Zehntausende Fälle

Skandal um massenhafte Schulnotenfälschung in USA

Im großen Stil und mit mafiösen Methoden schönten Lehrer an 44 Schulen in Atlanta jahrelang Schulnoten – um millionenschwere Subventionen zu erschleichen.

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Es klingt wie der Wunschtraum des klassischen faulen Schülers: Seine Lehrer beugen sich bei der Klassenarbeit über ihn und deuten auf die richtige Antwort; sie setzten ihn neben bessere Schüler und ermutigen zum Abschreiben; wenn alles nichts hilft, löschen sie beim Korrigieren die Fehler, setzten die richtigen Antworten ein und liften Tests zu vorzüglichen Noten.

In Atlanta, der Fünf-Millionen-Metropole des amerikanischen Südostens, ist dieser Traum ein Jahrzehnt lang wahr gewesen.

An 44 von 52 öffentlichen Grund- und Mittelschulen stifteten Direktoren ihr Kollegium, Lehrer ihre Schüler zum Fälschen an, um bei standardisierten nationalen Test gut abzuschneiden und Subventionen des Bundes wie privater Stiftungen zu erschleichen. Es heißt, 82 von 178 belasteten Lehrern hätten gestanden. Sie berichteten, die Fälschungen seien im Stil der Mafia durchgezogen worden, „mit Furcht, Einschüchterung, Vergeltung“.

Wer nicht mitspielte, wurde unter Druck gesetzt, wer nicht nachgab, an andere Schulen verbannt. Immerhin soll es keine Morddrohungen gegeben haben. Das Schweigegebot war auch ohne sie so wasserdicht, dass zehntausende Kinder in Atlanta akademisch nicht halb so gut sind wie ihre Lehrer sie glauben machten.

Eltern sind wütend, sie sehen ihre Kinder um die Wahrheit und wirkliche Bildung betrogen. Der Traum des faulen Schülers endete mit bösem Erwachen, als die Fälscherwerkstatt ihre ahnungslosen Geschöpfe in die Wirklichkeit entließ.

Zeitungsrecherchen deckten Fall auf

Zu Tage kam der Skandal durch insistierende Recherchen der Zeitung „ Atlanta Journal Constitution “, die eine Untersuchung des Staates Georgia anstießen. Den Reportern waren Testergebnisse von Schulen aufgefallen, die so blendend und statistisch unwahrscheinlich waren, dass rätselhaft schien, wie sie je von der Schulbehörde abgesegnet werden konnten.

Ergebnisse an den 44 Schulen übertrafen ihre Konkurrenz im Staat um das 20- bis 50-Fache; die Wahrscheinlichkeit war etwa so groß wie den Georgia Dome, die 70.000 Zuschauer fassende Football-Arena, nur mit zwei Meter großen Fans auszuverkaufen. Stattdessen ließ sich Beverly Hall, elf Jahre lang die Superintendantin für die öffentlichen Schulen Atlantas, mit Lob, Preisen und Fördergeldern überschütten.

Hall ging in der vergangenen Woche in Pension, Tage vor Erscheinen des staatlichen Untersuchungsberichts.

Das Dokument wirft Hall, 2009 zur „Nationalen Superintendantin“ der USA gekürt, vor, gegen jedes Gebot von „Ethik und Integrität“ verstoßen zu haben. Die Beschuldigte äußerte sich „schockiert“, sie habe keine Ahnung von den Fälschungen gehabt. Unsinn, entgegnen die staatlichen Prüfer, sie habe davon gewusst oder hätte davon wissen müssen. Mindestens einer der Schulräte in der Erziehungsbehörde Atlantas will von Hall zehntausende Dollar an Bonuszahlungen für akademische Spitzenleistungen ihrer Schulen zurückfordern.

Wie an Millionen Steuergelder zu gelangen wäre, die zu Unrecht an Atlantas Schulen flossen, ist offen. Wahrscheinlich wird es ohne Gerichtsverfahren nicht abgehen. Ein halbes Dutzend Spitzenbeamte und zwei Schuldirektoren sind zurückgetreten oder entlassen worden; neben dienstrechtlichen Sanktionen drohen Lehrern Anklagen wegen Urkundenfälschung.

Zu allem Überfluss könnten auch die Highschools Atlantas ihre Lehrlizenz durch das nationale Aufsichtsamt ADVANCED verlieren. Nur acht von 5000 Schulbezirken in den USA drohen wegen zu schwacher Leistungen der Entzug ihrer Lehrerlaubnis.

Zu den unangenehmen Wahrheiten des Schulskandals zählt die Erkenntnis, dass es die Schulen mit dem höchsten Anteil an Minderheiten (71 Prozent) und der höchsten Armutsquote (72 Prozent) in Atlanta traf. Nur ein Viertel der Kinder aus schwarzen Familien erzielen die durchschnittlichen Fähigkeiten weißer Kids in Lesen und Rechnen.

Das hat viele Gründe. Es wird in Amerika, das seinen Sündenfall der Versklavung und Diskriminierung überwunden glaubt, nicht gern darüber gesprochen. Der Skandal in Atlanta bildet nur die Avantgarde von staatlichen Ermittlungen in mögliche Täuschungsversuche in den Schulen Philadelphias, Los Angeles' und Washingtons, sämtlich Städte mit hohem Anteil an Afroamerikanern.

"No Child Left Behind“

Im Grunde begann die Misere der Fälschungen, nicht der Armut, 2001 mit einer gutgemeinten Erziehungsreform namens „No Child Left Behind“ (NCLB). Präsident George W. Bush hatte diesen Schwur, kein amerikanisches Kind mehr in der Erziehung zurückfallen zu lassen, in seinem Wahlkampf geleistet. Bush gewann die Unterstützung des liberalen Senators Edward Kennedy und damit die überparteiliche Verabschiedung des Gesetzes.

NCLB sollte Bundessubventionen an überprüfbare Kriterien und Leistungen binden; Schulen mussten das Erreichen von Standards nachweisen. Fallen sie zweimal durch, müssen sie es Eltern ermöglichen, bessere Schulen zu finden. Schließungen, Entlassungen, Übernahmen drohen denen, die wiederholt versagen.

Kritiker von NCLB wiesen früh darauf hin, dass Schulen in den verarmten Inner Cities nicht gegen die glänzend ausgestatteten Schulen weißer Vororte antreten könnten. Da öffentliche Schulen in den USA zu einem Großteil von den Grundsteuern ihrer Gegend leben, sind reiche Viertel doppelt begünstigt. NCLB zwinge arme Schulen, Distrikte und Staaten im Grunde dazu, Testergebnisse zu frisieren.

So geschah es in Atlanta: Lehrer trafen sich zu Fälschungs-Parties, Schüler und Eltern allein. Und alle waren zufrieden.