Israels schmutziges Geheimnis liegt mitten in der Wüste Negev, etwa zehn Kilometer nordwestlich der Stadt Be‘er Scheva. Bis zum Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 war Sde Teiman ein Militärstützpunkt der israelischen Armee, seitdem ist es nach Recherchen von Journalisten und humanitärer Organisationen wie Amnesty International womöglich das israelische Pendant zum berüchtigten Foltergefängnis Abu-Ghuraib im Irak. Angehörige des US-Militärs hatten 2003 dort Gefangene grausam misshandelt. Die Bilder der Verbrechen gingen um die Welt, mehrere Verantwortliche wurden zu Haftstrafen verurteilt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Was genau in den vergangenen zwei Jahren in Sde Teiman vor sich ging, soll nach dem Willen des israelischen Militärs niemand wissen. Journalisten wurde der Zugang bisher verwehrt. Was es gibt, sind wenige Fotos von Whistleblowern, die unter anderen an die israelische Zeitung „Haaretz“ durchgestochen wurden. Des Weiteren existieren Berichte ehemaliger Gefangener, die eindringlich die Zustände in Sde Teiman schildern.
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In Gaza werden grausam entstellte Leichen identifiziert
Das ARD-Magazin „Monitor“ berichtete bereits 2024. Die Israel-Korrespondentin Hanna Resch konnte auch mit einem ehemaligen Häftling sprechen. Sufyan Abu Salah verließ Sde Teinan als gebrochener Mann. In der Haft wurde ihm das linke Bein amputiert. Die Wunde, die er sich bei seiner Gefangennahme im Gazastreifen zugezogen hatte, war nicht versorgt worden, infizierte sich. Ärzte in Sde Teinan nahmen schließlich das Bein ab. Seitdem leide er unter ständigen Schmerzen, berichtet Abu Salah. Dazu kämen Flashbacks und Albträume.
Dass Abu Salah kein Einzelfall ist, dokumentieren nun Untersuchungen im Nasser-Krankenhaus von Khan Younis im Gazastreifen. Dort liegen, in weiße Säcke verpackt, die Leichen von 135 Menschen, die mutmaßlich in Sde Teiman zu Tode kamen. Dem britischen „Guardian“ berichtet Munir al-Bursh, Sprecher des Nasser-Krankenhauses, dass sich in jedem der Säcke Zettel auf Hebräisch befunden hätten, die klar die Herkunft aus Sde Teiman bewiesen.

Die Ärzte des Krankenhauses stehen nun vor der Aufgabe, die Leichen zu identifizieren – eine Herausforderung, die dadurch erschwert wird, dass viele der Toten grausam entstellt sein sollen. Das Bildmaterial, das dem „Guardian“ zugespielt wurde, sei so schlimm, dass es unter keinen Umständen veröffentlicht werden könne, schreibt die Zeitung.
Gefangene mussten Windeln tragen und wurden gefoltert
Nach Angaben von Eyad Barhoum, Verwaltungsdirektor des Nasser-Krankenhauses, zeigten die Leichen eindeutig Spuren von Folter und Misshandlungen. Einige seien mit hinter dem Rücken gefesselten Armen und verbundenen Augen vorgefunden worden. Ein Foto zeige einen getöteten Mann mit einem Strick um den Hals.
Einer der bereits identifizierten Toten ist Mahmoud Ismail Shabat. Er stammt aus dem nördlichen Gazastreifen und wurde nach Sde Teiman gebracht – ob bereits tot oder noch lebend, ist unklar. Seine Füße sind zerschmettert, wahrscheinlich wurde Shabat von einem israelischen Panzer überfahren. An seinem Hals sind den Angaben zufolge Male zu sehen, die darauf hindeuten, dass er gehängt worden sein könnte.

Der „Guardian“ hat mit mehreren Whistleblowern gesprochen, die die Zustände im Gefangenenlager in Sde Teiman und im angeschlossenen Lazarett beschreiben. So seien Menschen mit schweren Wunden von der israelischen Armee aus Krankenhäusern in Gaza nach Sde Teiman verschleppt worden. Die israelische Armee argumentiert, bei ihnen habe es sich um Mitglieder der Hamas gehandelt. Sufyan Abu Salah beteuert im Bericht von „Monitor“, er sei Zivilist und habe sich mit seiner Familie vor einem Angriff des israelischen Militärs im Gazastreifen in eine Schule geflüchtet. Dort sei er festgenommen und nach Israel gebracht worden.
Abu Salah erzählt, wie die Gefangenen dort stundenlang gefesselt auf dünnen Matten knien mussten. Einige der Wärter hätten auf Häftlinge uriniert, sie verspottet und damit gedroht, sie von ihren Hunden zerfleischen zu lassen. Im Lazarett seien den gefesselten Patienten Windeln umgebunden worden. Die Ärzte hätten seine infizierte Wunde notdürftig versorgt und dann sein Bein amputiert, sagt Abu Salah.
Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation „Amnesty International“ seien auch Ärztinnen und Ärzte in Gaza festgenommen und nach Israel gebracht worden, als sie sich geweigert hätten, ihre Patienten im Stich zu lassen. Ein Bericht des Palästinenser-Hilfswerks der Vereinte Nationen kommt zu folgendem Ergebnis: „Unter den freigelassenen Häftlingen waren Männer, Frauen, Kinder, ältere Personen, Menschen mit Behinderungen, Verletzungen und Krankheiten. Und sie alle haben über ähnliche Formen von Misshandlungen berichtet.“

Israelisches Gesetz ermöglicht willkürliche Inhaftierungen
Ermöglicht werden die willkürlichen Inhaftierungen durch ein Gesetz zur Inhaftierung „ungesetzlicher Kombattanten“ aus dem Jahr 2002. Nach dem Terrorangriff der Hamas 2023 wurde es erstmals seit längerer Zeit wieder angewendet. Es ermöglicht, Menschen ohne Anklage festzunehmen und für längere Zeit festzuhalten. Für die ersten 45 Tage in Haft ist laut israelischem Recht kein Haftbefehl nötig, ebenso wird den Inhaftierten 90 Tage lang ein Rechtsbeistand verweigert. Das Gesetz sieht zudem keine Höchstdauer für die Inhaftierung vor und erlaubt es, Gefangene durch beliebig oft verlängerbare Haftanordnungen festzuhalten.
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Das israelische Militär (IDF) verfolgte Anschuldigungen von systematischer Folter in den Gefangenenlagern bisher nur sehr zögerlich. Inhaftierte würden „angemessen und mit Sorgfalt“ behandelt, teilten die IDF auf Nachfrage des „Guardian“ mit. Gegen fünf Reservisten hat die Militärstaatsanwaltschaft in der Vergangenheit Anklage erhoben. Sie sollen einen Häftling auch mit sexualisierter Gewalt schwer misshandelt haben. Einer von ihnen wurde zu sieben Monaten Haft verurteilt.
Tal Steiner von der israelischen Organisation „Public Committee Against Torture“ ist dennoch skeptisch, ob die Verantwortlichen in großem Stil zur Rechenschaft gezogen werden. Klagen gegen die israelische Regierung seien nahezu aussichtslos, sagte Steiner gegenüber „Monitor“. „Es gibt kein Gesetz in Israel, dass Folter ausdrücklich verbietet oder auch nur definiert und ein Strafmaß vorsieht“, so Steiner weiter. Nach Recherchen ihrer Organisation fänden in den Lagern eindeutig Misshandlungen und Folter statt. Ihr Fazit: „De facto sind das Kriegsverbrechen.“








