Lydia Hüskens hat viel zu verlieren. Job, Macht und Ansehen. Die Fallhöhe als stellvertretende Ministerpräsidentin von Sachsen-Anhalt und Ministerin für Infrastruktur und Digitales in dem Land ist hoch. Aber das ist nur das eine. Dazu kommt: Nur noch in Sachsen-Anhalt besetzt die FDP ein Ministeramt. Die 62-Jährige könnte in die Geschichte eingehen, als letzte Ministerin der Liberalen in Deutschland. Wenn die Partei bei der kommenden Wahl in Sachsen-Anhalt aus dem Landtag fliegen sollte, ist sie von der politischen Bildfläche weitgehend verschwunden.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Fragt man die Landeschefin und Spitzenkandidatin ihrer Partei, was sie in diesem Fall machen werde, sagt sie: „Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“ Sie peilt ein Wahlergebnis an, „das wir beim letzten Mal hatten“ – 6,4 Prozent. „Es darf auch gern mehr sein.“
Landtagswahlen 2026 – spannende Hintergründe
Liberale in Sachsen-Anhalt seit Wochen zwischen drei und vier Prozent
Die FDP befindet sich seit dem Ende der Ampel-Regierung im Prozess einer Neuaufstellung. Bei der Bundestagswahl 2025 scheiterte sie an der Fünf-Prozent-Hürde. Auch bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz verlor sie ihre Mandate. Die Wahl des neuen Parteichefs Wolfgang Kubicki Ende Mai sollte die Trendwende einleiten. Bundesweit schaffte es die Partei in den Umfragen zuletzt wieder auf fünf bis sechs Prozent. In Sachsen-Anhalt verharrt sie seit Wochen zwischen drei und vier Prozent.
Die AfD liegt in Umfragen derzeit bei 42 Prozent und ist das alles bestimmende Thema in der Politik des Bundeslandes. Es ist möglich, dass sie bei der Wahl am kommenden Sonntag nicht nur mit deutlichem Vorsprung vor der CDU (22 bis 23 Prozent) gewinnt, sondern sogar eine absolute Mehrheit holt.
Auch interessant
Kritik an der AfD-Berichterstattung in den Medien
Auf die Frage, was sich ändern würde, wenn die AfD an die Macht käme, sagt Hüskens im Gespräch mit dieser Zeitung, sie finde es „ein bisschen seltsam, wenn wir immer wieder versuchen herumzuorakeln, was die AfD tun wird und was nicht“. In den Medien drehe sich zurzeit so vieles um diese Frage. „Und wir als FDP haben kaum noch die Möglichkeit, den Menschen hier in unserem Land tatsächlich zu zeigen, was die wichtigen Themen sind.“ Das sei vor allem die Wirtschaft und was im Land möglich sei.
Hüskens Medienkritik wiegt schwer. Aber kann es auch sein, dass die FDP sowie alle anderen Parteien in Sachsen-Anhalt bislang eine falsche Wahlkampfstrategie hatten?

Straßenwahlkampf in Eisleben
Die AfD Sachsen-Anhalt wird vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Dennoch dringt sie immer weiter in die Gesellschaft vor. Bei einem Wahlkampftermin mit Hüskens auf dem Marktplatz der Lutherstadt Eisleben zeigt sich, wie allgegenwärtig die Partei ist. Nachdem sie aus dem Auto gestiegen ist, dauert es kaum eine Minute, bis ein Passant sie im Vorbeigehen auf dem Bürgersteig anraunt: „Am Ende des Tages wählen wir hier blau.“ Also AfD.
Hüskens wirkt etwas irritiert, aber gefasst. In Eisleben macht sie Straßenwahlkampf. Da kann das schon mal passieren. Die Menschen kennen ihr Gesicht aus dem Fernsehen oder von den FDP-Wahlplakaten und sprechen sie direkt an.
Exklusive Politik-Hintergründe – für Sie recherchiert
„Irgendwann werden Sie alle am Baum hängen“
„Auf ein Eis mit Lydia Hüskens“ heißt die Veranstaltung. Die FDP lädt Passanten an der Eisdiele am zentralen Marktplatz ein, und Hüskens redet mit ihnen über die Politik. Solche Wahlkampftermine mache sie gern, sagt die Ministerin. Sie nimmt sich Zeit, hört zu, erklärt. Hüskens setzt auf die rund 30 Prozent der Wähler, die noch unentschlossen sind.

Mit einem Mann mittleren Alters gerät sie jedoch in einen Disput. Er wirft ihr vor, mit CDU und SPD unter einer Decke zu stecken. „Unter welcher Decke?“, fragt Hüskens. „Irgendwann werden Sie alle am Baum hängen“, sagt der Mann – und geht weiter. Hüsken wirkt betrübt, fast traurig. Genau solche Gespräche wolle sie nicht, sagt sie.
Vor solchen Zwischenfällen schützt sich Hüskens mit ihrem Arbeitsethos. „Wenn ich ein Amt, eine Verantwortung übernehme, dann nehme ich das ernst. So bin ich erzogen worden“, sagt sie. „Wir bekommen Geld dafür. Die Leute können erwarten, dass wir unsere Arbeit machen.“
Auch interessant
Zeit nach der Wiedervereinigung „war schon eine irre Zeit“
Die FDP-Landeschefin ist aufgewachsen in der katholisch-konservativ geprägten Kleinstadt Geldern im äußersten Westen Nordrhein-Westfalens. Sie studierte Geschichte, Politik und Publizistik in Münster. 1989 trat sie in die FDP ein, wurde PR-Beraterin und heiratete.
Schon kurz nach der Wiedervereinigung ging Hüskens mit ihrem Mann in den Osten. „Es war schon eine irre Zeit“, sagt sie über die ersten Jahre. Sie bekam zwei Söhne und startete ihre Karriere in der Verwaltung als Regierungsangestellte im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt. Danach arbeitete sie sich durch die Parteiinstanzen, wurde Landtagsabgeordnete, Landesvorsitzende, Spitzenkandidatin und 2021 Ministerin in einer Koalition mit CDU und SPD.
„Ich lebe länger in Magdeburg als an jedem anderen Ort in Deutschland. Und mir geht es gut hier“, sagt sie.
Wahlkampf polarisiert und auf Personen bezogen
Der Wahlkampf sei vor allem deshalb schwierig, weil er „sich wenig mit Themen beschäftigt, sondern polarisiert und auf Personen bezogen ist“, sagt Hüskens. Das bestimmende Element sei jedoch die Politik, die in Berlin gemacht werde. „Es gibt eine große Frustration über die Bundespolitik. Die Leute wollen Reformen.“
Egal, wie die Wahl ausgeht. Eine Zusammenarbeit mit der AfD komme für die FDP nicht infrage, sagt die FDP‑Frau. „Für uns ist das kein Thema.“ Sie verortet ihre Partei in der politischen Mitte. Kompromisse rechts und links davon lehnt sie ab. „Aber 40 Prozent der Wähler kann man nicht ignorieren – auch wenn die AfD am Ende gar nicht regiert.“














