Ärger um Plagiate

Die "Titelhuberei der politischen Klasse" ist schuld

Nach den Plagiatsfällen fordern Wissenschaftler die Politik zum Umdenken auf: Mit der Mittelvergabe nach der puren Anzahl von Promotionen soll endlich Schluss sein.

Foto: Karl Jochen Lengemann

Nun hat es mit Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann den nächsten erwischt . Die Doktorarbeit des CDU-Politikers und Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz soll laut einer Analyse der „Zeit“ zu mehr als der Hälfte aus teils verschleierten Zitaten bestehen.

Althusmann entschuldigte sich bereits, räumte mögliche handwerkliche Fehler ein und sagte, er habe nirgendwo von anderen Wissenschaftlern abgeschrieben, ohne das zu kennzeichnen. Einen Rücktritt lehnte er ab. Die Uni Potsdam prüft die Vorwürfe.

Diskussion um Qualität geht erst richtig los

Die Plagiatsjäger haben den nächsten prominenten Fall aufgetan und die Diskussion um die Qualität von Dissertationen geht erst richtig los. Zuletzt hatte Bundesforschungsministerin Annette Schavan die Unis ins Visier genommen.

Die CDU-Politikerin riet den Unis in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ im Zuge der Plagiatsaffären, „selbstkritisch“ mit dem Thema umzugehen und „nicht auf eine möglichst hohe Zahl von Titelvergaben zu zielen“. Der Doktortitel müsse „Ausdruck einer wissenschaftlichen Qualifikation“ sein und nicht ein „Statussymbol oder Titelhuberei“.

Eine Titelhuberei von Seiten der Unis? Sind allein die Hochschulen daran Schuld, dass der Doktortitel mittlerweile als beschädigt gilt? Gegen diese Vorwürfe wehrt sich eine breite Front von Wissenschaftlern. Hört man sich an den Hochschulen um, lautet die Argumentation nämlich genau anders herum: War es nicht die Politik, die in den vergangenen Jahren durchgesetzt hat, dass immer mehr Mittel nach Leistung vergeben werden?

Und weil bei dieser Berechnung als Beispiel die bloße Zahl der Promotionen zählt, nicht aber die Qualität, müsse eine Titelhuberei doch eher der Politik vorgeworfen werden.

Erzürnte Stimmen aus den Hochschulen Heidelberg und Bonn

Erzürnte Stimmen kommen aus den derzeit mit Plagiatsfällen befassten Hochschulen Heidelberg und Bonn. Der Dekan der Philosophischen Fakultät und Vorsitzende des Promotionsausschusses der Uni Heidelberg, Manfred Berg, sagte „Morgenpost Online“: „Es ist vor allem die Titelhuberei der politischen Klasse, die uns die derzeitigen Probleme eingebrockt hat.“

Berg überprüfte über Wochen Koch-Mehrins Arbeit auf Plagiate und gab anschließend bekannt, dass ihr der Doktortitel entzogen wird .

Deutliche Kritik an Schavan kommt auch von der Uni Bonn. Dort soll in den kommenden Wochen die Entscheidung über eine mögliche Aberkennung des Doktortitels des FDP-Europapolitikers Jorge Chatzimarkakis veröffentlicht werden.

Der Bonner Wissenschaftsrechtler Wolfgang Löwer zählt zu den Promotionsexperten Deutschlands und gehört dem Gremium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für die Einhaltung guter wissenschaftlicher Praxis an.

Aus Löwers Sicht hat Schavan die Maßstäbe bei ihrer Bewertung umgedreht: „Es ist die Politik, die von den Unis eine große Zahl von Habilitationen und Promotionen verlangt; sie betrachtet die Quantität offenbar zugleich als Nachweis der Qualität“, sagte Löwer, der die Uni Bayreuth im Fall Guttenberg beriet, „Morgenpost Online“.

Hochschulmittel nur zu kleinem Teil nach Leistung vergeben

Man sollte darauf hinweisen, dass die Mittel für die Hochschulen nur zu einem kleinen Teil nach Leistung vergeben werden. Auswertungen des Hochschul-Informations-Systems von Beginn des Jahres zeigen, dass allein in drei Bundesländern – Berlin, Rheinland-Pfalz, Thüringen – über 20 Prozent der Mittel danach ausgeschüttet werden.

In den meisten Bundesländern sind dies fünf bis 20 Prozent. Außerdem gilt die Zahl der Promotionen üblicherweise nur als eine von mehreren Kennzahlen.

Dennoch hat die seit ein paar Jahren zunehmende Mittelvergabe nach Leistung oder etwa der Wettbewerb in der Exzellenzinitiative die Hochschulen wachgerüttelt. Das sagen viele Wissenschaftler, die zum großen Teil auch froh sind über die Entwicklung an den Hochschulen im letzten Jahrzehnt.

Viele sehen aber auch, dass es ein paar Geburtsfehler gab. Dazu gehört wohl das Schielen auf bloße Zahlen. Dieser Unmut kocht nun hoch. Auch die zwei wichtigsten Interessenverbände von Wissenschaftlern reagieren mit Kopfschütteln auf Schavans Äußerungen.

Mittelvergabe nach Anzahl der Promotionen?

Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Michael Kempen, fordert sogar ein Ende der Mittelvergabe nach Anzahl der Promotionen: „Es darf nicht sein, dass derjenige mehr Geld bekommt, der mehr Promotionen aufweist“, sagte Kempen „Morgenpost Online“.

Der Chef der nach eigenen Angaben mit rund 24.000 Mitgliedern größten fächerübergreifenden Wissenschaftlervereinigung in Europa stellt die leistungsorientierte Mittelvergabe insgesamt in Frage. „Da müssen sich die Ministerien fragen, ob sie nicht eine Mitverantwortung an der derzeitigen Situation haben, die eher quantitative statt qualitative Anreize schafft.“

Gegenwind erhält Schavan auch von der Hochschulrektorenkonferenz. Deren Präsidentin, Margret Wintermantel, bekannt für eher vorsichtige Äußerungen, gibt der Ministerin zwar Recht, es dürfe keine Titelhuberei geben.

„Aber es ist eben auch eine problematische Entwicklung, wenn sich rein quantitative Größen wie etwa die Zahl der betreuten Doktorarbeiten ohne Ansehen der Qualität unmittelbar auf die Mittelzuweisung auswirken“, sagte Wintermantel zu „Morgenpost Online“.

Der Plagiatsfall Karl-Theodor zu Guttenberg brachte die Diskussion über die Qualität und Originalität von Doktorarbeiten ins Rollen. Zunächst galt Guttenberg als Täter und seine Universität als Opfer, das vom CSU-Minister betrogen wurde.

Doch nachdem die Plagiatsjäger von GuttenPlag und VroniPlag Wiki immer mehr Doktorarbeiten von Prominenten zerlegten, war klar: Es geht um mehr als Tricks von einzelnen Promovierenden. Irgendetwas stimmt nicht mit der Qualitätskontrolle an den Universitäten. Das wissen auch die Universitäten, die sich nicht frei von Schuld sehen.

Der Doktortitel gilt mittlerweile als beschädigt

Durch einen Boom der Ghostwriter-Branche für Doktorarbeiten, eingekaufte Titel aus dem Ausland und nun die aktuellen Plagiatsfälle gilt der Doktortitel mittlerweile als beschädigt. Auch der Hochschulverband sieht die einzelnen Unis in der Pflicht, ihre Reputation zu sichern. „Der Ball liegt nun bei den Fakultäten, die für eine angemessene Betreuung sorgen müssen“, ist für Kempen klar.

Und viele Fakultäten und Hochschulen handeln: Promotionen müssen oftmals von nun an elektronisch eingereicht werden, um im Zweifelsfall per Plagiatssoftware geprüft zu werden. Aus Sicht des DFG-Ombudsmann Löwer bringt das eine „gewisse Abschreckung.

Es ist jedenfalls so, als ob man ein Schild ,Vorsicht: bissiger Hund!’ davorhängt“. Oft wird mittlerweile eine eidesstattliche Erklärung verlangt, nach der eine Arbeit der Promotionsordnung entspricht.

Promotionen sollen enger betreut werden

Die Hochschulrektorenkonferenz hat eine Arbeitsgruppe berufen, die Empfehlungen für die Qualitätssicherung an den Unis formulieren wird. Promotionen sollen vor allem enger betreut werden, damit die Qualität der Kandidaten leichter, quasi nebenher, kontrolliert werden kann.

„Wenn einer im stillen Kämmerchen 200 Kilometer entfernt vom Doktorvater sitzt und kaum Anbindung an die Universität hat, sind das schwierige Voraussetzungen“, sagte Präsidentin Wintermantel. Sie geht allerdings davon aus, dass die Empfehlungen der Gruppe erst Ende 2012 stehen.

Peter-André Alt hat viele der Probleme, vor denen er in diesen Wochen steht, kommen sehen. Bereits im vergangenen Sommer schrieb der Präsident der Freien Universität aus Berlin – einer der sogenannten „Elite-Unis“ – in einem Gastbeitrag für die „FAZ“, dass die Forschung nur noch bedingt autonom sei, weil sich der Staat aus der Hochschulfinanzierung zurückziehe und Gelder zunehmend nach Leistung verteilt werden.

Vor allem kritisierte er die Kennzahlen für die Produktivität der Hochschulen: Einhalten der Regelstudienzeit, Forschungsdrittmittel oder auch die Zahl der Abschüsse und Promotionen. In Berlin werden bereits seit den 90ern viele Mittel nach Leistung vergeben. „Man muss aufpassen, dass man nicht in eine Tonnenideologie gerät“, sagte Alt „Morgenpost Online“. „Nach dem Motto: Je mehr, desto besser.“

Konfrontationskurs zur Honorar-Professorin Schavan

Alt geht auf Konfrontationskurs zu seiner Honorar-Professorin Schavan und fordert den Abschied von rein quantitativen Parametern bei der Leistungsberechnung. Wohin das führen kann, hätten eben auch die aktuellen Plagiatsfälle gezeigt: Manche in der Hochschulwelt achten heute zu sehr auf bloße Zahlen.

Irgendetwas läuft gründlich falsch in der Wissenschaftspolitik. Da sind sich Schavan und Vertreter der Hochschulen einig. Doch derzeit profitieren alle von guten Noten. Studenten kommen schnell zu ihren Abschlüssen. Doktoranden können später ihren Titel für die Karriere nutzen. Und die Unis bekommen mehr Gelder zugewiesen.

Es sieht so aus, als ob es derzeit keinen Leidtragenden gibt. Doch für DFG-Ombudsmann Löwer steht fest: „Verliererin ist die Wissenschaft.“