Loveparade-Drama

Sauerland, das Gesicht der Duisburger Katastrophe

Viele Duisburger wollen ihren OB loswerden, ein zweiter Abwahlantrag läuft. Doch Sauerland verteidigt sein Festhalten am Amt.

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Die Wölfe sind unruhig. Adolf Sauerland geht am Gehege vorbei und biegt rechts ab in die neue "Erlebniswelt" des Duisburger Zoos. Der Oberbürgermeister (OB) ist zur Einweihung gekommen, ebenso wie die vielen Kinder mit den roten Schirmmützen. Es werden Reden gehalten, dann tänzelt der gestiefelte Kater aus einem Stall und singt ein Lied aus einem Musical. Für Sauerland ist es ein wichtiger Termin, auch wenn er nicht selbst redet. Er ist immerhin Verwaltungsratschef der Sparkasse, die diese Erlebniswelt finanziert hat. Und es ist sein Alltag als Stadtoberhaupt.

Alltag, das sagt sich so leicht. Aber was heißt das schon für Adolf Sauerland? Der 56-jährige Christdemokrat wird permanent an die Loveparade erinnert, viele Bürger geben ihm sogar die Verantwortung dafür, dass am 24. Juli vergangenen Jahres 21 Menschen starben, Hunderte verletzt und Unzählige traumatisiert wurden.

Öffentliche Anfeindungen und anonyme Morddrohungen erlebt er nicht mehr. Aber der Unmut ist geblieben bei Überlebenden und Hinterbliebenen. Wenn man sie fragt, dann sagen sie: "Der Sauerland muss zurücktreten." Mit der Katastrophe scheint sein Name unauflöslich verbunden zu sein. Unvergessen auch sein verschmiertes Antlitz nach einer Ketchup-Attacke.

In einem ruhigen Moment, vor dem Zoo-Termin, sagt der OB dieser Zeitung: "Mein Leben wird seit dem 24. Juli von der Katastrophe bestimmt. Ich stehe mit dem Gedanken an die Loverparade auf und schlafe damit abends wieder ein. Es hat sich alles geändert."

Auch an jenem Julitag im Zoo, wo alles fröhlich und sorglos scheint, holt ihn die Loveparade irgendwann ein. Im hölzernen "Entdeckerhaus" steht Sauerland auf der Terrasse und blickt zum Horizont, wo sich ein Turm erhebt, der Gasometer von Oberhausen. Dann dreht er sich um zu den Journalisten und sagt: "So, jetzt die Frage, was macht der Oberbürgermeister am 24. Juli, richtig?"

Er sagt, dass er in die kirchlichen Messen gehen werde und sich mit Freunden treffe. Ins Fußballstadion des MSV Duisburg kommt er aber nicht, wo die zentrale Trauerfeier mit den Hinterbliebenen der Opfer ausgerichtet wird. Einige Angehörige sind dagegen, dass Sauerland dabei ist. Das will er respektieren.

"Ich musste präsent sein"

Die Stadt Duisburg bereitet sich auf einen großen Trauertag vor, die Staatskanzlei der rot-grünen Landesregierung hat die Zeremonie organisiert, und die Evangelische Kirche Rheinland kümmert sich um die Gestaltung. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft wird eine der Fürbitten sprechen. Im vergangenen Jahr hielt sie die einfühlsame Trauerrede in der Salvatorkirche.

Sauerland fehlte schon damals. Kraft schien wie eine tröstliche Lichtgestalt, und Sauerland stand da als Sündenbock. Die Kritiker nehmen ihm auch seine Anteilnahme nicht ab. Er versucht in seinem Büro zu erklären, warum die Wut ihn trifft und nicht Veranstalter oder Polizei. "Der einzige, der greifbar war, war der OB. Ich musste präsent sein. Andere konnten schnell wieder von der Bildfläche verschwinden. Dabei war nicht die Stadt der Veranstalter, sondern Lopavent."

Sauerland sagt auch, dass er in der ersten Pressekonferenz am Tage nach der Katastrophe Fehler gemacht habe: "Man wollte in einer solchen Situation viel zu früh Antworten geben, die man gar nicht haben konnte. Wir ließen uns auf Fragen ein, die sich noch gar nicht beantworten ließen." Auch habe er sich zunächst aus Sorge vor juristischen Folgen mit Worten wie Verantwortung zurückgehalten.

Prozessbeginn kann noch Monate dauern

Sauerland ist nach wie vor überzeugt davon, dass die Stadtverwaltung keinen Fehler gemacht hat, auch wenn die Staatsanwaltschaft Duisburg das anders sieht. Sie hat bislang rund 3000 Zeugen gehört und Hunderte Akten gesichtet. Zur Verantwortung gezogen wurde bis heute aber niemand. Ein Prozessbeginn kann noch Monate dauern.

Sauerland selbst hat einen ersten Abwahlantrag im Rat überstanden; Bürger wollen nun einen zweiten Abwahlantrag initiieren und sammeln Unterschriften. 30.000 haben sie schon zusammen. Unterzeichnen bis zum Ende der Aktion 52.000 Duisburger, folgt ein Bürgerentscheid. Dann können die Bürger direkt über Sauerlands politisches Schicksal abstimmen.

Aber Sauerland macht weiter, so als wolle er alles durch schiere Geschäftigkeit irgendwann entkräften; so als könne er sich von einer Vorverurteilung befreien, indem er immer wieder sein Bedauern über die Katastrophe bekundet.

Kürzlich hat er in der Stadtratssitzung eine Erklärung abgegeben – mit zwei zentralen Sätzen: "Als Oberbürgermeister dieser Stadt trage ich moralische Verantwortung für dieses Ereignis. Es ist mir ein persönliches Bedürfnis, mich an dieser Stelle bei allen Hinterbliebenen und Geschädigten zu entschuldigen." Es war das bisher am deutlichsten wahrgenommene Bekenntnis. Sauerland hat sich auch mit Angehörigen von Opfern getroffen, will aber nichts darüber erzählen, um die Diskretion zu wahren.

Sauerland gehört nicht zu den Beschuldigten der Staatsanwaltschaft Duisburg. Er will weiter arbeiten, so als sei er ein normaler OB. "Ich bleibe im Amt, solange nicht nachgewiesen wird, dass es durch das Verhalten der Stadt Duisburg, durch eine Genehmigung der Verwaltung, zu dieser Katastrophe gekommen ist. Das müssen jetzt die Gerichte klären", sagt Sauerland und fügt hinzu: "Sollte es einen Fehler der Verwaltung gegeben haben, werde ich zurücktreten oder mich abwählen lassen."