Wie nachhaltig ist das prognostizierte Wirtschaftswachstum tatsächlich? Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte kürzlich vor Unternehmern, es gebe noch keinen selbsttragenden Aufschwung für die nächsten Jahre. Vor allem die milliardenschweren staatlichen Investitionen aus dem schuldenfinanzierten Sondervermögen seien Haupttreiber des zarten konjunkturellen Aufschwungs.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Bei anderen öffentlichen Terminen gab sich der Kanzler schon mal optimistischer. Deutschland solle man nicht kleinreden, aber man sei auch noch nicht da, wo man sein wolle. Jüngst betonte er erneut, es sei nötig, Reformen weiter umzusetzen. An seiner Entschlossenheit solle „man nicht zweifeln“.
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Wirtschaftsausblick: Ökonomen heben BIP-Prognose auf 1,3 Prozent an
Die großen Wirtschaftsinstitute gaben Merz und seiner Koalition zuletzt etwas Rückenwind. Die führenden Ökonomen verdoppelten jüngst ihre Prognose für das laufenden Jahr. 1,3 Prozent Wachstum für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werden nun erwartet, 2027 sollen es dann immerhin noch 1,1 Prozent sein. Was angesichts der weltweiten Herausforderungen mit dem Mix aus Handelsbarrieren, höheren Energiepreisen und anhaltenden Konflikten wie dem in der Golfregion als durchaus aufmunterndes Zeichen gelten kann. Unter den deutschen Wirtschaftslenkern aber ist nicht nur Aufbruchstimmung spürbar. Auch dort, wo es wieder besser läuft, bleibt der Blick auf die Risiken geschärft.
Hans Beckhoff (72) ist jemand, der wohl generell als optimistischer Mensch gelten kann. In den 1980er-Jahren formte Beckhoff aus dem elterlichen Elektrobetrieb den milliardenschweren Beckhoff-Konzern, der heute ein führendes Unternehmen im Bereich Automation ist. Die Technik der Westfalen ist weltweit in Fabriken verbaut. Vereinfacht gesagt liefert Beckhoff das Gehirn hinter vielen Maschinen: Die Technik sorgt dafür, dass Maschinen wissen, was sie tun sollen, Bewegungen präzise ausführen und Produktionsprozesse miteinander kommunizieren. Die Produkte stecken etwa in Werkzeugmaschinen, Robotern, Anlagen für die Halbleiterproduktion, Windkraftanlagen oder Gebäuden.
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Beckhoff: Aufträge aus China und USA treiben Wachstum, Deutschland schwächelt
Bei Beckhoff laufen die Geschäfte wieder gut. „Seit letztem Jahr Oktober hat irgendwie jemand einen Schalter umgelegt. Seitdem gehen die Auftragseingänge rapide nach oben, mit Steigerungen im Bereich von 50 Prozent“, sagte der Firmenchef im Gespräch mit dieser Redaktion. Der für Beckhoff wichtige Markt China wachse sogar noch stärker, die Amerikaner am zweitschnellsten, Europa mit 20 Prozent. Im Inland hingegen liege das Auftragswachstum derzeit nur bei acht Prozent.
„Der Boom ist in anderen Teilen der Welt deutlich stärker ausgeprägt, in Deutschland ist er das nicht“, lautet Beckhoffs klare Analyse. Was man daraus ableiten kann, ist auch, dass Kunden des Unternehmens verstärkt woanders investieren und sich hierzulande weiter zurückhalten. Das geben auch die Zahlen der Wirtschaftsinstitute her. Private Investitionen sind eher schwach, das Wachstum kommt vor allem vom Geschäft mit europäischen Partnern sowie von den staatlichen Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung.

Deutsche Unternehmen kämpfen mit hohen Kosten und warten auf Reformen
Jetzt erhofft sich auch Hans Beckhoff von Kanzler Merz und der Koalition weitere Reformen und Fortschritte. Der angekündigte Bürokratieabbau sei so bei seinem Unternehmen noch nicht angekommen. Auch auf die koalitionsintern verabredeten Lockerungen beim Arbeitszeitgesetz wartet er noch. „Es wird ja diskutiert, die Maximalstunden anders zu verteilen. Das entspricht wirklich der Realität in einem Technologieunternehmen. Es gibt Phasen, in denen man viel mehr arbeitet, und Phasen, in denen man weniger arbeitet. Wenn das tatsächlich vernünftig umgesetzt würde, wäre das sehr hilfreich“, sagt Beckhoff.
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Grundsätzlich sei Deutschland im internationalen Vergleich aber teuer – bei Sozialabgaben, Steuern und Energie. „Preiswert ist in Deutschland nicht möglich“, sagt Beckhoff. Eine Produktionsstunde koste hier etwa dreimal so viel wie in China. Das erschwere es deutschen Unternehmen, sich im internationalen Wettbewerb durchzusetzen. Deutschland habe deshalb „aufgrund unseres Wohlstandes, der sich über die Jahrzehnte herausgebildet hat, einen Wettbewerbsnachteil, weil unsere Kosten höher sind“.
Industrie- und Handelskammer sieht nur kurze Erholung der Wirtschaft
Deutschlands Wirtschaft im Aufschwung? Na ja, heißt es auch von der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). „Das ist kein Aufschwung, das ist eine Verschnaufpause“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov unserer Redaktion. Private Investitionen lägen weiterhin rund zehn Prozent unter dem Vor-Corona-Niveau. Zudem schwächelten Ausfuhren in die USA, auch die Nachfrage aus China sei deutlich eingebrochen. Melnikov fordert einen entschlossenen Reformkurs: „Kosten senken, Bürokratie abbauen, Verfahren beschleunigen, Infrastruktur modernisieren.“

Auch Ökonomen äußern sich noch zurückhaltend. Das Geschäftsklima werde von den Unternehmen mehrheitlich als eher schlecht eingeschätzt, so das Ifo‑Institut. „Wir müssen uns derzeit aus einem tiefen Stimmungstal emporarbeiten“, sagt dessen Präsident Clemens Fuest zu dieser Redaktion. Probleme gebe es nach wie vor in der schrumpfenden Autoindustrie, dem energieintensiven Teil der Chemieindustrie und im Wohnungsbau.
Noch nur schwaches Wachstum: Experten fordern umfassende Strukturreformen
Grundsätzlich müsse es attraktiver werden, in Deutschland zu investieren, Innovationen anzuschieben und mehr zu arbeiten. Um das zu erreichen, benötige man Strukturreformen. Fuest allerdings sieht die Gefahr, dass diese „ausbleiben oder verwässert werden“. Was wiederum Folgen für die öffentlichen Haushalte habe, die dann mit wachsenden Zinslasten immer mehr in Schieflage geraten könnten.
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Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) spricht angesichts der jüngeren Konjunkturprognosen lediglich von einer Belebung. „In normalen Aufschwungphasen springt auch die private Investitionstätigkeit an; das sehen wir im Moment noch nicht“, sagte er dieser Redaktion. Die langfristigen Wachstumsperspektiven seien nach wie vor eingetrübt. „Demografie und hohe Energiepreise bremsen, und der Strukturwandel in der Automobilindustrie belastet die Industrieproduktion weiter“, so der Ökonom. Politisch müsse es darum gehen, Vertrauen in den Standort wiederherzustellen. „Dazu müssen glaubwürdige langfristige Reformen angeschoben werden: Sozialversicherungssysteme an die Demografie anpassen, Abgabenbelastung des Produktionsfaktors Arbeit senken, Energiewende marktwirtschaftlich organisieren.“
Hans Beckhoff wartet darauf nicht. Beckhoff Automation plant in diesem Jahr weitere Einstellungen und auch Investitionen im Inland. Auf dem Schreibtisch des Gründers liegen Neubaupläne für eine neue Firmenzentrale in Verl. Und darüber hinaus hält es Beckhoff mit einer alten Weisheit: „Ein westfälischer Bauer, der weiß, dass der Winter kommt, bereitet sich darauf vor.“ Auch Unternehmen müssten so aufgestellt sein, dass sie „durch eine zweijährige Krise gehen können“. Denn die, sagt der Unternehmer, „kommt garantiert“.











