Der politische Notfalleingriff bei der gesetzlichen Krankenversicherung hat gewirkt, die Arbeit fängt aber erst an, mahnt der Vorstandschef des GKV-Spitzenverbandes, Oliver Blatt, im Interview. Für anstehende Strukturreformen zieht er klare Linien – mit Blick darauf, Krankheiten zu vermeiden, sieht er auch die Wirtschaft am Zug.

Herr Blatt, der Schätzerkreis erwartet, dass der durchschnittliche Zusatzbeitrag 2027 bei 2,9 Prozent bleiben kann. Was bedeutet das für die Beitragszahler?

Oliver Blatt: Das sind erst einmal gute Nachrichten. Das Beitragssatzstabilisierungsgesetz zeigt Wirkung. Die einnahmenorientierte Ausgabenpolitik führt dazu, dass wir im kommenden Jahr in ruhigeres Fahrwasser kommen. Die Krankenkassen stehen damit nicht mehr unter dem enormen Druck, ihre Zusatzbeiträge erhöhen zu müssen. Die 2,9 Prozent sind allerdings nur ein rechnerischer Wert, der tatsächliche Durchschnitt liegt aktuell bei 3,13 Prozent. Aber die gute Nachricht, dass sich das Beitragsniveau stabilisiert hat, gilt.

Wie sicher ist diese Stabilisierung?

Wenn die Politik das Reformpaket jetzt nicht wieder aufschnürt und keine zusätzlichen Versprechungen macht, halte ich es für eine belastbare Grundlage. Es gibt aber auch Risiken, die der Schätzerkreis nicht einpreisen konnte. Dazu gehört etwa die Idee der Standortförderung für die Pharmaindustrie aus Beitragsmitteln. Wenn das käme, dann stünde die Finanzstabilität direkt wieder infrage.

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Langes Warten auf einen Facharzttermin – das trifft vor allem gesetzlich Versicherte. Ein Unding, findet GKV-Chef Oliver Blatt, und fordert, die Ungleichbehandlung zu beenden.© Getty Images | SolStock

Wann muss die Politik spätestens mit Reformen nachlegen?

Die von der Politik eingesetzte Finanzkommission Gesundheit soll im Dezember Vorschläge für strukturelle Reformen vorlegen. Das ist gut, denn wir wollen verhindern, dass wir in zwei Jahren wieder vor denselben Problemen stehen. Wenn die Politik nach den Vorschlägen schnell handelt, bin ich optimistisch, dass wir auch 2028 und 2029 eine stabilere Finanzlage erreichen können. Die Strukturreformen müssen aber 2027 rechtzeitig verabschiedet werden, damit sie bereits 2028 Wirkung entfalten können.

Wo muss die Kommission ansetzen, damit die GKV nicht dauerhaft von einem Sparpaket ins nächste stolpert?

Ich würde zwei große Themen in den Fokus stellen: Prävention und Digitalisierung. Wir müssen Ausgaben vermeiden, bevor sie entstehen, und Menschen dabei unterstützen, gar nicht erst krank zu werden. Das betrifft nicht nur das Gesundheitswesen. Wir müssen auch die Rahmenbedingungen so gestalten, dass Menschen gesünder leben können. Außerdem sollten wir prüfen, wo Prozesse im Gesundheitswesen durch Digitalisierung effizienter werden können.

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Ist es langfristig ein realistisches Ziel, dass die Krankenversicherungsbeiträge nach umfassenden Reformen auch wieder sinken?

Sinkende Beiträge halte ich für eine große Herausforderung. Moderate Steigerungen will ich auf längere Sicht aber mit Blick auf Inflation und demografische Veränderungen nicht gänzlich ausschließen. Entscheidend ist, dass die Beiträge, wenn überhaupt, auch langfristig nicht stärker steigen als unbedingt nötig. Dafür brauchen wir Strukturreformen. Eine Beitragssenkung sollte aber nicht das alleinige Maß für den Erfolg sein. Wichtiger ist, dass die Beiträge bezahlbar bleiben und die Menschen weiterhin gut versorgt werden.

Müssen sich die Versicherten bei den anstehenden Strukturreformen auf weitere Einschnitte einstellen?

Wenn Einsparungen nötig sind, müssen sie gerecht verteilt sein. Jeder muss seinen Beitrag leisten: die Versicherten, die Ärzte und auch die Krankenkassen. Ich glaube aber nicht, dass es künftig nur ums Sparen gehen muss. Wenn wir die Primärversorgung besser organisieren und Patienten gezielter zu den richtigen Angeboten steuern, können wir die Qualität verbessern und zugleich Kosten sparen. Davon profitieren am Ende auch die Patientinnen und Patienten.

Sind finanzielle Sanktionen ein Weg, um unnötige Arztbesuche zu verhindern? Der DIHK-Präsident Peter Adrian hat eine stärkere Selbstbeteiligung vorgeschlagen, Ärztepräsident Klaus Reinhardt eine Art Malus für Versicherte, die direkt zum Facharzt gehen.

Ich halte solche Ansätze nicht für geeignet. Wir hatten mit der sogenannten Praxisgebühr schon einmal einen solchen Versuch. Sie hatte keine steuernde Wirkung, die Einnahmen waren überschaubar und der bürokratische Aufwand enorm. Menschen gehen doch nicht zum Facharzt, weil sie das unbedingt wollen, sondern oftmals auch, weil sie nicht wissen, an wen sie sich sonst wenden sollen. Wir müssen ihnen andere Möglichkeiten bieten und sie besser steuern. Es sollte selbstverständlich werden, Alternativen mitzudenken: Gehe ich zunächst zum Hausarzt, reicht ein Erkältungsmittel aus der Apotheke oder gibt es andere Angebote? Ich setze darauf, die Menschen zu unterstützen, statt ihnen Geld abzunehmen.

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Kann eine bessere Steuerung der Patienten über die geplante Primärversorgung gelingen?

Ich finde: Lasst uns doch erst einmal anfangen. Wir wollen immer gleich den Mercedes, dabei könnten wir mit dem Golf losfahren. Wir sollten solche Einschätzungstools über Apps in Gang bringen und schauen, wie die Menschen damit zurechtkommen. Wenn wir nachsteuern müssen, können wir das immer noch tun. Ich halte es für einen guten Ansatz, der nicht zerredet werden sollte, bevor wir überhaupt gestartet sind.

Zuletzt gab es Berichte über hohe Verluste durch Fehlinvestitionen einzelner Krankenkassen. Was bedeutet das für das Vertrauen der Beitragszahler?

Es geht um Beitragsgelder, so etwas darf nicht passieren, und natürlich muss man sich fragen, wie man verhindern kann, dass so etwas wieder passiert. Als Spitzenverband sind wir in diese Einzelfälle aber nicht eingebunden. Die Verfahren laufen teilweise noch, deshalb maße ich mir keine Bewertung an. Es ist schwierig, Risiken bei Anlagegeschäften vollständig auszuschließen. Man kann sie begrenzen, muss dann aber auch damit rechnen, dass insgesamt die Renditen sinken. Und da die Krankenkassen per Gesetz Rücklagen bilden müssen, ist es ja grundsätzlich auch vernünftig, dass sie versuchen, damit Erträge zu generieren, die am Ende wieder den Versicherten zugutekommen. Entscheidend ist, dass daraus gelernt wird.

Braucht es dafür eine strengere Aufsicht?

Ich halte wenig davon, einseitig Schuld zuzuweisen, und kann das im Einzelfall auch schwer beurteilen. Die Beteiligten sollten prüfen, ob Regeln klarer gefasst und an die veränderte Finanzwelt angepasst werden müssen.

Auch bei der Prävention sieht die Politik Handlungsbedarf. Reichen höhere Steuern auf Tabak und zuckerhaltige Getränke aus?

Es ist ein erster Schritt, dass sich auf eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke und die Erhöhung der Tabaksteuer verständigt wurde. Das zeigt, dass Prävention nicht nur im Gesundheitssystem stattfinden kann. Kritisch sehe ich, dass die Einnahmen nicht gezielt wieder in das Gesundheitssystem zurückfließen. Schließlich entstehen dort auch die Folgekosten von Rauchen und übermäßigem Zuckerkonsum. Andere Länder zeigen, dass viele Maßnahmen zusammenspielen müssen, damit Prävention erfolgreich ist.

Sollte die Politik Werbung für ungesunde Lebensmittel verbieten, insbesondere wenn sie sich an Kinder richtet?

Ich bin bei Verboten zurückhaltend. Stattdessen würde ich stärker auf die Verantwortung der Wirtschaft setzen. Es gibt große Hersteller, die damit werben, gesundes Essen ohne Zusatzstoffe zu produzieren. Ich verstehe nicht, warum Unternehmen nicht auch bei der Werbung oder in den Supermärkten freiwillig mehr tun. Quengelgassen voller Süßigkeiten im Supermarkt und Werbung im Kinderprogramm machen es Eltern unnötig schwer. Wenn die Wirtschaft zügig mehr Verantwortung übernimmt, muss die Politik vielleicht gar nicht regulieren.

Gesunde Ernährung und Bewegung sollten schon in Kindergärten und Schulen stärker vermittelt werden.

Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender GKV-Spitzenverband

Was gehört darüber hinaus zu einer wirksamen Prävention?

Prävention kann nicht allein Aufgabe der Krankenkassen sein. Der Deutsche Fahrrad-Club setzt sich beispielsweise dafür ein, dass Menschen sich in Städten einfacher und sicherer mit dem Fahrrad bewegen können. Das klingt zunächst weit weg von Gesundheitspolitik, hat aber damit zu tun: Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, damit Menschen sich im Alltag mehr bewegen können. Dafür müssen alle zusammenarbeiten. Gesunde Ernährung und Bewegung sollten schon in Kindergärten und Schulen stärker vermittelt werden. Dazu gehört aber auch, dass die Kommunen mitziehen und etwa Geld für vernünftiges Essen bereitstellen.

Ein anderes großes Thema ist die Ungleichbehandlung von gesetzlich und privat Versicherten. Wie lässt sie sich beenden?

Ich halte nichts vom Begriff Zweiklassenmedizin. Im Krankenhaus und von den allermeisten Ärzten werden gesetzlich Versicherte genauso gut behandelt wie Privatpatienten, teilweise ist für sie sogar die Abrechnung einfacher. Die Ungleichbehandlung zeigt sich vor allem bei den Wartezeiten auf Arzttermine. 75 Millionen Menschen sind gesetzlich versichert und finanzieren damit den allergrößten Teil der ärztlichen Honorare. Trotzdem werden sie bei der Terminvergabe häufig benachteiligt. Das halte ich für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Wir müssen den Zugang zur ambulanten Versorgung so organisieren, dass Termine nach medizinischem Bedarf vergeben werden und nicht danach, wie jemand versichert ist.

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Müsste dafür langfristig auch ein einheitliches Vergütungssystem für Ärzte geschaffen werden?

Ein einheitliches Vergütungssystem wäre vor allem dann eine Folge, wenn man beide Versicherungssysteme zusammenlegte. Das ist eine hochkomplexe und vor allem politische Frage. Dies darf am Ende aber nicht dazu führen, dass gesetzlich Versicherte noch mehr zahlen müssen. Jetzt müssen wir zunächst dafür sorgen, dass die Terminvergabe nach Bedarf funktioniert. Ärzte sollen weiterhin Privatpatienten behandeln – aber nicht automatisch bevorzugen. Ein gesetzlich Versicherter sollte nicht allein deshalb zwei Wochen länger warten müssen.

Wäre eine Bürgerversicherung der richtige Weg?

Ich glaube, dass wir in der aktuellen politischen Situation bei diesem Thema nicht weiterkommen werden. Die Debatte würde sich sehr stark daran aufreiben. Ich setze deshalb zunächst auf die konkrete Verbesserung in der ambulanten Versorgung. Dort müssen wir die Ungleichbehandlung beenden. Über die Frage einer Zusammenlegung der Systeme kann die Politik anschließend in Ruhe diskutieren.

Sollten ältere Menschen in der GKV stärker an den höheren Gesundheitskosten im Alter beteiligt werden?

Nein, das würde den solidarischen Gedanken verlassen. Wenn man bei Älteren zusätzliche Kosten erhebt, müsste man sich fragen, wo man dann bei schwer kranken Menschen anfängt. Es ist eine sehr große soziale Errungenschaft der gesetzlichen Krankenversicherung, dass bei den Leistungen nicht danach unterschieden wird, wie alt oder krank jemand ist. Die private Krankenversicherung folgt einem Geschäftsmodell: Dort spielen neben dem Alter auch der Gesundheitszustand und individuelle Risiken eine Rolle. Den solidarischen Gedanken der GKV, die immerhin 90 Prozent der Menschen versichert und versorgt, halte ich für ein hohes Gut, das ich nicht antasten würde.

Was können wir von anderen Ländern lernen?

Kein Land macht alles besser. In den Niederlanden ist es beispielsweise besser gelungen, die stationäre Versorgung anzupassen. Dort gibt es weniger unnötige Krankenhausbetten, und die ambulante Versorgung ist stärker ausgebaut. Andere Länder haben die Patientensteuerung besser organisiert. Wir sollten uns einzelne Lösungen anschauen und daraus lernen. Insgesamt bin ich aber sehr froh, in Deutschland gesetzlich versichert zu sein. In der Schweiz etwa müssen Patienten sehr viel selbst zuzahlen. Jedes System hat Vor- und Nachteile.

Zum Schluss: Was tun Sie persönlich, um gesund und leistungsfähig zu bleiben?

Ich gehe laufen, spiele ab und zu Volleyball und versuche, am Wochenende mit langen Spaziergängen einen Ausgleich zu finden. Früher habe ich mehr Sport gemacht. Wenn man beruflich stark eingespannt ist, kommt das manchmal leider zu kurz. Das Bewusstsein dafür ist aber da – und auch das schlechte Gewissen, wenn es nicht klappt.

Und Ihr ultimativer Gesundheitstipp?

Ausgewogenheit und Augenmaß. Man muss kein Spitzensportler werden, um gesund zu leben, und man muss auch nicht auf jeden Hamburger verzichten. Aber wenn ich einen Hamburger esse, sollte ich mich auch mal wieder für Salat entscheiden. Wichtig ist, bewusst zu leben und sich zu bewegen. Man sollte die Hürden nicht zu hoch hängen.

Zur Person

Oliver Blatt (59) ist seit dem 1. Juli 2025 Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes. Er studierte Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Gesundheitsökonomie an der Universität Konstanz. Seine berufliche Laufbahn begann er 1995 beim IKK-Bundesverband. Blatt hat drei Kinder. In seiner Freizeit geht er gerne segeln und ist ein großer Fan seiner Heimat Konstanz am Bodensee. Außerdem bezeichnet er sich als ausgesprochener Kaffeeliebhaber. Blatt ist gesetzlich versichert.