"Maybrit Illner"

Sahras schäumende Wut auf das "perverse System"

Auf zum letzten Gefecht mit der Wagenknecht: Bei Maybrit Illner wetterte die Linken-Vizechefin gegen die Macht der Banken. Und bekam dafür unerwarteten Zuspruch.

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Sahra Wagenknecht, stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei, wollte wohl keinerlei Zweifel aufkommen lassen, aus welcher politischen Denkrichtung heraus sie bei „Maybrit Illner“ über die jüngsten Verwerfungen der Euro-Krise diskutieren wollte:

Als Garderobe wählte die scharfzüngige Kapitalismuskritikerin ein feuerrotes Kostüm. Die Haare streng nach hinten gebunden, attackierte sie sofort ein „perverses System“, in dem Banken bloß zocken, wetten und spekulieren würden. Auf Kosten der Bevölkerung, natürlich.

Solche Statements kann man von Wagenknecht, die lange Jahre Mitglied der kommunistischen Plattform in der Linkspartei war, erwarten. Überraschend war jedoch, dass die Männer mit den Streifenkrawatten, die dem einzigen weiblichen Talkgast in der ZDF-Runde aufmerksam zuhörten, kaum widersprachen. Die Krise macht’s möglich: Radikale Kapitalismusschelte wird öffentlich-rechtlich-tauglich, Marx goes Mainstream.

„Griechen pleite, Banken in Not – Wer rettet den Steuerzahler?“, lautete der Titel des Talks. Und weil Illner ja nur einmal pro Woche sendet, nahm sie sich vot, die gesamte Nachrichtenlage der letzten Tage aufzuarbeiten:

Die Anti-Wall-Street-Proteste in New York, welche die Aktivisten jetzt auch auf Deutschland ausweiten wollen. Das Schicksal des Schuldenstaats Griechenland, der bald durch einen harten Schuldenschnitt von einem Teil seiner Schuldenlast befreit werden könnte. Und die missliche Lage zahlreicher europäischer Großbanken, die wegen großer Mengen an Staatsanleihen von Schuldenstaaten am Abgrund stehen.

"Unheilige Allianz“ zwischen Politik und Bankiers

Komplexe Prozesse, schwer zu verstehen, das sah die ganze Runde so. Banken-Bashing ist da schon einfacher. „Mister Dax“ Dirk Müller eröffnete das Scheibenschießen mit einem Zitat des US-Industriellen Henry Ford: „Wenn die Menschen unser Geldsystem verstehen würden, dann hätten wir die Revolution morgen früh.“ Der Finanzexperte geißelte eine „unheilige Allianz“ zwischen Politik und Bankiers, die eine nachhaltige Lösung der Krise verhindern würde.

Da wollte der Ex-„Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert nicht nachstehen. Wickert konstatierte einen kontinuierlichen Wertefall innerhalb der letzten 30 Jahre. Die Akteure der Finanzwelt hätten sich Freiheiten genommen, ohne jemals für ihr Handeln Verantwortung übernehmen zu müssen.

Die Folge: Bankenwelt und Finanzindustrie hätten Staat und Politik heute fest im Griff. Deshalb müssten die Bürger auf die Straße gehen und „vor die Frankfurter Börse ziehen“. Der Ex-Anchorman gab den Revoluzzer – Wagenknecht wird es gefallen haben.

Auch der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Volker Wissing, zeigte Verständnis für den Groll vieler Steuerzahler, die weder für Banken noch für Staaten haften wollen. Freimütig gestand er ein, dass die Politik derzeit von den Märkten erpressbar sei. Aber: „Es gibt wenig Entscheidungsalternativen.“ Und die EFSF sei dazu da, „jeden einzelnen Bürger zu schützen“. Das gelte es zu erklären.

"Seit meiner Kindheit höre ich nur: Krise hier, Krise da“

Beschützt fühlt sich Wolfram Siener bestimmt nicht. Der junge Mann mit den kurzen Locken, der am kommenden Samstag die Aktion „Occupy Frankfurt“ organisiert, war als wütende Vox populi eingeladen.

„Seit meiner Kindheit höre ich nur: Krise hier, Krise da“, sagte er. Siener glaubt nicht mehr, dass die etablierten Parteien echte Lösungen hätten. Er verwies auf die Schwarmintelligenz im Internet, auf eine Gegenöffentlichkeit, die längst viel offener über Systemschwächen diskutiere. Diese Bewegung wolle er jetzt auf die Straße holen. Zunächst nach Frankfurt, ins gläserne Herz der deutschen Hochfinanz.

Die Stimme der so Gescholtenen war bei Illner Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken. Kemmer verteidigte seine Zunft, kein leichtes Unterfangen in einem Sturm der Entrüstung. Er verwies darauf, dass es den deutschen Banken sehr gut gehe. Die Eigenkapitalquote der Geldinstitute sei so hoch wie nie zuvor.

95 Prozent der Banken seien im klassischen Kreditgeschäft tätig und würden nicht zocken, sondern letzten Endes Investitionen tätigen, die dem Wirtschaftsstandort Deutschland zu Gute kämen. Und aus der Lehman-Pleite habe die Branche gelernt. Was der Lernerfolg genau ist, ließ Kemmer offen.


Der Mann von der Ratingagentur als Blitzableiter

Der Banken-Sprecher war sichtlich erleichtert, als Illner gegen Ende des Talks noch einen Blitzableiter in die Runde holte: Torsten Hinrichs, Deutschlandchef der Ratingagentur Standard & Poor's. Die Ratingagenturen sind vielen Politikern ein Dorn im Auge, weil ihre Urteile über Kreditwürdigkeit von Staaten und Banken wie Brandbeschleuniger wirken können.

Ein perfektes Ziel für Wagenknecht: „Es kann doch nicht sein, dass das Wohl und Wehe ganzer Staaten von den Launen einer Handvoll Investmentbanker und dreier Ratingagenturen abhängt“, ereiferte sie sich. „Mister Dax“ sprang ihr bei, er unterstellte den Ratingriesen, von der US-Regierung gesteuert zu werden.

Die seltsamen Allianzen unter den Diskutanten zeigten: Der Unmut über die Dauerkrise ist groß, er beschränkt sich nicht mehr auf einzelne politische Lager oder Professionen. Der Illner-Talk zeigte auch: Breite Bevölkerungsschichten trauen den etablierten Parteien nicht mehr zu, Deutschland oder auch Europa aus dem Würgegriff der Märkte zu befreien. Die Sorge um das eigene Portemonnaie mündet in Politikverdrossenheit.

Das bekommt auch Wagenknechts Linkspartei zu spüren: Trotz angesagter Kapitalismuskritik dümpelt sie in Umfragen bei sieben Prozent. Auch wenn viele Bürger rot sehen: Rot ist nicht die Farbe dieses Protests.