Eine Razzia im beschaulichen Münsterland, kurz vor 10 Uhr an einem Septembermorgen des Jahres 2025: Die Polizei fährt vor, die Staatsanwaltschaft. Der Beschuldigte ist niemand Geringeres als der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), August Hanning. Er steht an der Haustür, wird es später im Protokoll heißen, ein Tablet und ein Mobiltelefon in der Hand. Der Kriminalbeamte T. stellt Hanning Oberstaatsanwältin P. vor. Das Tablet, das Handy und Hannings Apple Watch, die er am Arm trägt, werden sofort sichergestellt. In einem Auto am Haus, das parallel durchsucht wird, findet sich ein Rucksack mit einem Laptop und USB-Sticks. Wird ebenfalls von den Polizisten eingesackt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Hanning scheint laut Protokoll bei der Durchsuchung mit den Ermittlern zu kooperieren. Die Smartwatch händigt er „kommentarlos“ aus, als er dazu aufgefordert wird. Doch Deutschlands früherer Top-Spion aus der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder (SPD) sagt laut Protokoll sinngemäß: „Damit“ habe er nichts zu tun.

Er ruft vom Festnetz seinen Hamburger Anwalt an. Später weist er alle Vorwürfe zurück, er oder die Sicherheitsfirma System 360, wo er im Aufsichtsrat sitzt, habe für die Familie Block mit dem Hamburger Gastro-Unternehmer Eugen Block und seiner Tochter Christina Block an einem Entführungsversuch zweier Kinder aus Dänemark im November 2022 mitgewirkt.

August Hanning und Christina Block: Sicherheitsfirma für Hamburger Unternehmerfamilie

Nach Hannings Lesart sei es bei der Aktion von Sicherheitsleuten und Christina Block im Herbst 2022 darum gegangen, Kontakt zu den Kindern aufzunehmen, die seit August 2021 beim Vater in Dänemark lebten. Mit der tatsächlichen „Rückholaktion“ der Kinder Klara und Theo in der Silvesternacht 2023/2024 durch ein israelisches Kommando habe er ohnehin nichts zu tun. Dafür steht Christina Block als mutmaßliche Auftraggeberin mit Gerhard Delling und fünf Mitangeklagten derzeit vor dem Landgericht Hamburg. Sie bestreiten, einen Auftrag erteilt zu haben.

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Zu den aktuellen Vorwürfen hat sich Hannings Anwalt bis zum Dienstagnachmittag auf Abendblatt-Anfrage nicht geäußert.

Die Staatsanwaltschaft Hamburg war im September 2025 mit großem Besteck ausgeritten, um bei Hanning und in anderen Objekten des Firmen-Konstrukts zu durchsuchen. 13 Beschlüsse dazu wurden vollstreckt. Razzien gab es in Hamburg, Berlin, im Münsterland (NRW), in Brandenburg und in der Schweiz. Ein Top-Mitarbeiter der Firma hatte über einen längeren Zeitraum enge Kontakte zu Christina Block, wie Chats und Dokumente zeigen. Es ging um ihre Kinder, die nach einem Papa-Wochenende im Sommer 2021 bei ihrem Vater Stephan Hensel in Dänemark geblieben waren. Das Block-Lager bleibt dabei: Nie sollte bei einer möglichen Rückführung Gewalt angewendet werden.

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Verdeckter Ermittler der Staatsanwaltschaft Hamburg bei August Hanning

Die Staatsanwaltschaft Hamburg verdächtigt Hanning ebenso, dabei mitgewirkt zu haben, Hensel und dessen familienrechtlichen Anwalt mit kinderpornografischem Material zu diskreditieren. Ein Tauchrucksack mit entsprechendem Material wurde auf der Garage Hensels in Dänemark gefunden. Das Material stellte sich als gefälscht heraus. Auch dazu laufen die Ermittlungen.

August Hanning Christina Block Prozess um mutmaßliche Kindesentführung
August Hanning war Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND).© Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler

Um die Firma System 360 zu durchleuchten, schreckte die Staatsanwaltschaft Hamburg nicht davor zurück, einen verdeckten Ermittler in dem Sicherheitsunternehmen zu platzieren, der als Mitarbeiter dort über Monate im Geheimen Erkenntnisse sammelte. Hanning beschwerte sich später bei Hamburgs Justizsenatorin Anna Gallina (Grüne) darüber. Es werde unverhältnismäßig gegen ihn vorgegangen.

Entführer-Chef David B. und seine Kontakte zu den Geheimdiensten

Christina Block Prozess Richterin Isabel Hildebrandt
Richterin Isabel Hildebrandt will die Hintergründe der mutmaßlichen Entführung der jüngsten Block-Kinder aufklären.© dpa | Georg Wendt

Im Block-Prozess wurde bekannt, dass es eine Dreier-Beziehung gegeben haben soll zwischen August Hanning, dem späteren Entführer-Chef B. aus Israel und einem Deutschen namens Ba. Der Israeli, angeblich einst beim Mossad tätig, erklärte, er habe für Hanning recherchiert, was er für den Ex-BND-Chef in Lettland tun könne. Hanning habe da „ein Problem“, genau wie Ba., der Mann aus Süddeutschland. Doch Kidnapper-Boss B. erzählte viel, was unter Prozessbeteiligten als wenig glaubhaft eingeschätzt wurde. Wie das Gericht das bewertet, wird zu sehen sein.

In jedem Fall war es Ba., zu dessen Alpakahof die jüngsten Block-Kinder aus Dänemark von B. und seinem Team verschleppt wurden. Er oder ein Familienangehöriger soll Christina Block, Greta, Klara und Theo am 2. Januar 2024 mit einem abgedunkelten Wagen zu einem Treffpunkt bei Hamburg gefahren haben. Deshalb wird nun auch gegen Ba. ermittelt.