Eines muss man ihm lassen: Ben Berndt versteht sein Handwerk. Der umstrittene, aber sehr populäre Podcaster weiß, wie man Aufmerksamkeit erzeugt, Erwartungen schürt und aus einem Gespräch ein Medienereignis macht. Sein Podcast „ungeskriptet“ lebt von langen Gesprächen und Gästen, die vielleicht woanders keine Plattform bekommen würden. Auch der Rechtsextremist Björn Höcke durfte bei Berndt schon stundenlang seine radikalen Ansichten vortragen..

Nun kündigte der Moderator erneut einen hochkarätigen Gast an, einen von „großer internationaler Bedeutung“. Es könne das „wichtigste Interview des Jahres“ werden. In den Kommentaren rätselten Tausende: Elon Musk? Wladimir Putin? Nun, Russlands Präsident wurde es doch nicht. Dafür ein Mann, der die Propaganda des Kremls nicht nur kennt, sondern sie als russischer Botschafter in Berlin vertritt: Sergej J. Netschajew.
Das Gespräch ist damit durchaus von internationaler Bedeutung. Nur liegt seine journalistische Relevanz weniger darin, dass Netschajew neue Erkenntnisse liefert. Bemerkenswert ist vielmehr, wie ungebremst ein hochrangiger Vertreter des Kreml seine Version der Wirklichkeit ausbreiten kann. Dass das Interview einen Tag vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ausgestrahlt wird, wo die russlandfreundliche AfD in Umfragen bei über 40 Prozent liegt, macht die Veröffentlichung nicht weniger brisant.
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Netschajew bei „Ben ungeskriptet“: Eine Stunde russische Sicht – und kaum Widerspruch
Eine Stunde lang beklagt der Botschafter, wie ungerecht Russland vom Westen behandelt werde, wie unverhältnismäßig deutsche Sanktionen seien und warum eigentlich alle anderen Schuld am Krieg in der Ukraine trügen – nur eben nicht Russland. Die neuen deutschen Maßnahmen gegen Russland seien „drastisch und beispiellos“. Die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn und das Vorgehen gegen das Russische Haus in Berlin seien „Ausdruck einer Politik, die es so seit der Nachkriegszeit nicht gegeben habe“, so der russische Diplomat.

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Netschajew präsentiert Russland dabei konsequent als Opfer westlicher Willkür. Deutschland, so seine Darstellung, habe die Beziehungen zu Moskau unnötig zerstört. „In der gesamten Nachkriegszeit haben wir Deutschland nichts Schlechtes getan, sondern nur Gutes.“ Russland habe zur Wende beigetragen und die deutsche Wiedervereinigung ermöglicht. Seine Aussage blendet jedoch zentrale Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte aus. Dazu gehören die Annexion der Krim 2014, der russische Großangriff auf die Ukraine seit Februar 2022 sowie zahlreiche Vorwürfe gegen Russland wegen Spionage, Sabotage und anderer hybrider Aktivitäten in Deutschland und Europa.
Doch diese Zusammenhänge werden im Gespräch kaum thematisiert.
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Drohnenvorfall in Leipzig: Russischer Botschafter weist Vorwürfe zurück
Auch beim mutmaßlichen Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle kann Netschajew seine Sicht weitgehend unwidersprochen darstellen. Die Bundesregierung macht Russland für den Vorfall verantwortlich und ordnet ihn in eine Reihe mutmaßlicher russischer hybrider Aktivitäten ein. Netschajew weist alle Vorwürfe zurück. Dabei bleibt es jedoch nicht. „Hätten wir gewollt, in Leipzig wirklich etwas auszurichten, hätte es ganz anders ausgesehen“, sagt er süffisant.
Anschließend schildert Netschajew die Vorgeschichte des Krieges aus russischer Perspektive. Die Ursprünge des heutigen Krieges sieht er bereits in den 1990er‑Jahren. Westliche Mächte hätten versucht, die Ukraine „in ein Bollwerk Anti-Russlands zu verwandeln“. In der Ukraine herrsche eine Nazi-Ideologie, Nazi-Parolen seien an der Tagesordnung. Russland habe lediglich seine Staatsbürger im Donbass und auf der Krim schützen wollen. „Wir akzeptieren keine Nazi-Ideologie, in keiner Form“, wiederholt Nentschajew mehrmals.
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Netschajew behauptet, die Krim sei schon immer russisch gewesen
Auch die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland erkennt Netschajew nicht als solche an. Stattdessen bedient er sich der längst bekannten Kreml-Erzählung: Die Halbinsel sei „schon immer russisch gewesen“, die Mehrheit der Bevölkerung habe Russisch gesprochen und ein Referendum habe den Wunsch nach einem Anschluss an Russland bestätigt.
Unterschlagen wird dabei, dass Russland die Krim 2014 militärisch besetzte und anschließend annektierte. Die internationale Staatengemeinschaft erkennt die Annexion nicht an. Die Abstimmung fand unter russischer Militärpräsenz statt und wurde nicht als rechtmäßige Grundlage für eine Änderung der territorialen Zugehörigkeit anerkannt.
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Russischer Botschafter: Tote von Butscha als ukrainische Provokation
Besonders problematisch ist Netschajews Darstellung des Massakers von Butscha. Der Botschafter behauptet, Russland töte in der Ukraine keine Zivilisten. Russische Angriffe würden sich gegen „Waffen und Armee-Einheiten“ richten. Wenn Zivilisten ums Leben kämen, läge das daran, dass die Ukraine ihre Waffen inmitten der Zivilbevölkerung verstecke. Die Toten von Butscha bezeichnet Netschajew gar als ukrainische Provokation. Russland fordere weiterhin „Beweise aus Butscha“.
Die internationalen Untersuchungen zeichnen ein anderes Bild. Das UN-Menschenrechtsbüro OHCHR dokumentierte in Butscha bis zum 31. Oktober 2022 die Tötung von 73 Zivilpersonen: 54 Männer, 16 Frauen, zwei Jungen und ein Mädchen. Weitere 105 mutmaßliche Tötungen befanden sich damals noch in der Überprüfung. Die Untersuchung stützte sich unter anderem auf Zeugenaussagen, offizielle Dokumente sowie Bild- und Audiomaterial. Bei einigen Opfern wurden Spuren von Folter und sexueller Gewalt festgestellt.
Die Behauptung von der eingeschränkten Pressefreiheit
Auch beim Thema Presse- und Meinungsfreiheit präsentiert der russische Botschafter seine verquere Sichtweise. Netschajew behauptet, die Meinungsfreiheit in Deutschland sei eingeschränkt. Journalisten könnten nur das schreiben, was ihnen aufgetragen werde. Belege für diese weitreichende Behauptung liefert er selbstverständlich nicht.
Gleichzeitig verliert Netschajew kein Wort darüber, dass unabhängige Medien in Russland massiv unter Druck stehen, Journalisten verfolgt und inhaftiert und zahlreiche Medien verboten oder als „unerwünschte Organisationen“ eingestuft werden Zudem spricht der Botschafter wiederholt davon, dass „jemand“ gezielt die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland zerstören wolle. Wer dieser „Jemand“ sein soll und welche Belege es dafür gibt, bleibt offen. Eine kritische Nachfrage oder Einordnung von Berndt bleibt aus.
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Widersprüchlich ist auch Netschajews Darstellung des Verhältnisses zur Nato. „Russland kämpft gegen die Nato in der Ukraine“, sagt der Botschafter. Gleichzeitig versichert er: „Wir wollen keinen Krieg gegen die Nato, wir wollen keinen Krieg gegen Deutschland.“ Unmittelbar sagt er jedoch, Russland sei von den westlichen Staaten „sehr enttäuscht“. Man sei nicht bereit, die „mächtigsten Waffen“ einzusetzen. Aber: „Unsere Geduld ist nicht grenzenlos.“







![DIESES FOTO WIRD VON DER RUSSISCHEN STAATSAGENTUR TASS ZUR VERFÜGUNG GESTELLT. [RUSSIA, LUGANSK PEOPLE'S REPUBLIC - JULY 29, 2026: A serviceman from the military commandants office of the Lugansk People's Republic performs an air defence duty to protect the airspace of the Lugansk People's Republic. Alexander Reka/TASS] Air defence in Lugansk People's Republic, Russia](https://img.sparknews.funkemedien.de/412741926/412741926_1785999935_v16_9_1200.jpeg)




