Aufruhr in Libyen

Was passiert, wenn Gaddafi wirklich geht?

Wer kann in Libyen das Machtvakuum füllen, das Gaddafi hinterlassen würde? Drei seiner Söhne rangeln um das Erbe. Außerdem droht ein Streit um die Öleinnahmen.

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Die Welle des Protests und der Gewalt wird die politische Landschaft Libyens verändern. Falls Muammar al Gaddafi wie die Staatschefs in Tunesien und Ägypten gestürzt wird, bleibt die Frage offen, wer das Machtvakuum füllen soll: Fest verankerte Strukturen gibt es in seinem, auf ihn zugeschnittenen Herrschaftssystem ebenso wenig wie eine organisierte Opposition.

Auch in dem gefürchteten Sicherheitsapparat hat keine Organisation ein Machtmonopol. Gaddafis Sohn Mutassim, viertes von acht Kindern, ist Sicherheitsberater und führt eine Einheit der Armee an. Sein jüngerer Bruder Chamis ist Kommandeur der 32. Brigade, die US-Diplomaten zufolge als die am besten ausgebildete und ausgerüstete Truppe gilt. Der zweitälteste Sohn Saif al Islam, das dem Westen zugewandte Aushängeschild des Regimes und Leiter verschiedener Jugendorganisationen, wurde als Reformer präsentiert und als möglicher Nachfolger gehandelt.

Die drei rangelten um die Macht, während Gaddafi auf überlebensgroßen Bildern sinnend in die Ferne blickte. Gelegentlich mischte er sich ein. So rief er einmal dazu auf, den Regierungsapparat wegen Korruption abzuschaffen und die Öleinnahmen direkt ans Volk zu verteilen. Jede derartige Stellungnahme ließ Beobachter rätseln, welcher Sohn gerade höher in Gunst stand.

Gaddafis Gewaltherrschaft

Gaddafi sah sich das alles an und achtete zugleich darauf, die Zügel in der Hand zu behalten und in den seltenen Fällen durchzugreifen, wo die Furcht vor den Sicherheitskräften nicht ausreichte, Ruhe und Ordnung zu bewahren. Dass ihr Herrscher vor Gewalt nicht zurückschreckt, ist den Libyern allzu gut bekannt.

Mit den Ölmillionen Libyens pflegte Gaddafi früher militante Bewegungen und Terrororganisationen von Abu Nidal und anderen Palästinenserorganisationen bis zum venezolanischen Top-Terroristen Carlos „Der Schakal“ und der Irisch-Republikanischen Armee zu unterstützen. Libyen steckte hinter dem Anschlag auf die West-Berliner Diskothek „La Belle“ 1986 wie hinter dem Flugzeuganschlag über Lockerbie 1988.

Es heißt auch, Gaddafi habe 1993 den Regimekritiker und früheren Minister Mansur Kichia beim Besuch einer Menschenrechtskonferenz in Kairo entführen lassen. Kichia soll später ermordet und sein Leichnam in einem Stahlwerk eingeschmolzen worden sein.

Streit der Stämme

Als Saif al Islam Gaddafi nun kürzlich im Fernsehen auftrat, vor einem Bürgerkrieg warnte und erklärte, die libyschen Streitkräfte seien nicht wie jene in Tunesien und Ägypten, wurde das vielfach als kaum verschleierte Drohung verstanden. Die Äußerungen des Sohnes zeigten, „dass Gaddafi – oder seine engere Umgebung – es ausfechten wollen und eine Situation schaffen wie in Somalia, wo sie eine zerbrochene Gesellschaft hinter sich lassen werden“, vermutet Saad Dschebbar, Libyen-Experte am Nordafrika-Institut der Universität Cambridge. Als ob sie sagen wollten: „Wenn ich verliere, verliert ihr das Land“, meint er.

Statt eines Landes mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Afrikas – der CIA zufolge umgerechnet rund 10.000 Euro – könnten die Libyer dann einen erbitterten Streit verschiedener Stämme um die immensen Öleinnahmen erleben. Als Ölförderland mit beinahe 1,6 Millionen Barrel am Tag spielt das OPEC-Mitglied in einer Liga mit Giganten wie Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Rund 80 Prozent seiner Exporte gehen nach Europa.

Nachdem Libyen öffentlich den Massenvernichtungswaffen abgeschworen und sich für Lockerbie entschuldigt hatte, begann sich der einstige Paria der Staatengemeinschaft wirtschaftlich zu öffnen und zog internationale Öl- und Gasmultis von BP bis Gazprom an. Politische Reformen indes blieben aus. Selbst wenn Gaddafi die derzeitige Krise übersteht und an der Macht bleibt, werden die Ereignisse nachwirken. Analysten sehen die Ölproduktion mit dem Abzug vieler ausländischer Firmenmitarbeiter bereits betroffen.