Annalena Baerbock bleibt in New York – und wechselt von der Weltpolitik in den Hörsaal. Nach dem Ende ihrer Amtszeit als Präsidentin der UN-Generalversammlung geht die frühere Außenministerin an die Columbia University. Dort soll sie nicht im klassischen Sinn forschen, sondern etwas vermitteln, das sich kaum aus Lehrbüchern lernen lässt: politische Führung unter Druck.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Baerbock soll an der renommierten „School of International and Public Affairs“, kurz SIPA, für drei Jahre eine Vollzeitstelle übernehmen. Vorgesehen ist eine Professur für „Global Leadership“, nach amerikanischem Modell voraussichtlich als „Professor of Professional Practice“. Zugleich soll sie Co-Direktorin des „Master of Public Administration in Global Leadership“ werden, eines exklusiven Executive-Programms für erfahrene Führungskräfte.

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Annalena Baerbock: Dozentin für exklusives Studienprogramm

Einen deutschen Lehrstuhl mit Forschungsapparat, Doktoranden und akademischer Karriereleiter übernimmt die Grünen-Politikerin nicht. „Professional Practice“ ist an US-Eliteuniversitäten, zu denen Columbia gehört, vielmehr die akademische Heimat ehemaliger Minister, Diplomaten, Manager und anderer Spitzenpraktiker. Ihr Kapital ist persönliche Erfahrung, nicht die Zahl oder Brillanz wissenschaftlicher Aufsätze.

Das Programm, in dem Baerbock arbeiten soll, ist jung und teuer. Es dauert nur zehn Monate und richtet sich an Bewerber mit meist mehr als zehn Jahren Berufserfahrung. Die reine Studiengebühr liegt für 2026/27 bei rund 80.000 Dollar. Mit Hochschulgebühren und Versicherung werden gut 90.000 Dollar fällig; rechnet man Wohnen, Essen, Bücher hinzu, kalkuliert Columbia selbst mit Gesamtkosten von rund 130.000 Dollar für das Studienjahr.

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Baerbocks neuer Job: Bisher kaum prominente Absolventen

Dafür bleibt die Klasse klein. Der erste Jahrgang bestand aus nur 28 Teilnehmern aus 18 Ländern, spätere Kohorten umfassten ebenfalls nur einige Dutzend. Columbia wirbt mit einer Mischung aus öffentlichem Dienst, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft. In den Kursen sitzen Diplomaten neben Unternehmensmanagern, Regierungsberatern, Militärs und Mitarbeitern internationaler Organisationen.

Prominente Absolventen kann der Studiengang noch kaum vorweisen. Er startete erst 2023, der erste Jahrgang machte 2024 seinen Abschluss. Unter den frühen Teilnehmern war etwa die kubanische Demokratieaktivistin Rosa María Payá Acevedo. Die größeren Namen stehen bislang eher auf der anderen Seite des Pults.

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Baerbock passt laut Insidern gut ins Raster

Hillary Clinton, frühere US-Außenministerin und Präsidentschaftskandidatin, lehrt am SIPA und hat das „Institute of Global Politics“ mitbegründet. Auch die frühere Vize-US-Außenministerin Victoria Nuland wechselte als Professorin für praktische Diplomatie zur Columbia-Universität. Baerbocks unmittelbarer Vorgänger im Global-Leadership-Programm, Mauricio Cárdenas, war Finanzminister Kolumbiens.

Inhaltlich passt die frühere Außenministerin „sehr gut in dieses Raster”, wie Insider aus dem Umfeld der Universität sagen. Im Curriculum geht es um geopolitische Stabilität, Demokratie, Klima, Wirtschaft und Technologie, aber ebenso um Verhandlungen, Koalitionsbildung und Krisenmanagement. Vieles wird über Fallstudien und Simulationen vermittelt. Vereinfacht gesagt: Die Studierenden sollen nicht nur lernen, wie internationale Politik theoretisch funktioniert, sondern wie man entscheidet, wenn mehrere schlechte Optionen gleichzeitig auf dem Tisch liegen. Anspruch: Lernen an Entscheidungen statt nur an Theorien.

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Baerbock: So viel könnte sie in ihrem neuen Job verdienen

Welche eigenen Seminare Baerbock übernimmt, ist noch nicht öffentlich. Auch hat Columbia ihre Berufung bislang nicht mit einer persönlichen Fakultätsseite und detailliertem Stundenplan ausbuchstabiert. Viel spricht dafür, dass ihre Aufgabe deutlich über Vorlesungen hinausgeht. Als Co-Direktorin dürfte sie Lehrinhalte mitgestalten, Teilnehmer beraten, Gastredner holen und das Programm nach außen repräsentieren.

Auch ihr Gehalt ist nicht bekannt. Einen belastbaren Anhaltspunkt liefert jedoch eine vergleichbare SIPA-Ausschreibung aus diesem Jahr. Für eine Vollzeitstelle als „Professor of Professional Practice“ samt Leitung eines Masterprogramms nannte Columbia ein Jahresgehalt zwischen 240.000 und 280.000 Dollar (z. Zt. 206.000 bis 240.000 Euro). Daraus lässt sich keinesfalls Baerbocks Vertrag ablesen – wohl aber die Größenordnung, in der solche Posten vergütet werden.

Baerbock wechselt an Uni: Wohl schon länger geplant

Auffällig ist der Zeitpunkt. Baerbocks Amtszeit bei den Vereinten Nationen endet am 8. September. Genau an diesem Tag beginnt bei SIPA das reguläre Herbstsemester. Das Global-Leadership-Programm selbst läuft zwar schon seit Mitte Juli mit einem Sommerblock; Baerbock würde also zum eigentlichen Semesterbetrieb einsteigen.

Auf Columbias eigener Website wartet offenbar bereits seit geraumer Zeit ihr Platz. Im offiziellen SIPA-Handbuch für 2026/27 steht neben Co-Direktorin Yumiko Shimabukuro, einer promovierten Politikwissenschaftlerin und preisgekrönten Columbia-Dozentin, die auf Sozialpolitik, Ostasien und Führungsausbildung spezialisiert ist, eine zweite Leitungsstelle.

Dort, wo eigentlich ein Name stehen müsste, heißt es bisher lediglich: „Stellvertretender Fakultätsdirektor – wird im Herbst 2026 bekannt gegeben.“

Für Baerbock ist der Wechsel mehr als ein Job

Für Baerbock ist der Wechsel mehr als ein Job. Er verlängert ihr New Yorker Leben und hält sie zugleich auf internationaler Bühne. Nach Bundesregierung und Vereinten Nationen kehrt sie nicht in den Berliner Parteialltag zurück, sondern in jenes amerikanische Milieu, in dem politische Erfahrung selbst zum akademischen Wert wird.

Columbia macht aus einer früheren Außenministerin keine klassische Wissenschaftlerin. Die Universität macht sie zu einer Praktikerin der Macht – und lässt sie der nächsten Generation erklären, wie man sie ausübt.