Als Rohina Popalzai das stickige Klassenzimmer betritt, erheben sich die Jungs und begrüßen die Lehrerin lautstark. Kurz zuvor hatte die 50-Jährige noch im Lehrerzimmer gesagt, dass Jungen generell ein größeres Problem mit Autorität hätten als Mädchen. „In den vergangenen fünf Jahren sind die Jungen rebellischer geworden. Die Mädchen sind noch ruhiger.“ Ihrer resoluten Lehrerin bringen die Schüler aber eine Menge Respekt entgegen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Am 15. August vor fünf Jahren haben die Taliban erneut die Macht in Afghanistan übernommen. Seitdem hat sich das Land in vielerlei Hinsicht verändert. Die Sicherheitslage hat sich nach dem Abflauen der Kämpfe verbessert, überall wird gebaut. Aufgrund der Sanktionen westlicher Länder gegen die islamistische Regierung und des Abzugs vieler Hilfsorganisationen hat sich die humanitäre Lage jedoch verschlechtert. Ein Drittel der Bevölkerung gilt als von Hunger bedroht. Die Arbeitslosigkeit ist enorm hoch.

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Besonders prekär ist die Situation der Frauen und Mädchen in Afghanistan. Sie sind von höherer Bildung ausgeschlossen und aus vielen Bereichen des Arbeitsmarktes verdrängt worden. Im Bildungs- und Gesundheitssystem sind aber noch immer Tausende Frauen beschäftigt. Der weibliche Nachwuchs wird jedoch knapp werden, wenn sich nichts Entscheidendes ändert.

Krisenreporter Jan Jessen war vor Ort und berichtet, wie sich das Leben in Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban verändert hat und wie prekär die Lage für die Menschen heute ist.

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Afghanistan fünf Jahre nach den Taliban: Sicherer, aber nicht freier
Im Krisenmodus
 

Die Lehrerin: „Sie sind die Zukunft Afghanistans“

Rohina Popalzai bedauert die aktuelle Lage zutiefst: „In den vergangenen fünf Jahren haben keine Ärztinnen, Ingenieurinnen oder Politikwissenschaftlerinnen ihren Abschluss machen können.“ Die Situation belaste jene Frauen enorm, die zuvor einen Job gehabt oder studiert hätten: „Sie wollen nicht den Rest ihres Lebens zu Hause sitzen.“ Viele litten unter psychischen Problemen, manche hätten versucht, sich das Leben zu nehmen. Popalzai sagt aber auch, sie glaube, dass die islamistische Regierung eine Vision für die Verbesserung der Lage der Frauen habe.

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Rohina Popalzai ist Lehrerin und Leiterin einer Grundschule in Kabul.© Jan Jessen | Jan Jessen

Ihre Grundschule in einer Seitenstraße im Nordwesten Kabuls ist in einem Wohnhaus untergebracht. Über 1100 Schülerinnen und Schüler werden hier von Popalzai und ihren Kolleginnen in vier Schichten unterrichtet. Jeder einzelne Raum vom zweiten Stock bis zum Keller wird als Klassenzimmer genutzt. Im Hof stehen zwei Zelte, auch in ihnen sitzen Kinder auf dem Boden.

Das Kollegium ist komplett weiblich, obwohl es sich um eine staatliche Einrichtung handelt. Die Kinder stammen aus den ärmlichen Siedlungen, die sich an den Bergen hochziehen, die die afghanische Hauptstadt umgeben. Privatschulen können sich ihre Eltern nicht leisten. Schon ihretwegen will die Lehrerin die Hoffnung nicht aufgeben: „Sie sind die Zukunft Afghanistans.“

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Die Schneiderin: „Die Frauen brauchen Geld, um ihre Familien zu unterstützen“

Hiromi Yasui, 62, ist eine Frau, die für andere Frauen eine Nische geschaffen hat. Die Journalistin stammt aus Japan, lebt aber bereits seit einem Vierteljahrhundert in Afghanistan, weil sie sich in das Land verliebt und hier geheiratet hat. Ihr Grundstück in Kabul ist eine Oase. Im Garten leuchtet ein sattgrüner Rasen, Bäume spenden Schatten, Vögel zwitschern. In ihrem Keller hat Yasui eine Werkstatt eingerichtet. Hier nähen Frauen bunte Stoffhandtaschen, Decken, Schals und Teddybären.

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Die Japanerin Hiromi Yasui (links) lebt seit 25 Jahren in Afghanistan und hat jetzt eine Schneiderei aufgebaut, in der sie 60 Frauen beschäftigt. © Jan Jessen | Jan Jessen

„Die Menschen in Afghanistan sind so nett und haben mich immer unterstützt“, sagt Yasui. „Ich wollte auch etwas für sie machen.“ Die Situation für die Frauen sei noch nie gut gewesen. Weil sie Handarbeiten liebe, sei sie auf die Idee für ihre Schneiderei gekommen. „Die Frauen brauchen Geld, um ihre Familien zu unterstützen.“ Probleme mit den neuen Machthabern hat sie bislang keine gehabt. Ihr Unternehmen ist auf ihren Mann angemeldet.

Wenn die Auftragslage gut ist, beschäftigt Yasui bis zu 60 Mitarbeiterinnen, von denen die meisten zu Hause arbeiten. „Manchmal sind es ganze Familien: die Großmutter, die Mutter, die Töchter.“ Heute stehen Arefa und Sharifa am Werktisch. An diesem Morgen nähen sie Kissenbezüge für ein Hotel in Pakistan. Die beiden sind Schwestern und arbeiten schon lange für Yasui. Ihre Männer sind arbeitslos. Sie sind die Ernährerinnen der Familie. „Es ist ein guter Job.“

Die Ärztin: „Ich komme wie früher jeden Tag hierher“

Eine halbe Stunde Fahrt durch den wuseligen Verkehr der Hauptstadt entfernt steht Dr. Suraya Aizad Ponah am Krankenbett eines kleinen Patienten. Er ist von der deutschen Hilfsorganisation „Friedensdorf International“ in das Cure-Hospital an der Darulaman-Straße im Süden Kabuls gebracht worden, in dem Dr. Ponah als plastische Chirurgin arbeitet. Der Junge hatte eine nekrotische Infektion am Arm, vermutlich verursacht durch eine Impfung. Dr. Ponah hat ihn am Vortag operiert.

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Dr. Suraya Aizad Ponah (52) arbeitet als plastische Chirurgin im Cure-Hospital.© Jan Jessen | Jan Jessen

Die Ärztin ist 52 Jahre alt und arbeitet seit über 15 Jahren in dem Krankenhaus. 140 der 315 Mitarbeiter sind Frauen. Auch Dr. Ponah ist die Ernährerin ihrer Familie. Sie hat zwei Söhne, ihr Mann ist krank. Sie sagt, seit der erneuten Machtübernahme der Taliban habe sich für sie persönlich wenig verändert. „Ich komme wie früher jeden Tag hierher und mache meine Arbeit. Ich operiere Männer, Frauen und Kinder.“ Auch sie hält den Ausschluss der Frauen von höherer Bildung für einen Fehler: „Darüber klagen alle Frauen. Das muss sich ändern.“

Was Dr. Ponah aber vor allem umtreibt, ist die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes und die schwierige Situation im Gesundheitssystem. Sie sagt: „Nach so vielen Jahren Krieg habe ich eigentlich nur einen Wunsch: dass wir dauerhaften Frieden haben.“

Es ist ein frommer Wunsch. Vollständig befriedet ist Afghanistan trotz verbesserter Sicherheitslage noch immer nicht. Immer wieder gibt es Scharmützel mit lokalen Widerstandsgruppen, zuletzt in den Provinzen Badachschan, wo Mitte Juli eine neue Miliz namens Sepahian-e Mihan kurzfristig ein Distriktzentrum einnehmen konnte, und Nuristan, wo Kämpfer der afghanischen IS-Filiale jüngst Taliban-Posten attackierten. Im Oktober vergangenen Jahres ist der Konflikt mit dem Nachbarland Pakistan eskaliert.

Bomben unterscheiden nicht zwischen Männern und Frauen

In Mandokhail, einem Dorf in der Provinz Paktia, nicht weit von der Grenze entfernt, steht ein junger Mann in den Trümmern seines Hauses. Es war einmal ein prächtiger Wohnsitz: drei Stockwerke, ein weitläufiges Grundstück – es war das größte Haus im Dorf. Fathullah, 35, ist Arzt. „Wir haben hier mit unserer gesamten Familie gelebt. 35 Menschen, alles Zivilisten.“

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Der 35-jährige Fathullah in den Trümmern seines Hauses.© Jan Jessen | Jan Jessen

Am 28. Juni endet das ruhige Leben der Familie in einem Albtraum. Kurz nach 23 Uhr attackiert ein pakistanischer Kampfjet das Haus. Die Rakete explodiert im zweiten Stock, im Zimmer von Loqman, dem Bruder von Fathullah. Der 14-Jährige stirbt sofort. Der junge Arzt zeigt auf seinem Telefon ein Bild des Jungen: „Er war einfach nur ein Schüler, er hat niemandem etwas getan.“

Er selbst und seine Frau werden bei der Explosion in ihrem Schlafzimmer schwer verletzt. Sein rechter Arm zersplittert, Schrapnelle schlagen in Beine und Oberkörper ein. Als Dorfbewohner zur Hilfe eilen, greift der Kampfjet erneut an. Ein Geschoss schlägt auf dem Grundstück ein. „Insgesamt wurden 16 Menschen getötet und 176 verletzt“, berichtet Fathullah. Die Sandalen der Verwundeten liegen noch immer in einer Ecke des Hofes. Bomben unterscheiden nicht zwischen Männern und Frauen.