Menschen abzuschieben ist ein mühsames, ein diskretes Geschäft. Polizisten stehen früh am Morgen vor Asylunterkünften oder klopfen an Wohnungen. Andere Ausländer, die Deutschland verlassen müssen, sitzen in Abschiebehaft, kommen direkt aus der Zelle zum Flieger. Viele Flüge starten etwa in Leipzig, zentral gelegen, aber auch abgelegen. Protest gegen Asylpolitik ist schwer dorthin zu mobilisieren.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Bevor ein Mensch zurückgeführt wird, wie die Behörden sagen, braucht es oft neue Passersatzpapiere des Heimatlandes. Viele verlieren ihre Ausweise auf der Flucht oder vernichten sie auf Rat der Schlepper. Die Regierung im Herkunftsland muss jeden Einzelfall genehmigen und die Flüge absegnen. Gerichte benötigen Zusagen, dass einem Abgeschobenen in der Heimat nicht Folter oder Gewalt droht.

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Im Ministerium arbeitet ein „Migrationsbotschafter“: leise und diskret

Menschen abzuschieben ist eine eigene, sensible Diplomatie. Das erzählen Mitarbeiter in Behörden und Ministerien, die viele Jahre nichts anderes getan haben: andere Regierungen davon zu überzeugen, einen Abschiebekandidaten aufzunehmen, Pässe zu liefern, Flüge zu genehmigen. Manchmal, so erzählt es ein Insider, überzeuge man Delegierte eines Landes während aufwendiger Sightseeing-Touren durch Deutschland, schaffe Vertrauen und tausche gegenseitig Fotos der Enkelkinder aus. Alles für ein Ziel: das Heimatland weichzukochen – damit es die eigenen Staatsbürger zurücknimmt.

Seit der vergangenen Ampel-Regierung gibt es im Bundesinnenministerium dafür einen eigenen Posten, den Migrationsbeauftragten. Seit Januar – unter der neuen Koalition von Union und SPD – heißt er „Migrationsbotschafter“: Ludwig Jung, ein erfahrener Diplomat aus dem Auswärtigen Amt, mit Stationen in Nigeria und Mali. Und auch was er macht, läuft bisher vor allem: diskret. Kaum Auftritte, keine Interviews. Jung soll vor allem die umstrittenen „Drittstaatenmodelle“ vorantreiben: Deutschland will Asylsuchende in sichere Länder außerhalb der EU schicken, damit dort über ihren Schutz entschieden wird. Italien betreibt dieses Verfahren in Albanien. Es ist eine heikle Diplomatie entlang der Grenzen des Rechts.

Drohnen-Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle
Demonstriert „klare Kante“ in der Asylpolitik: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU).© dpa | Hendrik Schmidt

Zumindest bei den Abschiebungen stockt Dobrindts große „Wende“ bei Asyl und Migration

Wie zäh und diskret das Geschäft mit Rückführungen ist, muss nun auch der neue Innenminister Alexander Dobrindt nach mehr als einem Jahr im Amt erkennen. Dobrindt proklamierte eine „Migrationswende“ und dessen Partei – die CSU – fordert eine „Abschiebe-Offensive“ mit Linienflügen nach Afghanistan und Syrien.

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Zumindest bei den Abschiebungen stockt Dobrindts große „Wende“ bei Asyl und Migration. Das zeigen aktuelle Zahlen. Von Januar bis Ende Juni schob die Polizei 9663 Menschen ab. Darüber berichtet die „Welt“. Offiziell teilt das Ministerium die Zahlen für das erste Halbjahr noch nicht mit. Aber klar ist der Trend: Im ersten Halbjahr 2025 zählten die Behörden 11.807 Fälle. Damals regierte noch die Ampel. Dobrindts Halbjahresbilanz: 18 Prozent weniger erzwungene Abschiebungen ausreisepflichtiger Ausländer.

Das Ministerium verweist auf Zahlen, die sowohl Polizeimaßnahmen einschließen – aber auch freiwillige Ausreisen und sogenannte „überwachte Ausreisen“. Insgesamt hätten so im ersten Halbjahr 2026 knapp 19.000 Menschen Deutschland verlassen. Zum Vergleich: 2025 waren es nur gut 200 mehr. Dobrindts Bilanz sieht hier weniger ernüchternd aus.

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Warum die Zahl der Abschiebungen trotz „Offensiven“ der Politik nicht steigt, lässt sich erklären

Doch die Statistik zeigt: Es sind nicht nur Gewalt und Zwang, sondern vor allem Anreize, die Ausländer zur Ausreise bringen. Unter Dobrindts Amtszeit konnten die Behörden die „geförderten Ausreisen“ deutlich steigern. Nur spricht die Regierung vor allem über „klare Kante“ und verschärft die Abschiebe-Politik. Über die Programme zur freiwilligen Rückkehr in die Heimat sprechen Politiker von Union und SPD seltener. Milde passt weniger in die Rhetorik der „Migrationswende“, mit der sich vor allem die CDU bei Anhängern der radikalen AfD profilieren will.

Warum die Zahl der Abschiebungen trotz „Offensiven“ der Politik nicht steigt, lässt sich erklären. Ein gewichtiger Grund ist: Die Zahl der Asylsuchenden insgesamt ist seit 2024 deutlich zurückgegangen – teilweise um die Hälfte. Sind weniger Menschen hier, schiebt der Staat auch weniger ab.

Ein anderer Grund: Die sogenannten „Dublin-Überstellungen“ laufen seit Jahren schleppend. Das sind Fälle, in denen ein Asylsuchender zuerst in Italien oder Griechenland oder Spanien in die EU eingereist ist, aber auf einmal bei deutschen Behörden aufschlägt. Laut EU-Recht ist der Staat der Ersteinreise verantwortlich für das Asylverfahren, also etwa Italien oder Griechenland. Die Geflüchteten müssen „zurücküberstellt“ werden. Eigentlich. Denn meistens klappt das nicht, weil sich Staaten wie Italien und Griechenland weigern, oder deutsche Gerichte Zweifel sehen, weil die humanitäre Lage in den EU-Grenzlagern zeitweise katastrophal ist.

Clara Bünger
Übt scharfe Kritik am Kurs der Regierung: Clara Bünger, Bundestagsabgeordnete der Linken.© dpa | Jürgen Lösel

Abschiebungen seien „kräftezehrend“ für alle Behörden, heißt es aus einem Landesinnenministerium

Und so stellte Deutschland im ersten Halbjahr 2026 knapp 12.000 Gesuche auf „Überstellung“ in ein anderes EU-Land. In 7591 Fällen stimmten die Mitgliedstaaten zu. Am Ende wurden 1698 Personen überstellt.

Fehlende Pässe, schwer erkrankte Geflüchtete, abgetauchte Ausländer oder Heimatländer, die blocken – all das sind Gründe, warum eine Abschiebung scheitern kann. Und das passiert immer wieder. Ende Juni waren 258.845 Personen ausreisepflichtig. Davon sind allerdings rund 200.000 Menschen geduldet, ein kleiner Teil auch deshalb, weil sie in Ausbildung oder Beruf stecken. Wer eine Duldung hat, kann nicht in seine Heimat zurückkehren. Abgeschoben wurden 2025 insgesamt 22.787 Personen, knapp ein Zehntel aller Ausreisepflichtigen.

Abschiebungen seien „kräftezehrend“ für alle Behörden, heißt es aus einem Landesinnenministerium. Man müsse „operativ“ vorgehen, „zusammenarbeiten“. Doch aktuell sorgt eine Tabelle für Missstimmung bei manchen Bundesländern. Es zeigt die Abschiebe-Quoten der Länder, gefüttert offenbar mit Zahlen aus dem Dobrindt-Ministerium. Die „Bild“ titelte: „Saarland top, Brandenburg flop“ und vermeldete die „große Lüge von der Abschiebe-Offensive“. Der Fingerzeig aus der Bundespolitik ist klar: Manche Länder spuren nicht.

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Bundesregierung schmallippig: „Das Vorhaben befindet sich in der internen Konzeptionierung“

Tatsächlich sind die Länder operativ verantwortlich: genau genommen die Ausländerbehörden. Sie bereiten Abschiebungen rechtlich vor, stellen Ausreisepapiere aus, terminieren Flüge, sollen dafür sorgen, dass die Ausländer am Ausreisetag mitmachen. Seit Jahren aber sind ausgerechnet diese neuralgischen Behörden der Kommunen chronisch unterfinanziert, die Jobs unattraktiv. Und in der Corona-Pandemie sei auch noch gutes Personal von den Ausländerbehörden in den Gesundheitssektor abgezogen worden, sagt ein Experte.

Doch verantwortlich ist auch der Bund, etwa bei der Passersatzbeschaffung. Dobrindts Ministerium aber will auch dafür sorgen, dass andere EU-Staaten die „Dublin-Fälle“ zurücknehmen. Im Koalitionsvertrag heißt es, dass der Bund diese Verfahren bei sich „zentralisieren“ will. Mit mäßigem Erfolg. „Da passiert nichts, null“, sagt ein hochrangiger Landespolitiker. Im Bund heißt es nur: „Das Vorhaben befindet sich in der internen Konzeptionierung.“

Kundgebung gegen den Bau eines Abschiebeterminals
Abschiebegegner demonstrieren am Münchner Flughafen gegen den Bau eines „Abschiebeterminals“. © dpa | Ehsan Monajati

Die größte Gruppe der Ausreisepflichtigen sind Afghanen und Syrer. Seit dem Sturz des Assad-Regimes verlieren mehr Syrerinnen und Syrer ihren Status als Geflüchtete. Zuletzt lag die Ablehnungsquote für Asylsuchende bei 68,6 Prozent.

Die Regierung von Außenministerin Annalena Baerbock zögerte noch bei Abschiebungen nach Syrien und näherte sich nur zurückhaltend den Taliban in Afghanistan an. Die Merz-Regierung will auch hier in die Offensive, Beamte verhandeln nun direkt in Kabul.

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Insgesamt 67 Männer schoben deutsche Behörden nach Afghanistan ab

Doch dort haben Taliban-Islamisten Sorge vor anderen Islamisten – vor abgeschobenen IS-Anhängern aus Deutschland. Und das Regime in Afghanistan weiß, wie stark der Druck auf die Bundesregierung ist. Die Taliban stellen Forderungen für die Rücknahme von Schutzsuchenden. Für Deutschland sind Zugeständnisse an Islamisten heikel. „Wer Menschen zu den Taliban nach Afghanistan schickt, liefert sie wissentlich einem Folterregime aus“, kritisiert etwa Linken-Politikerin Clara Bünger. „Auch Syrien bleibt unter der Herrschaft des ehemaligen al-Quaida-Terroristen Al-Scharaa lebensgefährlich.“

Und so sind Abschiebungen in diese Länder symbolträchtig für Minister Dobrindt. Erstmals wurde nun jemand nach Kabul abgeschoben, der kein Straftäter ist. Ein weiterer Schritt im verschärften deutschen Asylkurs. Die Gesamtzahlen aber bleiben für das Merz-Kabinett ernüchternd, die Abschiebediplomatie zäh und kräftezehrend: 67 Männer schoben Behörden seit dem Regierungswechsel im Mai 2025 nach Afghanistan ab. Und nach Syrien? Waren es im ersten Halbjahr insgesamt drei Personen.