Ein Trick sollte helfen: Noch vor 4 Uhr morgens sammeln sich die ersten AfD-Delegierten an Treffpunkten weit außerhalb von Erfurt. Hunderte waren in den frühen Morgenstunden mit Reisebussen auf das Parteitagsgelände gefahren, von der Polizei eskortiert. Das Kalkül: den angekündigten Blockaden zuvorkommen. Wochenlang wurden massive Proteste angekündigt – mit dem erklärten Ziel, den Parteitag notfalls durch Blockaden komplett zu verhindern. Das aber gelang nicht, die AfD-Delegierten standen zu früh auf.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Mobilisiert hatten im Vorfeld nicht nur linke Bündnisse, sondern auch etablierte Stimmen aus der Politik. Die Grünen-Politikerin und frühere Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt hatte die Proteste gegenüber dem RND als „großes Fest der Demokratie“ bezeichnet und angekündigt, der Protest werde laut, bunt und für alle offen sein, die sich der AfD friedlich entgegenstellen wollten. Auch die Klimaaktivistin Luisa Neubauer hatte sich den Aufrufen zu zivilem Ungehorsam angeschlossen, mit denen die Kampagnenorganisation Campact zur Teilnahme an Sitzblockaden aufrief.

Nach Angaben der Polizei sammelten sich 31.000 Menschen zu den Versammlungen. Das Bündnis „Widersetzen“ sprach von mindestens 50.000 Menschen. Unter den Demonstrierenden sieht man wehende Fahnen und Plakate aller Couleur: „Rechts wird nur gestrickt“ und „Nazis essen heimlich Falafel“. Auch die Gruppe der Demonstrierenden war divers: Gewerkschafter, Omas gegen Rechts, Studenten, Antifa. Eine Samba-Gruppe, ganz in Pink gekleidet, machte mit ihren Trommeln auf der Straße Richtung Messe Stimmung. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) breitete vor dem Messegelände eine übergroße Regenbogenfahne aus.

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Dicht an dicht reihten sich entlang der Zufahrtstraßen des Erfurter Messegeländes Polizeifahrzeuge der Hundertschaften, um Blockaden zu verhindern. Knapp ein Dutzend Wasserwerfer waren aufgefahren, aber auch mehrere gepanzerte Fahrzeuge, die mit ihren Schiebeschildern bei Bedarf Barrikaden geräumt hätten.

Bundesparteitag der AfD
Zehntausende protestierten gegen den Parteitag der AfD in Erfurt. Doch die Blockade gelang ihnen nicht. © Martin Schutt/dpa | Martin Schutt

Das Konzept der Polizei ging auf. Gegen 5 Uhr morgens befanden sich bereits 540 der knapp 600 Delegierten auf dem Messegelände. Pünktlich um 10 Uhr konnte der 17. Bundesparteitag der AfD beginnen. Co-Vorsitzender Tino Chrupalla triumphierte in seinem Grußwort zur Eröffnung: „Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ Die „Randalierer der Antifa“ hätten ihre eigene Störaktion „verschlafen“. Auf dem Bundesparteitag 2025 im sächsischen Riesa sah dies noch anders aus. Weitreichende Protestaktionen hatten den Beginn der Veranstaltung um gute zwei Stunden verspätet, da die Delegierten nicht pünktlich das Gelände erreichen konnten. Auch das Auto von der Co-Vorsitzenden Alice Weidel war in Riesa an einer Blockade stecken geblieben.

Autobahnblockade bei Erfurt: Aktivisten besetzen A71

Die Aktivisten unter den Demonstranten nutzten an mehreren Stellen die Chance für Blockaden auf der ohnehin durch die Polizei gesperrten Autobahn. So besetzten gegen 6.30 Uhr mehr als tausend Menschen nördlich des Erfurter Kreuzes alle vier Fahrspuren der Autobahn A71. Das war in erster Linie ärgerlich für all diejenigen, die nach Süden in die Ferien reisen wollten.

Bundesparteitag der AfD
Demonstranten protestieren und blockieren die Autobahn A71. © Michael Reichel/dpa | Michael Reichel

Der Platz war gut gewählt, denn einerseits wird die Fahrbahn durch die ICE-Trasse begrenzt. Andererseits führte eine steile Böschung zur Fahrbahn. Wobei der Anstieg in einem Maisfeld endete. Das Wegtragen der Demonstranten beim Räumen wäre nicht leicht gewesen. Doch weil gerichtliche Entscheidungen die Allgemeinverfügung mit ihren Demonstrationsverboten auch auf diesem Autobahnabschnitt gekippt hatten, war die Blockade zur Spontandemonstration geworden. Sie unterlag damit dem Versammlungsrecht und durfte erst einmal bestehen bleiben.

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Polizeieinsatz in Erfurt: Bundesländer unterstützen bei Blockaden

Die Aktion verlief weitgehend friedlich. Von einer Räumung sah die Polizei ab. Als die Meldung langsam durchsickerte, dass der Parteitag planmäßig stattfinden konnte, verließen einige entmutigte Aktivisten den Blockadezug, um sich den Gegendemonstrationen in Erfurt anzuschließen. „Am Ende hat die AfD gewonnen“, sagt einer der Teilnehmer zu seinen Freunden. Eine Straßenblockade im Stadtteil Bindersleben allerdings, musste von der Polizei gewaltsam geräumt werden.

Unterstützt wird Thüringen mit Einsatzkräften aus Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen sowie zahlreichen Kräften der Bundespolizei. Thüringen war außerdem erstmals mit einer mobilen Drohnenabwehr im Einsatz.

Flaschenwürfe auf Journalisten: Polizei setzt Pfefferspray ein

Ganz ohne Ausschreitungen bleibt es nicht. Zwei Journalisten wurden Polizeiangaben zufolge mit Flaschenwürfen verletzt. Demonstranten wollen sie als Youtuber auf einem rechten Videokanal erkannt haben. Die Polizei musste Pfefferspray einsetzen, um den beiden Betroffenen helfen zu können. Spontan besetzten noch in der Dunkelheit Hunderte Demonstranten mit dem Gothaer Platz eine der wichtigsten Verkehrskreuzungen im Westen Erfurts. Laut Polizei sollen dabei acht Aktivisten versucht haben, sich an die Straßenbahngleise zu kleben. Das konnte verhindert werden.

In der Halle ist von den Protesten zunächst nichts zu merken. Doch dann ertönt, während der Wahl des Bundesvorstands, die Melodie des „Imperial March“ von Star Wars – auf der Blockflöte. Sicherheitskräfte durchsuchen die Tribüne der Messehalle und klettern hinter den Vorhängen die Wand hoch. Dann verstummt die Musik. Eine Protestaktion, die bis in die Messehalle vordringen konnte? Wer hinter der Aktion steckt, bleibt zunächst unbekannt.