US-Wahlkampf

Newt Gingrich und der Hass auf Barack Obama

Drei Ehen, eine Affäre, während er moralisch entrüstet das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Bill Clinton betrieb, Maßlosigkeit – Newt Gingrich ist trotzdem die neue Galionsfigur erzkonservativer Republikaner. Mit der Tea Party verfolgt er vor allem ein Ziel.

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Hieße der US-Präsident Newt Gingrich, würde das von Gott erkorene Ausnahmeland Amerika den Iran und Nordkorea in die Steinzeit zurückbombardieren, um einen EMP-Angriff (electro-magnetic pulse) durch die Explosion einer Atombombe über den USA für immer zu unterbinden. Gingrich (68) ließe auf dem Mond nach Schätzen schürfen und lehrte das „erfundene Volk“ der Palästinenser, dass es weder einen eigenen Staat bekommen wird noch ein Existenzrecht hat.

Er würde herumlungernde Teenager aus armen Familien zu Hausmeisterjobs zwingen, um sie Arbeitsmoral zu lehren. Der Mann strotzt vor Ideen: Amerika, wahrlich, wäre ein spannendes Experiment unter dem republikanischen Präsidenten Newton Leroy Gingrich. Sollten ihn die Wähler im November 2012 ins Weiße Haus befördern, würde, so der Kolumnist Joe Klein, eine der verrücktesten Ideen der amerikanischen Geschichte Realität.

Fette Beute aus politischen Verbindungen gemacht

Vor drei Wochen schien nichts ferner. Unter den Bewerbern für die Kandidatur führte Herman Cain in den Umfragen weit vor Mitt Romney, und Gingrich, von Geld, Glück und seinen Wahlkampf-Spezialisten verlassen, spielte bei den TV-Debatten den allwissenden, arroganten Professor und verkannten Propheten. Beide Rollen liegen ihm im Blut, seit der frühere Geschichtsprofessor in Georgia zum Sprecher des Repräsentantenhauses (Speaker) in der Clinton-Ära aufstieg und in Schande aus dem Amt gejagt wurde. Kein anderer Speaker wurde je wegen Ethikverstößen gemaßregelt und mit einem Bußgeld (300.000 Dollar) belegt.

Und kein früherer Speaker hat je so fette Beute aus seinen politischen Verbindungen gemacht. Hundert Millionen Dollar soll seine Consulting-Firma in einem Jahrzehnt verdient haben; allein 1,8 Millionen stellte er dem staatlichen Wohnungsbaugiganten Freddie Mac in Rechnung.

Für „historischen Rat“, nicht etwa als vulgärer Lobbyist, wie Gingrich meint. Schon weil er verlangt, dass Lobbyisten im Dienste Freddie Macs für ihr verhängnisvolles Wirken während der Immobilienblase „ins Gefängnis gehören“. Man sieht, Gingrich sagt viel und gern auch mal das Gegenteil, wenn der Tag lang ist. Und die Tage werden immer länger, seit seine Kandidatur vom schlechten Witz zum üblen Ernst wurde.

Möglich wurde die Wandlung durch Anhänger der evangelikalen Rechten und der radikalen Tea Party, die Amerikas einst stolze konservative Partei zu einer Sammelbewegung von antistaatlichen Aktivisten umgewandelt haben. Es heißt, das alte Establishment der Republikaner, etwa der greise George H.W. Bush, seien entsetzt über den grellen Kandidatenzirkus und den weltfernen Wahn von Bewerbern wie Michele Bachmann, Herman Cain, Rick Santorum, Rick Perry und – Newt Gingrich. Es ist bezeichnend, dass jene, die den Speaker als Fraktionskollegen kannten, nichts mit seiner Kandidatur zu tun haben wollen. Er wütete schrecklich und chaotisch. Begeistert sind jene, die nichts von Gingrich wissen oder wissen wollen.

Gemeinsames Ziel – Barack Obama vernichten

Die dritte Ehe (als frisch konvertierter Katholik); eine Affäre, während er moralisch entrüstet das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Bill Clinton betrieb; die Selbstvermarktung als absoluter, zu Höchstpreisen zu mietender Washingtoner Insider: Gingrich vereinigt in seiner Person und in seiner Karriere so ziemlich alles, was den absoluten Außenseitern der Tea Party widerlich und hassenswert ist. Dennoch ist alles verziehen, und zwar aus zwei Gründen: tief empfundener, alle Einwände tilgender Hass auf Barack Obama verbunden mit ebenso tiefer Verachtung für den glatten Mormonen Mitt Romney. Der harte Kern der republikanischen Basis will nicht nur den Präsidenten Obama besiegen, er will den Mann vernichten.

Es ist eine kleine Minderheit, die an Gingrichs Lippen hängt, wenn er Obama den „zerstörerischsten Präsidenten seit James Buchanan“ schimpft. Er wolle nichts als dieses Land ruinieren, während er, Gingrich, es zu altem Glanz führen werde. Eine irrsinnige Interpretation von Obamas Beweggründen, nämlich „kenianisches, antikolonialistisches Verhalten“ (so der evangelikale Republikaner Dinesh D’Souza) rühmte Gingrich als „die klügste Einsicht in den vergangenen sechs Jahren“. Gingrich, als Intellektueller eigentlich in Tea-Party-Kreisen so verdächtig wie Obama, spricht die Sprache des Verfolgungswahns.

Seine fortgesetzte Warnung vor dem EMP-Angriff, den Wissenschaftler bestenfalls für „höchst theoretisch“, wenn nicht für Science Fiction halten, geht in dieselbe Richtung: Amerika, umgeben von Feinden und (verräterischen) käuflichen Freunden, geführt von einem „Appeasement“-Präsidenten afrikanischer Herkunft, der Amerika zerstören will, braucht einen Propheten, Führer, Heiland, Retter: Es erfleht Gingrichs Gnade.

Ein Schwachkopf ist er nicht. Er würde nicht in neuen Umfragen in Iowa, South Carolina und Florida weit vor Romney liegen, redete er nur dummes, ahnungsloses Zeug daher. Auch liberale Reporter gestehen ihre Faszination für einen skrupel- und prinzipienlosen Mann, der immer überrascht, vor Einfällen sprüht und furchtlos in Pressekonferenzen geht, die ein Romney als Pranger meidet. Es gibt einen gewissen Sportsgeist in Gingrich, der das Disputieren um des Disputierens willen wertschätzt; eine Ausnahme im ideologisch verhärteten Washington.

Gemeinsamkeiten verjährten

Die Kabelsender lieben ihn, weil er nie langweilt, sondern Soundbites liefert, die vor Sarkasmus und Hochmut funkeln. David Brooks, einer der klügsten konservativen US-Kolumnisten, spricht angesichts der politischen Begabung von einer „Gingrich-Tragödie“: Der Mann komme (wie einst Clinton) direkt aus den 60er-Jahren: „Er hat jeden negativen Charakterzug, den Konservative mit den Exzessen der 68er assoziieren: Narzissmus, Selbstgerechtigkeit, Luxusdenken und Maßlosigkeit. Er hat diese Eigenschaften nur in republikanischer Ausprägung.“

In etlichen Positionen war Gingrich vor Jahren Obama verdächtig nahe: bei der Krankenkassenreform, bei der Einwanderung, selbst bei der Erderwärmung hatte er Ideen, die auch Demokraten unterschrieben hätten. Alles verjährt. Washington schließt Wetten ab, ob Gingrich implodiert wie meist. Oder genug Geld und Disziplin hat, die Vorwahlen zu gewinnen. Obama könnte sich keinen farbigeren Gegner wünschen.