anderen, dass die Personaldiskussion die Programmdiskussion mitprägt. So scheidet sich die Partei wieder einmal in zwei Lager, die einander fragen: Bist du für oder gegen Lafontaine? Umgedeutet für die Programmdebatte könnte das bedeuten: Bist du für oder gegen das, was Lafontaine für richtig hält? Der steht für einen scharfen Oppositionskurs, der den Reformern bitter aufstößt, weil sie möglichst flächendeckend mitregieren wollen.

"Er war nie weg"

Für Lafontaines Bundestagskandidatur sind vor allem West-Linke. „Er ist einfach eine Persönlichkeit“, sagte Giesela Brandes-Steggewentz, die niedersächsische Linke-Vorsitzende, der „Welt“. „Ich fände es gut“, sagte sie mit Blick auf seine mögliche Kandidatur. „Ich hätte nichts dagegen“, sagte auch die bayerische Bundestagsabgeordnete Eva Bulling-Schröter. „Er war nie weg.“ Lafontaine bringe sich ja jetzt bereits immer wieder ein.

„Ich gehe davon aus, dass eine Kandidatur von der Mehrheit in Nordrhein-Westfalen unterstützt wird“, sagte Ralf Michalowsky, Abgeordneter in Düsseldorf und ehemaliger Parteisprecher, Morgenpost Online. Lafontaine habe bewiesen, dass er die Partei nach vorne bringen könne. NRW verfügt über den größten westdeutschen Landesverband. Ähnlich äußerte sich Ulrich Maurer, Fraktionsvize der Partei im Bundestag: „Das würde uns nutzen. Lafontaine ist ein Zugpferd“, sagte er der „Mitteldeutschen Zeitung“.

Ernst wäre bei Reformern vollends durch

Ulrich Maurer ist eine Hassfigur der Reformer. Die ruppige Art des einstigen SPD-Genossen aus Baden-Württemberg stößt vielen auf. Als Feingeist ist auch der Vorsitzende der Linke, der Bayer Klaus Ernst, nicht eben bekannt. In der aktuellen Debatte zieht er, der an sich selten um einen Kommentar verlegen ist, es bisher vor, zu schweigen.

Auf Nachfrage von „Morgenpost Online“ verwies er hektisch auf die Pressestelle. Die sei der richtige Adressat. Ernst gehört ebenfalls zum engen Kreis um Lafontaine. Würde er seinem Mentor die Kandidatur nahelegen, wäre Ernst bei den Reformern vollends unten durch.

Gysi kann Einfluss und Autorität ausüben

„In den letzten Fraktionssitzungen wurde eigentlich mitgeteilt von einflussreichen Parteiführern, man solle auf keinen Fall Personaldebatten führen. Im Moment führt genau diese Seite die Debatte“, schimpft der Bundestagsabgeordnete Jan Korte, der dem Reformerlager angehört. Für diesen Parteiflügel ist Lafontaines Rückkehr eine Horrorvorstellung. Da reicht schon das Gerücht. Wenn das passiere, würde es sehr schwierig, sagt einer und meint damit sogar den Fortbestand der Linke als Partei.

Mit Klaus Ernst haben die Reformer vor eineinhalb Jahren ein großes Zugeständnis gemacht, als sie ihn als Vorsitzenden akzeptierten. Immerhin waren sie Lafontaine los. Manche Reformer sehen nun den Versuch, ihre Entmachtung in die Wege zu leiten. Alles bleibt wieder einmal an Gregor Gysi hängen. Der Fraktionschef ist der Einzige, der in allen Lagern Einfluss und Autorität ausüben kann. Im April hatte Gysi freilich eine Rückkehr Lafontaines in die Bundespolitik für eine „Notsituation“ nicht ausgeschlossen.