Von Christian Unger und Christoph Rybarczyk

Im Spätsommer 2025 bekommen die Ermittler im Hamburger Landeskriminalamt seltene Einblicke in ein Unternehmensfeld, in dem sich viele ihrer Ex-Kollegen tummeln: frühere Polizisten, ranghohe Sicherheitsbeamte, ehemalige Top-Nachrichtendienstler. Es ist das Geschäft mit Informationen, mit Netzwerken in Politik, Justiz und Sicherheitsapparat. Es ist eine Welt von Beratern aus einer Branche, die ihr altes Wissen und ihre Kontakte ummünzen in private Unternehmungen, in Krisen-Consulting.

Um mehr zu erfahren, schleusen die Hamburger Kriminalbeamten 2025 einen Verdeckten Ermittler in eine Firma ein, also einen Polizisten mit einer Tarnidentität. „VE01“, so der interne Name des Ermittlers, soll sich im Betriebsalltag umhören. Die Kriminalbeamten arbeiten in einem der größten Fälle der letzten Jahre, dem sogenannten „Block-Prozess“. Die Angeklagte Christina Block berichtet im Gerichtssaal freimütig davon, wie sie etwa eine „Rückholaktion“ der Kinder von ihrem Ex-Mann in Dänemark mit einem „Speedboat“ diskutiert habe.

Fall August Hanning: Im September 2025 durchsucht die Polizei sein Zuhause

Im Visier der Strafverfolger steht nicht der ganze Wirtschaftszweig, sondern vor allem ein prominenter Mann: Dr. August Hanning, Ex-Präsident des Bundesnachrichtendienstes. Im August 2025, als der Polizist sich einschleust, saß Hanning im Verwaltungsrat dieser Beraterfirma, der system 360 AG, mit Sitz in Luzern. Seit März ist er laut dem Unternehmen nicht mehr dort aktiv.

Festnahme August Hanning

Festnahme von August Hanning in dessen Haus in Nordrhein-Westfalen.

Bild: © Christoph Reichwein/dpa | Christoph Reichwein

Der Ermittler spioniert von Mai bis Oktober 2025 gegen den Ex-Spion. Er durchsucht in geheimer Mission die Computer der Firma, spricht mit Angestellten, will Kunden und Methoden des Consulting-Unternehmens ausforschen. „VE01“ legt am Ende seinem Kriminalamt einen rund 20 Seiten langen Bericht vor, den unsere Redaktion einsehen konnte. Das Unternehmen spricht von „rechtswidrigen Maßnahmen“ und „unberechtigten Verdachten“. Zudem teilte system 360 auf Nachfrage mit, man habe mit „den Vorgängen, die Herrn Dr. Hanning in diesem Verfahren vorgeworfen werden, nichts zu tun“.

Mit den Razzien im Block-Verfahren beginnen die Spionage-Ermittlungen

Im September, noch während der Undercover-Mission des Kriminalbeamten, schlagen Ermittler zu, durchsuchen Bürogebäude, Wohnungen, insgesamt 13 Adressen, in Hamburg und Berlin, in Brandenburg und in Nordrhein-Westfalen. Auch in der Schweiz. In Luzern sitzt die Beratungsfirma Pluteos AG. Im Verwaltungsrat bis zuletzt: August Hanning.

August Hanning vor NSA-Untersuchungsausschuss

August Hanning, der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), steht nun unter Spionage-Verdacht.

Bild: © picture alliance / dpa | Michael Kappeler

Was die Ermittler bei der Razzia im September 2025 noch nicht ahnen: Diese Durchsuchungen sind der Beginn einer Staatsaffäre, die weit über die Ermittlungen gegen Christina Block hinausreicht. Es wird einer der größten mutmaßlichen Spionagefälle der Bundesrepublik.

Denn die Ermittler entdecken bei den Beschlagnahmungen in Hannings Zuhause in Nordrhein-Westfalen rund 2000 vertraulich eingestufte Dokumente aus dem BND, die laut Strafverfolgern den Verdacht wecken, dass der Ex-BND-Präsident Staatsgeheimnisse auskundschaftete und mutmaßlich an Mitarbeiter ausländischer Geheimdienste weiterleitete. Gegen Hanning und dessen früheren Büroleiter ermittelt der Generalbundesanwalt. Seit Anfang Oktober sitzt Hanning, 80 Jahre alt, in Untersuchungshaft.

Christina Block Prozess um mutmaßliche Kindesentführung Podcast Zeit

Christina Block, Unternehmerin, steht in Hamburg vor Gericht. Über ihren Fall kommen die Ermittler an mutmaßliche Beweise im Spionagefall mit August Hanning.

Bild: © Marcus Brandt/dpa | Marcus Brandt

Beweise gegen Hanning? Bundesanwalt ermittelt, ob Unterlagen verkauft wurden

Hannings Anwalt bestreitet die Vorwürfe gegenüber unserer Redaktion. Sein Mandant werde „zu Unrecht verfolgt“. Zwar habe Hanning vertrauliche Unterlagen besessen. Es stimme aber nicht, dass er „Informationen zum Nachteil der Bundesrepublik Deutschland“ weitergegeben habe, schon gar nicht gegen Geld. „Ich rechne mit einer baldigen Einstellung des Verfahrens.“

Bisher ist offenbar selbst den Ermittlern unklar, ob und welche Dokumente Hanning tatsächlich an ausländische Dienste gegeben haben soll. Zu einem zentralen Beweismittel schreibt die Bundesanwaltschaft: „Ob das Produkt den Adressaten erreichte, ließ sich bislang nicht feststellen.“ Dabei soll es sich um eine „Analyse“ handeln, die Hanning nach Informationen unserer Redaktion laut Strafverfolger für einen Kontakt im Sicherheitsapparat von Aserbaidschan angefertigt haben soll. Der „Spiegel“ hatte zuerst über Hannings mutmaßliche Verbindungen in das autokratisch regierte Land berichtet.

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Schon im Mai 2023 übt das Kontrollgremium Kritik an Berater-Jobs

Allein die Schlagzeilen über die Festnahme Hannings erschüttern die Republik, vor allem den BND. Die Ermittlungen lenken jedoch auch den Blick auf die privaten Beraterfirmen früherer ranghoher Sicherheitsbeamter, die sich in den vergangenen Jahren in Deutschland als Geschäftsmodell etabliert haben.

Seit Jahren, so berichten es mehrere Innenpolitiker im Bundestag gegenüber unserer Redaktion, sehe man in den privaten Tätigkeiten einiger ehemaliger Staatsbediensteter Risiken für die Sicherheit Deutschlands. Das Kontrollgremium im Bundestag, zuständig für die parlamentarische Überwachung der deutschen Nachrichtendienste, zeigt sich „mit größter Besorgnis“. Mit einer „Ad-hoc-Kontrolle“ wolle man „bestehende strukturelle und organisatorische Probleme abstellen“.

Spionagevorwürfe gegen Ex-BND-Präsident Hanning

Haftbefehl durch den Generalbundesanwalt: Zivile Polizeifahrzeuge mit Blaulicht fahren August Hanning zum Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof.

Bild: © Uli Deck/dpa | Uli Deck

Es ist nicht die erste Warnung der Parlamentarier. Schon vor Jahren, im Mai 2023, hielt das Gremium öffentlich fest, es sei „problematisch“, dass Beamtinnen und Beamte „mit vertieften sicherheitsrelevanten“ Kenntnissen „ungeprüft privatwirtschaftliche Tätigkeiten aufnehmen“ würden. Gemeint sind Ex-Nachrichtendienstler, frühere Militärs und Polizisten. Die Parlamentarier um Grünen-Politiker Konstantin von Notz heben hervor: „Es besteht die Gefahr, dass dienstlich erworbene Fähigkeiten und Kenntnisse autoritären Regimen oder kriminellen Organisationen zur Verfügung gestellt werden.“

In Deutschland gilt freie Berufswahl. Aber der Staat muss sich schützen

Bereits 2023 kursiert nach unseren Recherchen der Name Hanning, den schon damals einige Personen in der Sicherheitsbranche kritisch gesehen haben wollen. August Hanning war von 1998 bis 2005 beim Auslandsnachrichtendienst. Danach arbeitet er als Staatssekretär im Bundesinnenministerium.

Seit vielen Jahren ist Hanning im Ruhestand – und dennoch unterwegs auf Sicherheitskonferenzen im In- und Ausland. Bereits 2010 gründet er laut Datenbanken seine Beratungsfirma Hanning Consult GmbH, der Beginn einer langen Consulting-Karriere nach seiner Zeit als oberster Geheimdienstler.

In Deutschland gilt die freie Berufswahl, sie ist sogar im Grundgesetz verbrieft. Und ein Mann wie Hanning, der sein ganzes Berufsleben lang vor allem netzwerkt und mit vertraulichen Informationen verkehrt, kann für Kunden eine erfahrene Hilfe sein – ein guter Berater in Krisenlagen. Das gilt auch für andere ranghohe Beamte. Gerade wenn sie frühzeitig aus den Diensten ausscheiden, sind viele auf Einkünfte nach der Beamtenkarriere angewiesen, sagt einer, der selbst aktiv für Consultingfirmen ist. Und die Branche zahlt gut.

Doch der Staat will sich zugleich vor Geheimnisverrat schützen. Im Bundesbeamtengesetz regelt der Paragraf 105, dass Ex-Beamte private Tätigkeiten anzeigen – oder sich diese in besonders sicherheitsrelevanten Geschäftsfeldern auch genehmigen lassen müssen. Recherchen unserer Redaktion zeigen jedoch, dass bisher nur wenige Anzeigen beim zuständigen Bundesinnenministerium eingegangen sind.

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Auch andere Ex-Beamte verdienen im Geschäft mit der Sicherheit

Seit 2021 meldeten überhaupt nur 22 Ex-Bundesbeamte dem Ministerium ihre private Tätigkeit. Nur in einem Fall wurde die Aktivität im Ruhestand aus Sicherheitsbedenken untersagt. Immerhin: Nach der strikteren Regelung des Beamtengesetzes im Jahr 2024 meldeten gleich 13 Beamte im Ruhestand ihre privaten Geschäfte beim Bund an.

So oder so, gemeldet sind offenbar nur Einzelfälle. Dabei ist die Branche groß. Neben Hanning verdienen auch andere prominente Ex-Beamte im Ruhestand ihr Geld im Geschäft mit der Sicherheit. Da ist Gerhard Schindler, ebenfalls früherer BND-Präsident, der heute für die Firma Friedrich30 in Berlin als „Senior Berater“ arbeitet. Dort aktiv ist auch Hans-Lothar Domröse, ehemaliger General der Bundeswehr, sowie weitere Ministerialräte und Direktoren. Gegründet hat die Firma Fritz Rudolf Körper, ehemaliger Staatssekretär im Bundesinnenministerium.

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Im Krisenmodus
 

Bei der Berlin Global Advisors GmbH beraten ebenfalls frühere Staatssekretäre, Botschafter und ranghohe Bundeswehr-Militärs. Auch der Ex-Brigadegeneral Erich Vad, einst militärischer Ratgeber für Kanzlerin Merkel, gründete eine eigene Firma.

Russland-Aggressionen, Cyberangriffe auf Unternehmen und Behörden in Deutschland, Kampf um Ressourcen und Technologie – je krisenhafter die Zeit ist, desto mehr boomt die Consultingbranche früherer Sicherheitsbeamter, so scheint es. Ex-Minister, Ex-Polizisten, Ex-Generäle, Ex-Spione – viele sind privat weiter aktiv. „Das ist gang und gäbe“, sagt einer. Es ist die Lobbyarbeit einiger Personen in hohen Besoldungsgruppen mit entsprechend üppigen Pensionen.

Anders als im Fall von Hanning laufen gegen andere Ex-Beamte keine Spionageermittlungen. Ex-BND-Präsident Schindler zeigt sich dennoch offen für strengere Regeln für private Geschäfte früherer Sicherheitsbeamter. Seine Tätigkeit für Friedrich30 wolle er „langsam auslaufen“ lassen.

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CDU-Innenexperte Kiesewetter spricht bei einigen Firmen von „Buddy-Beziehungen“

Unsere Redaktion hat mehrere dieser Firmen zu den Regeln der Informationsgewinnung und der Kontrolle von Netzwerken angefragt. Nur wenige reagieren bisher. Man wolle sich zu internen Abläufen nicht äußern, heißt es bei Friedrich30 knapp. Man halte jedoch fest, „dass die Einhaltung aller gesetzlichen Vorschriften durch unsere Beraterinnen und Berater für uns eine Selbstverständlichkeit ist“, auf die man „höchsten Wert“ lege.

CDU-Innenexperte Roderich Kiesewetter spricht bei einigen Consultingunternehmen von „Buddy-Beziehungen zu aktiven Politikern oder Staatsbediensteten“. Dabei sei „häufig unklar, ob fremde Staaten hinter Firmen stecken, die teure Beraterverträge zahlen“, kritisiert Kiesewetter. Er selbst habe erlebt, wie ein früherer Staatssekretär im Namen einer Beraterfirma mehrfach bei ihm anklopfte und für ein Atomenergieunternehmen lobbyierte. Man solle „positive Vibes“ im Bundestag verbreiten. Im Gespräch mit unserer Redaktion nennt Kiesewetter weitere Details. Überprüfen lassen sich die Angaben bisher nicht.

Lobbyismus ist in Berlin und anderen Hauptstädten an der Tagesordnung. Wirtschaftsverbände, Umweltaktivisten, Kulturschaffende, Industriekonzerne – sie alle setzen sich mit Geld und Personal für ihre Interessen in der Politik ein. Pikant aber ist es, wenn frühere Top-Beamte, Minister oder Staatssekretäre zu schnell die Seiten wechseln. Vor dem „Drehtüreffekt“ warnen Organisationen wie Lobbycontrol. So setzte sich ein Ex-Geheimdienstbeauftragter Angela Merkels laut Medienberichten für den mittlerweile insolventen Finanzdienstleister Wirecard ein. Mittlerweile ist nicht nur eine massive Bilanzfälschung bekannt, sondern auch Berichte über die Geheimdiensttätigkeit des Ex-Wirecard-Vorstands Jan Marsalek für Russland.

Spionagevorwürfe gegen Ex-BND-Präsident Hanning

Martin Jäger (r), ist der neue Präsident vom Bundesnachrichtendienst (BND). Er muss Vertrauen zurückgewinnen.

Bild: © Annette Riedl/dpa | Annette Riedl

Mehrere Politiker fordern schärfere Regeln für Ex-Top-Beamte

Mit Blick auf ebendiesen Marsalek soll auch Bernd Schmidbauer „aktiv geworden“ sein, wie es in einem Bericht des Untersuchungsausschusses im Bundestag heißt. Schmidbauer, der unter Kanzler Kohl die Geheimdienste koordinierte, sagte demnach aus, „als Teil eines Rings von Senior-Experten aus der Geheimdienstwelt gegenüber Marsalek aktiv geworden zu sein“. Er habe daraus „keinen finanziellen Vorteil“ gezogen.

Mehrere Politiker von CDU, SPD und Grünen fordern in Gesprächen mit unserer Redaktion verschärfte Regeln für frühere Top-Beamte. Eine Idee sind etwa deutlich längere Karenzzeiten, in denen Ex-Polizisten oder Nachrichtendienstler nicht privat mit ihren Netzwerken Geld verdienen dürfen. Ebenso seien striktere Meldevorschriften bei früheren Arbeitgebern notwendig, genauso sollen Genehmigungspflichten von Ex-Beamten ausgeweitet werden. Auch ein Rotationsprinzip für Spitzenposten in Sicherheitsbehörden nennen die Fachpolitiker.

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Eine Kultur der „politischen Gewissenlosigkeit“

„Gerade für ehemalige hochrangige Beamte an der Spitze von Behörden sollte ein besonderes Loyalitätsverhältnis zur Bundesrepublik auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt gelten“, sagt Timo Lange von Lobbycontrol unserer Redaktion. Beamte begeben sich mit einem zu schnellen Wechsel in eine Situation, „in der es immer wieder zu Interessenkonflikten kommen kann“, beklagt Lange. „Die betreffenden Firmen werben durchaus offensiv mit den Kontakten zu Nachrichtendiensten und Sicherheitskreisen.“

Die Organisation fordert daher, dass bei hochrangigen Beamten in Militär und Geheimdiensten „eine unbegrenzte Karenzzeit“ für Jobs in der Privatwirtschaft gelten soll. Für ausscheidende Bundesminister gebe es bereits ein Gremium, das neue Tätigkeiten mit Blick auf Interessenkonflikte prüfe, so Lange. „Das wäre auch für diese besonderen Beamten denkbar.“

Wer heute mit Mitarbeitern der Sicherheitsbehörden spricht, hört die Unsicherheit und die Sorge über das verlorene Vertrauen, das nun mit der Festnahme Hannings gewachsen sei. Ausländische Geheimdienste haken unruhig bei deutschen Partnern nach, welche Informationen abgeflossen sein könnten. Welche Informanten enttarnt sein könnten. Der deutsche Dienst hat seine größte Währung eingebüßt: Diskretion.

Einer, der sich seit Jahren beruflich mit Nachrichtendiensten befasst, zeigt sich über die Vorwürfe gegen Ex-BND-Chef Hanning nicht überrascht. Die Generation der Geheimdienstler von der späten Phase von Kanzler Kohl bis zu den frühen Merkel-Jahren habe eine Zeit der „strukturell bedingten Sorglosigkeit“ im Umgang mit geheimen Informationen geprägt. Das sei nicht mal böse gemeint, sagt der Insider. „Viel mehr war es eine politische Gewissenlosigkeit“, die im Nachrichtendienst geherrscht habe. Die Rechnung für diese Attitüde zahle der Bundesnachrichtendienst jetzt.