Beharrlich weist die AfD immer wieder Vergleiche mit den Nationalsozialisten zurück. Das mag mögliche Wählerinnen und Wähler auch manchmal überzeugen. Denn die Zeit, in der Hitlers NSDAP in Deutschland an der Macht war, gilt aufgrund der schweren Verbrechen der Nazis und ihrer Helfer, die in den Morden an sechs Millionen Juden in Europa gipfelten, bislang mit nichts in der deutschen und europäischen Geschichte als vergleichbar. Dennoch formulierte nun die Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch (93), seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, heftige Vorwürfe, die in diese Richtung gehen. Und Unterstützung erhält sie aus der historischen Wissenschaft.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Knobloch sagte dem „Stern“: „Natürlich sahen die Nazis von damals anders aus, hatten Uniformen, waren anders organisiert. Sie hatten von Anfang an klargemacht, was sie vorhatten, wie ihre Politik aussehen würde. Jeder konnte das wissen.“ Auf die Frage nach einem Vergleich zwischen AfD und dem Siegeszug der NSDAP in den 1930er-Jahren sagte sie: „Man kann es nicht gleichsetzen, aber vergleichen sollte man.“

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Historikerin Andrea Löw: „Vergleichen heißt nicht Gleichsetzen“

Und darüber hinaus sagte Knobloch: „Auch die NSDAP hat einmal klein angefangen und ausprobiert, was alles möglich ist. Exakt das passiert bei der AfD: Ihre Politiker testen aus, was zumutbar ist. Und wir sehen: Sie wachsen mit zunehmender Radikalität.“ Sie sehe „in vielen Bereichen keinen Unterschied mehr zur NSDAP“, bevor diese an die Macht gekommen sei.

Historiker wie Andrea Löw sehen das ähnlich. Die Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, sagte unserer Redaktion, „dass Charlotte Knobloch ja völlig zu Recht auf zwei Dinge hinweist: Vergleichen heißt nicht Gleichsetzen. Sie hat gesagt: ‚Man kann es nicht gleichsetzen, aber vergleichen sollte man schon.‘ Da bin ich hundertprozentig ihrer Meinung.“

Außerdem habe Knobloch noch etwas ganz Wichtiges gesagt, „nämlich, dass sie keinen Unterschied mehr sieht ‚zur NSDAP, bevor diese an die Macht gekommen ist‘“. Das sei zentral, sagte Löw. „Und das ist es auch, was ich jedem entgegenhalte, der sagt, die AfD sei doch nicht so radikal und würde doch kein Auschwitz errichten wollen und das sei doch völlig übertrieben.“

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Wahlen aus Protest, Frust und Gefühl der Unsicherheit

Löw weist darauf hin: „Auch die NSDAP hat, bevor sie die Macht bekommen hat – und im Übrigen ja auch viele Jahre lang danach –, keine Todesfabrik errichtet. Auch in der Politik gegen Jüdinnen und Juden standen zunächst Ausgrenzung und Entrechtung, um sie zur Emigration zu zwingen, im Zentrum der NS-‚Judenpolitik‘.“ Die Argumente, dies sei nicht vergleichbar, würden deshalb häufig zu kurz greifen, „weil sie die AfD heute mit der NSDAP in ihrer Radikalität der Jahre nach 1933 vergleichen“. Würde man das machen, sei das Ergebnis ganz klar: „Das ist sicher sehr unterschiedlich“, so Löw.

Der Historikerin zufolge war die NSDAP in den Jahren vor 1933 wie die AfD heute eine Partei, die viele vor allem aus Protest, aus Frust, einem Gefühl der Unsicherheit und vor allem auch Unzufriedenheit mit „denen da oben“ gewählt haben. „Aber einmal an der Macht, hat sich die NSDAP immer weiter radikalisiert, und das sollte uns heute eine Warnung sein.“

Eine Partei politisch ‚zähmen‘? Das kann „ganz furchtbar scheitern“

Löw weist darauf hin, dass die NSDAP eine paramilitärisch organisierte Partei gewesen sei. „Sie verfügte über gewalttätige Einheiten, die ihre Politik brutal auf der Straße umsetzte.“ So weit sei es mit der AfD noch nicht. „Doch denken Sie an die Berichte vom Wochenende: Ein AfD-Politiker soll einen Jugendlichen mit einem Schlagwerkzeug angegriffen haben. Und der Thüringische AfD-Vorsitzende hat drei angeklagte Mitglieder der ‚Sächsischen Separatisten‘ für unschuldig erklärt, will sie wieder als normale Mitglieder in der Partei haben.“

Laut Löw wären die „Sächsischen Separatisten“ sicherlich eine solche gewalttätige Einheit, die laut Bundesanwaltschaft „eine bewaffnete Neonazigruppe“ sei, „die mit Waffengewalt Gebiete in Sachsen erobern“ und Vertreter der demokratischen Ordnung töten wolle. Aber auch hier gelte der Unterschied zwischen Gleichsetzen und Vergleichen. „Das ist nicht 1:1 die SA, aber wir können Entwicklungen vergleichen.“

Löw sagte, egal, zu welchem Ergebnis man am Ende des Vergleichs zwischen der AfD und der NSDAP komme: „Das Ende der Weimarer Republik zeigt uns jedenfalls sehr deutlich, dass der Versuch, eine Partei politisch ‚zähmen‘ zu wollen, indem man ihr Macht überträgt, ganz furchtbar scheitern kann und vermutlich auch scheitern wird.“