Vor wenigen Tagen wandte sich die britische Regierung mit einer beunruhigenden Frage an die Bevölkerung: „Seid ihr bereit für den Notfall?“ Es gibt keinen konkreten Anlass zur Panik – die Regierung lancierte eine öffentliche Kampagne, um das Land für plötzliche Notstände oder Katastrophen zu wappnen, darunter Cyberattacken, Krieg oder Extremwetter. „Be ready“ heißt die Initiative: Sei bereit.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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In einem ersten Schritt fordert sie die Britinnen und Briten auf, zu Hause Essensvorräte für drei Tage zu lagern. Drei Liter Wasser pro Person und Tag sollte man vorrätig haben, dazu Dosennahrung, getrocknetes Obst oder Nüsse – alles, was weder gekocht noch gekühlt werden muss. Zudem: Taschenlampen, ein Sanitätskasten, ein batteriebetriebenes oder per Hand aufziehbares Radio sowie Bargeld für den Fall, dass Bankomaten außer Betrieb oder elektronische Überweisungen nicht möglich sind. Dies seien „einfache Schritte, um für alltägliche Notfälle bereit zu sein“, sagte Dan Jarvis, Staatsminister für Sicherheit.

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Großbritannien: Plötzlich saßen 800.000 Menschen ohne Strom da

Das Timing für die Ankündigung war gut gewählt. Tage zuvor mussten mehr als 30 Regierungsbehörden ihre Onlinedienste vorübergehend einstellen, nachdem eine Sicherheitslücke in der Programmiersprache PHP entdeckt worden war. Gleichzeitig zogen zwei Sturmfronten auf, die übers Wochenende über Großbritannien niederbrachen – mehr als 800.000 Haushalte saßen plötzlich ohne Strom da. Der stürmische Herbst folgt auf einen extrem trockenen Sommer: Fünf Hitzewellen, mehr als 1000 Waldbrände.

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„Unvorhergesehene Ereignisse scheinen zunehmend normal zu werden“, sagte Premierminister Andy Burnham zum Start der neuen Regierungskampagne. Er fügte hinzu: „Es geht nicht darum, in Panik zu verfallen, sondern um sinnvolle Maßnahmen, damit man im Haus genügend Vorräte hat, um im Fall einer schwierigen Situation über die Runden zu kommen.“ Er selbst werde viel Bohnen und Suppe lagern. Auch gehe es nicht ohne Twiglets – kleine, krumme Hefesalzstangen, für die der Regierungschef offenbar eine Schwäche hat. Wohnungsministerin Angela Rayner will auch Mascara und eine Flasche Weißwein in ihre Notfallkiste packen.

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Die Regierung fordert die Briten auf, ihre Vorräte mit möglichst haltbaren Produkten aufzufüllen.© Getty Images | Bloomberg

Großbritannien ist besonders gefährdet, das Land exportiert 40 Prozent seiner Lebensmittel

Die Regierung versucht, die Kampagne mit Leichtigkeit und Witz zu verkaufen und jeden Fatalismus zu vermeiden. Aber Experten warnen vor handfesten Gefahren. Im September schrieb der Rechnungshof National Audit Office, dass die britische Lebensmittelkette besonders gefährdet sei. Großbritannien importiert rund 40 Prozent aller Lebensmittel – und ist damit weit stärker abhängig von Einfuhren als vergleichbare Länder in Westeuropa. Ernteausfälle in anderen Ländern haben entsprechende Konsequenzen hier. Das El-Niño-Wetterphänomen, das in diesem und im nächsten Jahr so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr ausfallen wird, wird diese Risiken dramatisch erhöhen, sagte Umweltministerin Angela Eagle.

Der Rechnungshof kritisiert, dass das Umweltministerium in den vergangenen Jahren nicht genug unternommen habe, um die Widerstandsfähigkeit der Nahrungsmittelkette zu verbessern. Auch verlasse sich die Regierung zu stark auf Privatfirmen, um Störungen in der Lebensmittelversorgung zu beheben.

Wöchentliche Fragestunde im britischen Unterhaus
Der britische Premierminister Andy Burnham legt auch Vorräte an. Er will vor allem Bohnen und Suppe bunkern.© POOL REUTERS via AP/dpa | Dylan Martinez

Auch Cyberattacken stellen eine wachsende Gefahr dar. In den vergangenen Jahren sind etliche große Unternehmen und Regierungsbehörden Opfer von Attacken geworden, darunter das Außenministerium sowie der NHS. Im August wurde bekannt, dass ein Hackerangriff ein Gaskraftwerk vier Tage lang außer Betrieb gesetzt hatte. Die Öffentlichkeit müsse sich auf „zunehmend hoch entwickelte Cyberattacken auf Unternehmen“ vorbereiten, oder auf Störungen der Versorgungsketten, die „von feindlichen Staatsakteuren oder Terroristen“ ausgeführt werden, warnte Verteidigungsminister Wes Streeting letzte Woche.

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Besonders alarmierend ist ein Bericht über die Folgen der Klimakrise, den britische Sicherheitsexperten und Geheimdienstchefs verfasst haben. Die Analyse wurde bereits unter den Tories in Auftrag gegeben und hätte eigentlich letztes Jahr veröffentlicht werden sollen. Aber unter dem damaligen Premierminister Keir Starmer wurde sie zurückgehalten. Mittlerweile sind Teile des Inhalts bekannt – und er hat es in sich.

Manche Bedrohungen liegen nicht in weiter Ferne

Die Experten warnen vor katastrophalen Konsequenzen, wenn lebenswichtige Ökosysteme wie das Amazonas- oder das Kongobecken zusammenbrechen sollten; sie schreiben von drohenden Konflikten und Nahrungsmittelknappheit, sogar einem gesellschaftlichen Kollaps. Manche Bedrohungen, darunter Störungen der britischen Versorgungskette, liegen nicht in der weiten Ferne, sondern könnten laut den Experten bereits in den kommenden Jahren eintreten. Im September teilte der britische Außenminister Ed Miliband den Inhalt des Berichts mit Regierungsvertretern anderer Länder rund um die Welt. Die „Klimaschocks“, die vom El Niño potenziert werden, würden „die Nahrungsmittel- und Wasserversorgung bedrohen und Menschen vertreiben“, sagte Miliband.

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Die britische Bevölkerung hat sich die „Be ready“-Kampagne offenbar zu Herzen genommen. Einzelhändler berichten, dass der Verkauf von Konservendosen und Wasser sprungartig zugenommen habe. Andrang gab es auch bei der Baumarktkette Robert Dyas: Der Verkauf von Radios, Taschenlampen und Powerbanks vervielfachte sich über Nacht. Ein Sprecher der Supermarktkette Iceland sagte: „Es ist offensichtlich, dass die Konsumenten die Botschaft der Regierung gehört haben.“