St. Paul's wieder geöffnet

"Die Welt, wie wir sie kennen, explodiert sowieso"

Wegen zeltender Bankenkritiker auf dem Vorplatz war die St. Paul's Kathedrale so lange geschlossen wie seit dem deutschen Bombardement im Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Der Dekan macht das Kreuzzeichen, streicht seine Soutane zurecht und predigt. Graeme Paul Knowles spricht über Franz von Assisi, über den heiligen Simon, der sich nicht scheute, für seinen Glauben Zeugnis abzulegen, "so wie wir alle es tun sollten." Knowles spricht mit klarer, ruhiger Stimme. "Heute feiern wir, dass wir wieder in einer offenen Kathedrale beten können", sagt er.

Sein Blick wandert durch die Weite des Kirchenschiffs, über die Gemeinde hinweg. Auch über die laufenden Kameras, das andauernde Klicken der Auslöser und die vielen Mikrofone und Aufnahmegeräte blickt Graeme Paul Knowles hinweg. Eine Woche lang war seine Kirche, die St. Paul's Kathedrale in London, geschlossen; die längste Zeit seit dem Bombardement der britischen Hauptstadt durch deutsche Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg.

100.000 Pfund Verlust im Kirchenetat durch Blockade

Auslöser war diesmal kein Krieg, sondern die Zeltstadt, die nach dem Beginn der "Occupy London"-Proteste vor zwei Wochen auf dem Platz vor der Kirche entstanden war. Rund 200 Demonstranten kampieren seitdem vor St. Paul's und lassen sich nicht vertreiben – weder von Graeme Paul Knowles, der mit seiner unpopulären Entscheidung, die Kirche zu schließen, über 100.000 Pfund Verlust im Kirchenetat erwirtschaftete, noch von Bürgermeister Boris Johnson, der den Demonstranten ganz offen sagte, sie sollten abhauen.

Intern geriet Graeme Paul Knowles in dieser Woche zunehmend unter Druck, schließlich war die Kirche über 60 Jahre lang nicht so viele Tage hintereinander geschlossen gewesen. Erst am Donnerstag hatte ein Vikar von St. Paul's aus Protest gegen die Blockade der Kathedrale seinen Rücktritt erklärt. Das ließ den Dekan nun umdenken, seit Freitag ist die Kirche, eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten in London, wieder geöffnet.

"Echte Reformen" und Sonnenkollektoren

Draußen, vor der Kirche, stehen mehrere dutzend Zelte, kleine und große, beklebt mit Plakaten, auf denen Sprüche wie "Echte Reformen" und "Zerschlagt JP Morgan" stehen. Es gibt ein Meditationszelt, in dem ein kleiner Altar zum beten einlädt, Solarkollektoren und einen Dieselgenerator, mit denen die Occupisten den Strom für ihre Küche herstellen.

Ein überdimensionales Monopoly-Spiel aus Holz und Pappe steht vor den marmornen Stufen der Kirche, die eher aus Zufall, wegen ihrer räumlichen Nähe zur Londoner Börse, zum Mekka der Kapitalismus-Kritiker wurde.

"Kapitalismus ist wie ein Glücksspiel, wie Monopoly", sagt Anna Thorburn, eine 45-jährige Londonerin, die jeden Tag zu der Kirche kommt. Sie übernachtet nicht im Zelt, wie der Großteil der Demonstranten. "Ich habe einen Job, den ich nicht ganz aufgeben kann, deshalb", sagt sie.

Anna Thorburn glaubt, dass sich der Dekan der Kirche gründlich verschätzt hat, als er St. Paul's schloß und damit eine tagelange Diskussion in der Stadt auslöste. "Das war wie eine kollektive Bestrafung, mit der er Druck auf uns ausüben wollte", sagt Thorburn, "diese alte Taktik hat aber nicht funktioniert."

Das sieht auch Schwester Ruth so, eine katholische Nonne, die als Missionarin "schon in fast allen Ländern der Welt war" und die jetzt den Protest vor St. Paul's unterstützt. "Es macht überhaupt keinen Sinn", sagt die 71-Jährige, "die Demonstranten haben alle Auflagen erfüllt, es ist sicher." Tatsächlich hat es hier bislang keine Übergriffe gegeben, anders als im schottischen Glasgow, wo eine junge Frau bei einer Anti-Kapitalismus-Demonstration vergewaltigt worden sein soll.


Kaffee und Tee für alle

Zwischen den Zelten sind Gassen eingerichtet, ein metallener Zaun teilt den Strom der Schaulustigen, die jeden Tag aufs Neue in die Zeltstadt kommen. Es gibt eine Essstation, Kaffee und Tee für alle, eine Zelt-Universität und eine Zeitung, die "Occupied Times".

Ein junger Mann mit verfilzten Haaren trommelt, eine Frau jongliert mit bunten Bällen, aus einem der Zelte ist eine Gitarre zu hören. Noch immer ist der Zugang zum Paternoster Square, wo unter anderem die Investmentbank Goldman Sachs ihre Büros hat, mit massiven Gittern aus Metall abgesperrt, dahinter stehen eine Handvoll Polizisten und beobachten die Demonstranten.

Thomas Murray zuckt die Achseln. "Wir sind friedlich, das wissen die", sagt der 25-Jährige, der vor seiner Karriere als Occupist Koch war, seinen Job aber zugunsten von "etwas viel Größerem" gekündigt hat. "Ich brauche meinen Job jetzt nicht", sagt er, "die Welt, wie wir sie kennen, die explodiert sowieso."

"Eine reine Touristenattraktion"

Konkrete Vorstellungen, was sich ändern müsste, wie eine bessere Wirtschaftsordnung aussehen könnte, hat Thomas nicht. "Ich weiß nicht, so weit sind wir noch nicht." So geht es vielen seiner Mitdemonstranten: Ihre Slogans reichen von "Zerschlagt die Banken" bis zu "Nicht Google, sondern die Leute sollen profitieren", es ist eine diffuse Mischung aus Kapitalismuskritik, Schlagworten und Aktionismus.

Touristen fotografieren sich gegenseitig vor den Zelten, Banker in Anzügen schauen sich die Plakate an. "Das ist eine reine Touristenattraktion, mehr nicht", sagt ein junger Mann im dunklen Anzug, der hier um die Ecke arbeitet, seinen Namen aber nicht nennen möchte.

Viele der Demonstranten machen einen etwas ratlosen Eindruck, was auch an Statements wie "Wenn ihr irgendwelche Ideen habt, bitte sagt sie uns" abzulesen ist. "Sollen wir denen sagen, wie sie am besten gegen uns demonstrieren?" Der Banker schüttelt den Kopf. "Das ist absurd."

Natürlich zieht die Zeltstadt auch Leute an, die selbst den Protestlern nicht willkommen sind, wie zum Beispiel den struppigen Mann, der sich lallend mit einer Flasche Rum vor die Kirche stellt. "Wir haben ihm schon gesagt, dass er verschwinden soll", sagt Thomas Murray, "aber da kann man ja nichts machen." Er will bleiben, so lange, wie die Zeltstadt steht. Bis Weihnachten, so hatte "Occupy London" auf Facebook verkündet, solle der Protest auf jeden Fall andauern.