Militäreinsatz in Libyen

Wie Gaddafi die Libyer als Schutzschilde missbraucht

Schon Iraks Diktator Saddam Hussein hatte Zivilisten zur psychologischen Kriegsführung benutzt. Nun müssen sich auch Libyer vor Militäranlagen stellen.

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"Hier sind furchtbare Dinge geschehen. Es ist mir nicht möglich, darüber öffentlich zu sprechen“, sagt Doktor Aiman. Die ersten Einschläge der Raketen hörte der Arzt am Samstagabend. Das Ziel muss ganz in der Nähe seines Krankenhauses in Tripolis gewesen sein.

Aiman vermutet, die alliierten Jäger hatten es auf die Militärbasis ein paar Straßen weiter abgesehen. „Die Situation hier ist sehr ernst“, sagte er, Machthaber Muammar al-Gaddafi organisiert jetzt Menschen, die sich rund um strategisch wichtige Gebäude aufstellen. Es ist reine Regierungspropaganda, dass sie dort freiwillig hingehen. Sie werden dazu gezwungen. Es sind menschliche Schutzschilde.“

Die meisten Libyer begrüßen die Luftangriffe der alliierten Kampfjets, auch wenn sie ein weiteres ernstes Problem schaffen: Die Raketen sind nicht präzise, sie töten naturgemäß auch Zivilisten. „Die Menschen haben große Angst vor den Bombenangriffen. Sie können nachts nicht mehr schlafen, vor allem diejenigen nicht, die in der Nähe militärischer Komplexe wohnen“, sagt Doktor Aiman.

Auch wenn die Bombardierungen ausgesetzt würden, kreisten Flugzeuge über der Stadt. „Wir warten hier im Krankenhaus auf die Einlieferung der Verletzten. Es ist wie im Krieg“, sagt der Mediziner, der seine Stadt nicht verlassen will, egal wie hart es kommt. „Dies ist mein Land, ich werde bleiben“, sagt er fast trotzig.

Doch dieses Land, seine Hauptstadt hat sich verändert. Tripolis, das seit Beginn der Proteste gegen das Gaddafi-Regime Mitte Februar immer wieder Demonstrationen und gegen die Demonstranten eingesetzte Gewalt der Sicherheitskräfte erlebt hat, gleiche nun einer Geisterstadt, sagt Aiman.

Die Menschen haben Angst

„90 Prozent der Geschäfte sind geschlossen, das Universitätsleben ist zum Erliegen gekommen, die Menschen haben Angst. Nach 18 Uhr verbarrikadieren sie sich in ihren Häusern. Die vielen Plünderer nachts auf den Straßen sind Regierungsagenten, die die Bevölkerung einschüchtern und terrorisieren.“

Dem waidwund geschossenen Diktator scheint jedes Mittel recht zu sein, um an der Macht zu bleiben. Er scheint immer mehr dazu überzugehen, sich selbst, seine Familie und Armeeeinrichtungen mit menschlichen Schutzschilden zu versehen.

Der Oberst ist alarmiert, spätestens nachdem ein Tomahawk-Marschflugkörper ein dreistöckiges Gebäude auf seinem festungsartigen Wohnkomplex Bab al-Asisija in Tripolis zerstört hat. 36 Menschen sollen dabei nach libyschen Angaben gestorben sein.

„Das war ein barbarischer Angriff“, sagte Regierungssprecher Mussa Ibrahim und hielt in Tripolis mutmaßliche Splitterteile der Rakete in die Kameras. Die Attacke widerspreche den westlichen Bekundungen, Wohnkomplexe Gaddafis und ihn selbst nicht angreifen zu wollen.

Henri Guaino, enger Vertrauter des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, sagte denn auch etwas zweideutig, die Luftschläge seien zwar nicht in erster Linie dafür gedacht, den seit 41 Jahren herrschenden Gaddafi aus dem Amt zu bomben, aber sie würden schon noch „eine Weile andauern“.

Der britische Verteidigungsminister Liam Fox wurde da schon konkreter: Ein Angriff auf Gaddafi sei „eventuell eine Möglichkeit“, sagte er dem Sender BBC. Es hänge davon ab, ob Zivilisten dabei außer Gefahr bleiben könnten. Die Alliierten wollen Gaddafi offenbar wissen lassen, dass er sich nicht sicher fühlen könne, auch wenn das UN-Mandat die Jagd auf den libyschen Machthaber weder vorsieht noch sanktioniert.

Der exzentrische Diktator hat diese Botschaft verstanden und reagiert so, wie Saddam Hussein es einst auch getan hat: Seine Bürger sollen ihn umgeben und schützen, denn er weiß genau: Nichts erschüttert die westlichen Demokratien so sehr wie getötete Zivilisten, nichts stellt eine noch so gerechte und humanitäre Militäraktion schneller infrage.

So wie einst Saddam

In Erwartung alliierter Luftangriffe Ende 2002 hatte der irakische Diktator diese perfide Taktik einst insofern perfektioniert, als er nicht nur Iraker, Kuwaiter oder Kurden vor seinen Palästen und Panzern postierte, sondern sogar westliche Ausländer.

Die amerikanische Hilfsorganisation Voices in the Wilderness (Stimmen in der Wildnis) hatte sich diesbezüglich besonders hervorgetan und US-amerikanische Mitglieder zum Schutz des Tyrannen vom Tigris abgestellt.

Die libysche Regierung hat daraus gelernt. Sie geht nun noch weiter und zwingt die Menschen in den Städten, Dörfern und Stämmen offenbar, sich einem Massenmarsch auf die Rebellenhochburg Bengasi anzuschließen, um den Brüdern dort „Beileid auszusprechen, um Vergebung zu bitten und zusammenzusitzen wie eine große Familie“, wie es ein Regierungssprecher ausdrückte.

An diesem „grünen Marsch“ nach Bengasi, der „die Pläne der Ausländer durchkreuzen soll, die Libyen zersplittern und ausplündern“ wollten, nähmen „Demonstranten“ verschiedener Stämme teil, „mit Olivenzweigen in der Hand“ in friedlicher Absicht. Sie würden jedoch von bewaffneten Bürgern begleitet. Tatsächlich dürfte dahinter ein verdeckter Truppenaufmarsch stecken, um die ungeliebte Rebellenhochburg endlich auszuradieren.

Es ist auch nicht auszuschließen, dass Gaddafis Truppen sich vermehrt unter die Bevölkerung mischen, um keine klaren Ziele abzugeben. Im umkämpften Misurata, der letzten westlibyschen Stadt, die von den Regimegegnern gehalten wird, berichten die Rebellen, dass Gaddafi-treue Soldaten die Menschen aus den umliegenden Dörfern in die Stadt treiben, um sich vor Angriffen zu schützen.

„Sie bringen sie nach Misurata, um mit ihnen in die Stadt eindringen und sie dann kontrollieren zu können, denn sie wissen: Wir schießen nicht auf Frauen, Kinder oder alte Menschen“, erklärte ein Rebellensprecher am Telefon.

Stadtbewohner wollen auch bewaffnete Soldaten in Zivilkleidung ausgemacht haben, von denen einige als Scharfschützen auf den Dächern postiert seien, um auf jeden zu schießen, der sich zeige. „Die Soldaten drücken den Leuten Gaddafi-Poster und die libysche grüne Flagge in die Hand und lassen sie Loblieder auf den geliebten Bruder singen“, berichtet der Rebellensprecher aus Misurata.

Doch wem soll man glauben? Das libysche Staatsfernsehen berichtete, dass viele „Unterstützer“ die für Gaddafis Luftwaffe wichtigen Flugfelder besetzten, um sie vor der Zerstörung aus der Luft zu bewahren. Es gibt auch Stimmen wie die von Ghazal Muftah, einer 52 Jahre alten Großmutter in Tarnkleidung und Kopftuch: „Ich bin hier, um Gaddafi zu unterstützen im Kampf gegen die Bedrohungen des Westens.“

"Wir alle sind Gaddafi"

Sie steht mit rund 400 anderen Libyern auf dem gleichen Gelände, das schon auf Befehl von US-Präsident Ronald Reagan 1986 angegriffen worden war. Damals starben 36 Menschen, darunter angeblich auch Gaddafis Adoptivtochter Hana im Alter von 15 Monaten.

Gaddafi und seine Familie halten sich jetzt wieder dort auf. „Wenn sie Gaddafi treffen wollen, müssen sie uns treffen. Wir alle sind Muammar al-Gaddafi.“ Der 17-Jährige Oberschüler Fatih Mohammed sekundiert der älteren Dame: „Ich liebe Muammar al-Gaddafi. Ich bin bereit für den Krieg, sie werden es nicht wagen, uns zu provozieren.“

Die zynische Taktik des „geliebten Bruders“ Gaddafi verfehlt ihre Wirkung nicht. Ein Luftangriff musste bereits abgebrochen werden. „Unsere Tornado-Kampfjets waren schon im Anflug auf das Ziel, als es neue Informationen über Zivilisten im Zielgebiet gab“, sagte Generalmajor John Lorimer, Kommunikationschef des britischen Verteidigungsministeriums. „Wir haben uns dann entschieden, unsere Waffen nicht einzusetzen.“