Alles steht noch genauso da, wie Yitzchak Elgarat es vor zwei Jahren hinterlassen hat: die Weinflaschen für die Familienfeier, die Pfanne auf dem Küchenherd, die Lesebrille auf der Kommode. An einem Haken auf der Seitenwand des Kleiderkastens hängen ein paar schwarze Jeans, bereit zum Reinschlüpfen. Sie haben Staub angesetzt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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In den frühen Morgenstunden des 7. Oktober wurde Yitzchak Elgarat in seinem Haus im Kibbuz Nir Oz vom Raketenalarm geweckt. Der 68-Jährige ging in den Schutzraum seines Hauses. Dann kamen die Terroristen: Schreie, Granatenexplosionen, das Rattern automatischer Gewehre – Hundegebell, das jäh verstummte. Gegen 11.30 Uhr bekam Yitzchaks Bruder Dani einen Anruf. „Dani, das ist das Ende“, sagte Yitzchak, Verzweiflung in der Stimme. Dann riss die Verbindung ab. Standortdaten seines Mobiltelefons zeigten, dass das Gerät gegen 12 Uhr die Grenze zum Gazastreifen überquerte.

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Betritt man heute den kleinen Schutzraum, fallen in der Tür sofort die Einschusslöcher auf. An der Wand neben der Tür sieht man auch zwei Jahre danach noch die Blutspuren. Eine Kugel hatte Yitzchak an der Hand getroffen.

Was für ein Glück, dass er nicht direkt vor der Tür stand. Was für ein Unglück zugleich. Die Terroristen brauchten die Tür nur zu öffnen: Sie packten Yitzchak, verschleppten ihn nach Gaza. Er war eins von 76 Mitgliedern der Nir-Oz-Gemeinschaft, die die Hamas verschleppte.

Israel Palestinians Nir Oz
Irit Lahav am 21. November 2023, sechs Wochen nach dem Angriff auf ihr Kibbuz, in Nir Oz..© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Maya Alleruzzo

Acht Stunden lang harrten Irit und ihre Tochter im Schutzraum ihres Hauses aus

Irit Lahav steht vor dem Haus ihres Freundes Yitzchak. Die 59-Jährige beschreibt ihn als warmherzigen, geselligen Menschen. „Er hatte ein Adler-Tattoo“, sagt sie, „deshalb hielten die Terroristen ihn für einen Kampfpiloten.“ Sie folterten ihn so lange, bis er starb. Ende Februar 2025 wurde sein Leichnam im Zuge des Waffenruhe-Deals mit der Hamas Israel überstellt und bestattet.

In kaum einem Kibbuz im Süden Israels forderte das Massaker vom 7. Oktober so viele Opfer wie in Nir Oz. Wegen des jüdischen Festes Simchat Thora waren viele der 415 Bewohner am 7. Oktober verreist. „Nur 350 Leute waren da. Und 117 von uns wurden ermordet oder gekidnappt. Das ist jeder Dritte“, sagt Lahav. Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Deshalb weiß ich es wirklich zu schätzen, dass ich noch am Leben bin.“

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Acht Stunden lang harrten Irit und ihre 22-jährige Tochter Lotus im Schutzraum ihres Hauses aus, während die Terroristen ihre Blutspur durch Nir Oz zogen. Im WhatsApp-Gruppenchat des Kibbuz kamen die Nachrichten im Sekundentakt herein: „Sie stehen in meinem Wohnzimmer“. „Mein Mann wurde angeschossen, er liegt da und blutet“. „Mein Haus steht in Flammen!“ Irit und ihre Tochter hielten im Schutzraum den Atem an. Acht Stunden ohne Wasser, Nahrung, Licht. Was ihnen das Leben rettete, war handwerkliches Geschick: Irit befestigte ein altes Ruder an einem Staubsaugerrohr, klemmte es unter den Türgriff und fixierte es mit einem Gürtel. Dann männliche Stimmen im Haus, lautes Klirren, Rufe auf Arabisch.

Irgendwann hörten sie gar nicht mehr auf, am Türgriff des Schutzraums zu rütteln, erzählt Irit. „Zwanzig Minuten lang versuchten sie einzubrechen.“ Irit und Lotus, im Finstern zusammengekauert unterm kleinen Tisch, schlossen händehaltend mit dem Leben ab. „Wir flüsterten uns liebende Worte zu, baten einander um Vergebung für das, was uns leidtat, bedankten uns für die Zeit, die wir miteinander hatten“, sagt Irit – und sie flüstert auch jetzt, während sie es unter Tränen erzählt.

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Sieben Stunden lang wüteten die Terroristen in Nir Oz. Gegen 12.30 Uhr zog der letzte von ihnen nach Gaza ab. Erst um 13.10 Uhr trafen die ersten Einheiten der Armee ein – vierzig Minuten später. Den Soldaten blieb nur noch übrig, die Überlebenden aus ihren Häusern zu evakuieren.

Überlebende vom 7. Oktober: „Wenn ich nicht alle Fensterläden zumache und alle Türen verschließe, verfalle ich in Panik“

Oft misslang das. Die Menschen waren so verängstigt, dass sie trotz guten Zuredens nicht aus dem Haus kamen. „Sie waren überzeugt, dass es Terroristen waren, die nur vorgaben, Soldaten zu sein“, sagt Irit.

Irit Lahav
Irit Lahav in den Ruinen des Kibbutz Nir Oz. Ihr Haus hat sie wieder aufgebaut. © Sterkl | Maria Sterkl

Auf die Mauer jedes Hauses in Nir Oz sind heute Zahlen und Buchstaben gesprayt. Ein großes C steht für „clear“ – das Haus muss nicht abgerissen werden, es ist noch sanierbar. Rund 80 der 200 Häuser haben ein C an der Fassade. Im Laufe der nächsten zwei Jahre sollen alle, die nach dem Massaker aus dem Kibbutz evakuiert wurden, wieder nach Nir Oz zurückkehren können. Aber wer will hier überhaupt noch wohnen – an diesem Ort, wo jede Ecke an den Horror des Massakers erinnert?

Irit will es. Sie hat in mühevoller Arbeit alle Spuren des Massakers aus ihrem Haus beseitigt. Nur die Leerstellen lassen sich nicht entfernen. „Hier haben meine Laufschuhe gestanden“, sagt sie, als sie am Schuhregal vorbeigeht. „Mit ihnen bin ich Triathlon gelaufen“. Auf ihrem Plünderkurs waren die Terroristen nicht wählerisch. Sie nahmen, was sie zu fassen bekamen, auch Schuhe. Manches warfen sie in einiger Entfernung vom Kibbutz wieder weg. Kinderwagen, Luftmatratzen, Gartenmöbel.

Kibbutz Nir Oz
Die Postfächer des Kibbutz Nir Oz. Ein roter Aufkleber bedeutet: ermordet. Schwarz verschleppt. Blau: aus Geiselhaft befreit.© Sterkl | Maria Sterkl

Irits Wohnung ist sauber, wirkt unbenutzt. Immer noch ist sie die meiste Zeit in jener Stadt, in die alle Kibbutzbewohner evakuiert wurden. Sie verbringt nur zwei Tage pro Woche in ihrem alten Haus. Es sind die Nächte, die ihr schwerfallen. „Wenn ich nicht alle Fensterläden zumache und alle Türen verschließe, verfalle ich in Panik: Greifen sie uns wieder an?“ Das Trauma ist noch zu präsent. Doch eines haben die Terroristen nicht geschafft: Irit das Gefühl zu nehmen, dass Nir Oz ihr Zuhause ist. „Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen. Wir sind wie eine große Familie.“