Endspurt im Wahlkampf

Ägyptens Frauen wollen die Revolution vollenden

Auf vielen Listen für die Wahl in Ägypten stehen Frauen weit oben. Die besten Chancen haben die Kandidatinnen der Muslimbrüder.

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Wer die Bilder der brutalen Ausschreitungen im Fernsehen sieht, muss denken, dass in Ägypten das öffentliche Leben komplett stillsteht. Doch wer durch die Straßen Kairos oder Alexandrias läuft, wird schnell feststellen, dass außerhalb des Epizentrums, schon ein paar Hundert Meter vom Tahrir-Platz entfernt, das Leben seinen normalen Gang geht.

Hier sind es nicht die Bilder der Kämpfe, die dominieren, sondern die von Kandidaten für die am morgigen Montag beginnenden Parlamentswahlen in Ägypten. Egal wo man geht und steht, überall hängen Poster und Banner, an Bäumen, Säulen, über Straßenkreuzungen, an Autobahnpfeilern. Es gibt kein Entrinnen.

Im Stadtzentrum ist es vor allem ein Gesicht, das immer wieder von riesigen Plakaten auf einen herunterlächelt. Gamila Ismail blickt auf diesen Plakaten in die Ferne, ein Mona-Lisa-Lächeln auf den Lippen, einen Schal um den Hals drapiert. „Wir haben eine Revolution ausgelöst, wir verdienen es, glücklich zu sein“, steht auf den Wahlplakaten der 44-Jährigen.

Ismail ist keine Unbekannte. Seit fast zwei Jahrzehnten ist sie eine Figur des öffentlichen Lebens. Sie arbeitete als Moderatorin, war verheiratet mit dem Oppositionspolitiker Ayman Nour und trat 2010 zu den Parlamentswahlen an.

Jetzt will sie es wieder wissen: „Ich will die Stimme meiner Wähler in diesem Parlament sein, auch wenn es nur eine kurze Lebensdauer haben sollte.“

Jeden Tag ist sie unterwegs, um Wähler zu treffen und sie davon zu überzeugen, ihr am 28. November ihre Stimme zu geben. Ismail, die zum liberalen Lager zählt, tritt als unabhängige Kandidatin im 6. Wahlbezirk an, zu dem weite Teile des Zentrums in Kairo gehören. Sie hat ein Team von Helfern um sich geschart, die Wahlkampftermine organisieren, die Medien bedienen und sie immer dort vertreten, wo Ismail nicht persönlich sein kann. Auch wenn die 44-Jährige in den vergangenen Wochen fast rund um die Uhr gearbeitet hat.

"Entscheidende Monate"

Es ist 22.40 Uhr, als Ismails Autokonvoi endlich im zähen Verkehr der belebten Hauptstraße von Bulaq, im Zentrum Kairos, ankommt. An diesem Abend ist sie zu Gast bei den Vertretern von Nubischen Interessenverbänden. „Es ist wichtig für uns zu wissen, dass wir im neuen Parlament Freunde haben, die sich für unsere Sache einsetzen“, sagt ein Vertreter. Ismail nickt, hört aufmerksam zu und macht Notizen. Sie sieht müde aus, trotz des Make-ups sind die dunklen Ränder unter ihren Augen deutlich sichtbar. Trotzdem ist sie konzentriert, aufmerksam, diskussionsfreudig.

„Die kommenden Monate werden sehr wichtig und auch sehr gefährlich sein“, sagt sie am Ende des Abends. Es ist Mitternacht, als sie sich schließlich verabschiedet. „Es werden entscheidende Monate sein, in denen eine neue Verfassung geschrieben wird und sich entscheidet, in welche Richtung dieses Land geht.“

Nur drei Tage nachdem sie diese Worte aussprach, brachen die Unruhen aus, bei denen bisher 42 Menschen ums Leben kamen und fast 2000 verletzt wurden. Die Bereitschaftspolizei ging brutal gegen die Demonstranten vor, setzte Tränengas ein, schoss mit Gummigeschossen in die Menge, meist auf Augenhöhe. Viele Demonstranten verloren ihr Augenlicht.

Zudem kursieren Gerüchte, dass ein Nervengas versprüht wird, das die Zellen und die Motorik angreift. Sicher ist, dass das eingesetzte Gas anders wirkt als das, welches im Januar gegen Demonstranten eingesetzt wurde. Die Symptome: Krämpfe, Schaum vor dem Mund, Bewusstlosigkeit. Mehrere Demonstranten sollen an den Folgen des Gases gestorben sein.

Ismail brach daraufhin ihren Wahlkampf ab. Sie wollte und konnte nicht weitermachen, als sei nichts geschehen. Auch Hoda Nasralla, Anwältin und Kandidatin für die Sozialisten im Wahlbezirk Shubra, Nord-Kairo, hat ihren Wahlkampf eingestellt. Sie ist auf den Tahrir-Platz gegangen, um zu demonstrieren.

Dabei wäre gerade die letzte Woche vor den Parlamentswahlen äußerst wichtig für sie und ihre Partei gewesen. Denn im Gegensatz zu großen Parteien, denen genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, haben die Sozialisten kaum Geld, um für sich zu werben. Dafür haben sie auf Facebook eine Gruppe eingerichtet, um Spenden zu sammeln.

Eine große Veranstaltung in Shubra war für vergangenen Dienstag geplant, erzählt Nasralla. Doch wegen der Ausschreitungen wurde alles abgesagt. Dabei gibt es so vieles, das die 32-jährige Menschenrechtsanwältin mitgestalten möchte in einem neuen Parlament. „Gesundheit, Bildung und vor allem die Gleichstellung aller Ägypter, Männer und Frauen, Christen und Muslime“, sagt die koptische Christin.

Die ersten freien Parlamentswahlen seit dem Sturz Mubaraks sollten ein Indikator dafür werden, wie groß die Chancen auf Demokratie in Ägypten sind und in welche Richtung sich dieses Land entwickeln wird. Und Nasralla war optimistisch, diese Richtung mitbestimmen zu können.

Boykott der Wahl würde Muslimbruderschaft helfen

Sie steht auf der Koalitionsliste „Die Revolution geht weiter“, in der sich ihre Partei befindet, auf Platz drei. Sollte die Koalition 30 Prozent der Stimmen für sich gewinnen, zieht Nasralla in das Parlament ein. Doch nun, am Tag neun der Ausschreitungen und einen Tag vor Beginn der Wahlen, zieht die Partei immer noch in Erwägung, die Wahlen komplett zu boykottieren.

Doch ein Boykott würde am Ende wohl einzig der Muslimbruderschaft in die Hände spielen, die sich nicht an den Demonstrationen beteiligt und am Termin für die Parlamentswahlen festhält. Für sie bedeutet diese Wahl nämlich vor allem eines: eine endgültige politische Legimitation ihrer unter Mubarak verbotenen Gruppierung. Und sie wissen: Je früher die Wahlen stattfinden, desto besser sind ihre Chancen auf eine Mehrheit.

Denn keine andere Partei ist so gut organisiert wie die Muslimbruderschaft. Die Küstenstadt Alexandria ist eine ihrer Hochburgen. In den Straßen lässt sich ihre Dominanz unschwer erkennen. Das Meer an Bannern und Postern, die für die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei werben, den politischen Ableger der Muslimbruderschaft, ist beeindruckend. Das Auge sucht fast vergeblich nach Postern von liberalen Kandidaten.

Im Osten der Stadt tritt Buschra al-Simni als Kandidatin der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei an. Das neue Wahlgesetz hat zwar die 2010 eingeführte Frauenquote abgeschafft, bestimmt dafür aber, dass jede Partei und Koalition mindestens eine Frau als Kandidatin aufstellen muss. Al-Simni steht auf ihrer Liste auf Platz drei, und sie ist zuversichtlich, dass sie ins Parlament einziehen wird. „Wir sind uns sicher, dass wir mindestens 30 Prozent der Stimmen gewinnen werden, deshalb hat mich die Partei auch auf Platz drei gesetzt. Sie wollen, dass Frauen im Parlament vertreten sind“, sagt die 51-Jährige.

Al-Simni hat einen Stab an Helfern um sich geschart. Neben einer Assistentin gibt es einen Pressekoordinator, einen Kameramann, der jeden Schritt der Kandidatin dokumentiert, sowie etliche Helfer, die den Wahlkampf unterstützen.

„Wir haben kaum Kosten, weil alle umsonst helfen“, sagt al-Simni. Jeden Tag ab 9 Uhr ist sie in ihrem Wahlbezirk unterwegs, schüttelt Hände, hört zu, drängt die Menschen, zur Wahl zu gehen. „Es ist egal wen sie wählen, Hauptsache sie gehen wählen“, sagt die Lehrerin, die sich bis auf Weiteres beurlaubt hat, um alle Kraft in den Wahlkampf zu stecken. „Wir akzeptieren den Willen des Volkes, uns ist Demokratie wichtig, nicht die Mehrheit im Parlament.“

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für junge Männer

Sollte sie dort einziehen will sie dafür sorgen, dass Frauen mehr Rechte bekommen, im Beruf, im Haus und im Fall einer Scheidung. „Aber ich setzte mich natürlich für alle Ägypter ein, nicht nur für Frauen.“ Vor allem die hohe Arbeitslosenquote müsse verringert werden. In den nächsten fünf Jahren will die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei 200.000 neue Arbeitsplätze schaffen. „Wir haben die Lösung, und wenn wir Muslimbrüder sagen, dass wir etwas tun werden, dann tun wir es. Wir können die Menschen nicht anlügen.“

In ihrem Viertel haben sie mit den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen schon begonnen. Statt jeden Tag am öffentlichen Ofen anstehen zu müssen, um Brot zu holen, bringen nun junge Männer das Brot nach Hause. Statt einem ägyptischen Pfund (LE) kostet das Brot nun 1,25 LE, die 25 Piaster mehr gehen an den Austräger. „Das Geld kann jede Familie aufbringen, und wir beschaffen einem jungen Mann nicht nur Arbeit, sondern erleichtern den Hausfrauen auch ihren Alltag“, sagt al-Simni.

Solche praktische Lebenshilfe hat die Muslimbrüder beliebt gemacht, und Experten erwarten, dass sie rund 40 Prozent der Parlamentssitze gewinnen werden. Denn auch wenn sich die blutigen Auseinandersetzungen am Tahrir-Platz in Kairo und in anderen Städten Ägyptens fortsetzen und viele Parteien für eine Aufschiebung der Wahlen plädieren, hat der Oberste Militärrat schon angekündigt, sie unter allen Umständen stattfinden zu lassen.