Für Sahra Wagenknecht ging es diesmal um alles oder nichts, der Wahlabend wurde für sie und ihr Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) zur Zitterpartie - zeitweise mit einem Blick in den Abgrund. Nach Schließung der Wahllokale war zunächst offen, ob das BSW bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt überhaupt Parlamentssitze erringen kann oder an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert. Doch am Ende schafft das BSW mit 5,3 Prozent der Stimmen den Einzug in den Landtag - die fünf BSW-Abgeordneten dürften ein entscheidendes Wort mitreden bei der Regierungsbildung in Magdeburg. Das drohende Aus für die Partei – und ein Fiasko für Wagenknecht persönlich – ist abgewendet, stattdessen könnte es nun zu einem Neustart als Zünglein an der Waage kommen. Die Bundesvorsitzende Amira Mohamed Ali sprach von einem „sehr guten Ergebnis“. Die Partei habe „dadurch Rückenwind auch für die Wahlen, die jetzt noch kommen“.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig machte allerdings deutlich, dass ihre Fraktion im Landtag den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund nicht zum Ministerpräsidenten wählen wolle. Ziel sei es, einen überparteilichen Regierungschef ins Amt zu bringen. Eine Zusammenarbeit auch mit der AfD sei bei konkreten Projekten möglich, das BSW werde solche Kooperationen immer nach inhaltlichen Kriterien entscheiden, sagte Wittig: „Wir möchten uns in der Sache auseinandersetzen, da muss auch die AfD Farbe bekennen.“ Während die AfD-Vorsitzende Alice Weidel die Positionierung des BSW begrüßte und für Gespräche warb, äußerte sich Siegmund kritischer. Mit dem BSW sei kein politischer Wandel möglich, sagte Siegmund, „das BSW ist Teil des Problems.“

So oder so, das Kalkül von Wagenknecht ist aufgegangen: Sie hatte in verwegenen Manövern versucht, nach schwachen Umfrageergebnissen das Ruder herumzureißen. Mit rhetorischer Annäherung an die AfD wollte die Parteigründerin das BSW als Zünglein an der Waage für einen Machtwechsel in Magdeburg positionieren und so unzufriedene Wähler gewinnen, die mit der AfD sympathisieren, vor ihren völkisch-nationalistischen Tönen aber zurückschrecken. Im Interview mit unserer Redaktion hatte Wagenknecht vor wenigen Tagen erklärt: „Die AfD ist eine legale Partei, und sie wird gewählt. Viele ihrer Positionen stimmen eher mit der CDU überein, aus der die meisten ihrer Spitzenpolitiker kommen.“

Sachsen-Anhalt: Wagenknechts BSW kämpft ums politische Überleben

Wagenknecht plädierte bereits im Wahlkampf dafür, einen überparteilichen Ministerpräsidenten zu wählen, der mit wechselnden Mehrheiten regiert: „Das bedeutet: auch mit der AfD.“ Um das Profil des BSW zu schärfen, drängte Wagenknecht zuletzt verstärkt darauf, die im Januar 2024 gegründete Partei solle in Thüringen die Regierungskoalition platzen lassen – so wie zu Jahresanfang die Koalition in Brandenburg zerbrochen war.

Doch diese Strategie brachte die Partei noch vor dem Wahlsonntag in neue Turbulenzen. Aus Protest gegen den Wagenknecht-Kurs verließ in Thüringen die Mehrheit der BSW-Landtagsabgeordneten in den vergangenen Tagen die Partei, darunter waren auch die drei BSW-Minister in der Erfurter Landesregierung.

Bei der Landtagswahl in Thüringen 2024 hatte das BSW 15,8 Prozent der Stimmen erreicht. Auch in Brandenburg (13,5 Prozent) und Sachsen (11,8 Prozent) war das BSW kurz nach der Gründung erfolgreich. Aber der Höhenflug endete schnell, bei der Bundestagswahl 2025 und allen folgenden Landtagswahlen verpasste das BSW den Einzug in die Parlamente. Aus Sicht der BSW-Spitze hatte sich die Beteiligung an Landesregierungen in Erfurt und Potsdam als falsch erwiesen, weil dies das Profil als Protestpartei verwischte. Wagenknecht sah darin auch die Ursache für das Scheitern bei der Bundestagswahl, als das BSW die Fünf-Prozent-Hürde nur ganz knapp verpasst hatte.

Nun war es wieder knapp - aber diesmal ging es am Ende gut aus. Welche Rolle Wagenknecht im weiteren Verfahren spielt, blieb in der Wahlnacht offen: Den Parteivorsitz hatte sie bereits abgegeben. Zudem hat das BSW schon Ende 2025 eine Namensänderung beschlossen, die kurz nach den drei Landtagswahlen wirksam wird: Ab 1. Oktober steht die Abkürzung BSW nicht mehr für die Gründerin, sondern für „Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft“.