Seit Naftali Bennett bekannt gab, neuer Ministerpräsident von Israel werden zu wollen, ist die Parlamentswahl in Israel im Herbst spannend. Viele Israelis trauen dem 54-jährigen Rechtspolitiker den Erfolg zu. Was macht Bennett zum idealen Kandidaten, den Langzeitregierungschef Benjamin Netanjahu endgültig aus dem Amt zu drängen?

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Der frühere Hightech-Unternehmer hat sich in seiner Laufbahn oft hohe Ziele gesteckt – und sehr oft hat er sie auch erreicht. Seine politische Karriere begann er als Ziehsohn von Benjamin Netanjahu vor genau 20 Jahren. Er trat ins Kabinett des damaligen Ministerpräsidenten ein und leitete es zwei Jahre lang.
Dass er den Job überraschend verließ, führen viele auf Netanjahus Ehefrau Sara zurück, die sich in Personalfragen großen Einfluss auf die Politik ihres Ehemanns vorbehält. Sie entscheidet, wer dem engsten Kreis angehören darf und wer nicht – und Bennett gehörte damals offenbar nicht mehr dazu. Da war Bennetts Ehrgeiz, in der Politik aufzusteigen, aber längst geweckt.
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In Israel macht sich Bennett für das Anliegen der Siedler stark
Bennett wurde Vorsitzender des Siedlerrats im Westjordanland – und damit der oberste Lobbyist für die Anliegen der israelischen Siedlungen auf besetztem Gebiet. Als die USA im Jahr 2009 Druck auf Israel ausübten, den Siedlungsbau zu verlangsamen, um neue Friedensgespräche mit den Palästinensern zu ermöglichen, war Bennett einer der schärfsten Gegner und stellte sich frontal gegen Netanjahu.
Drei Jahre später wurde er zum Chef der rechtsreligiösen Partei „Jüdisches Haus“ gewählt – und brachte der Liste überraschende 12 Sitze im Parlament. Bennett wurde Wirtschaftsminister in Netanjahus Regierung. Er machte sich im Parlament aber auch stets für die Anliegen der Siedler stark und galt als Hardliner. Nicht nur einmal betonte er, dass er ideologisch weiter rechts angesiedelt sei als Netanjahu. Schon damals warnte er in einem Interview jedoch davor, ihn falsch einzuschätzen: „Es ist ein Fehler, mich als Extremisten abzustempeln“, sagte Naftali Bennett im Jahr 2012.
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Tatsächlich ist es schwer, Bennett in eine Schublade zu stecken. Der rechtsreligiöse Vater von vier Kindern, der sein politisches Leben den Anliegen der Siedler im Westjordanland gewidmet hat, lebt selbst in keiner Siedlung, sondern im Speckgürtel von Tel Aviv. Er bezeichnet sich als religiösen Zionisten. Wie Netanjahu hatte aber auch Bennett eine Jugend, die sich zwischen den Kontinenten bewegte: Mit seinen in den USA geborenen Eltern pendelte er zwischen Nordamerika und Israel.
Bennett studierte Jura und machte Karriere in der Hightech-Branche
Nach Militärdienst und Jurastudium machte er erst einmal Karriere in der Hightech-Branche. Er gründete ein Softwareunternehmen, das er rasch zum Erfolg brachte – und für rund 150 Millionen Dollar an amerikanische Investoren verkaufte.
Nun will es Bennett auch im Staat Israel an die Spitze schaffen. Er hat angekündigt, gemeinsam mit Oppositionsführer Jair Lapid bei den Wahlen im Herbst anzutreten. Lapid ist für viele Rechtsreligiöse in Israel ein Feindbild, weil er für liberale Werte eintritt – und sich auch gegenüber einem Palästinenserstaat offen zeigt.

„Lapid und ich haben in vielen Fragen unterschiedliche Ansichten, und das verheimlichen wir nicht – im Gegenteil, wir sind stolz darauf“, sagte Bennett in der ersten Pressekonferenz der neuen Liste „Gemeinsam“. „Unsere Einigkeit sendet eine Botschaft an ganz Israel: Die Ära der Spaltung ist vorbei; die Ära der Versöhnung hat begonnen. Wenn wir zusammenarbeiten, gewinnen wir.“
Werden sie gewinnen? Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Schon im Juni 2021 gelang es Bennett und Lapid, eine Koalition zu bilden. Sie zerfiel jedoch nach einem Jahr.
„Nur ein Mann vom rechten Flügel kann diese Regierung besiegen“
Heute will Bennett seinen politischen Ziehvater endgültig ins Abseits drängen. Um dabei nicht nur rechte, sondern auch linke Wähler anzusprechen, hat Bennett überraschende Positionen im Programm. So verspricht er, sich für öffentlichen Nahverkehr am Schabbat einzusetzen – für Netanjahus Koalition ein absolutes No-Go. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Israelis es längst satt hat, dass Züge und Busse von Freitagnachmittag bis Samstagabend stillstehen.
Auch für die Rechte von LGBT spricht sich Bennett nun aus. Und er will möglich machen, wovon viele Israelis nur träumen: eine Heirat am Standesamt. Dann wäre es möglich, dass Juden und Muslime, aber auch gleichgeschlechtliche und säkulare Paare, in Israel heiraten können. Bisher mussten sie ihre Ehe im Ausland schließen und sie danach in Israel amtlich eintragen lassen.

„Jede Person sollte in der Lage sein, ihre Liebe in diesem Land zur Erfüllung zu bringen und nicht ins Ausland reisen müssen“, sagte Bennett. Die Wählerumfragen geben Bennett recht. Sie zeigen ihn und Lapid Kopf an Kopf mit Netanjahus Likud-Partei.
Es ist kein Zufall, dass die Präsentation der Liste kurz nach dem Regierungswechsel in Ungarn stattfand. Bennett und Lapid nannten die Ablöse des Langzeitregierungschefs Viktor Orban in Ungarn als Vorbild für Israel. Er sei – wie Peter Magyar in Ungarn – die perfekte Integrationsfigur, um sowohl Mitte-Links-Wähler als auch frustrierte Rechtswähler für einen Wandel zu begeistern, sagte Bennett: „Nur ein Mann vom rechten Flügel kann diese Regierung besiegen.“
Hinweis der Redaktion: In einer ursprünglichen Fassung des Artikels war davon die Rede, dass Netanjahu seit fast 30 Jahren im Amt ist. Er wurde 1996 Premierminister, regierte aber nicht durchgängig. Die Stelle wurde im Nachhinein entsprechend präzisiert.






