Im Gazastreifen bahnt sich eine neue Tragödie an. Die israelischen Streitkräfte haben mit den Vorbereitungen für eine Bodenoffensive auf das Herz des seit fast zwei Jahren umkämpften Landstrichs begonnen, auf Gaza-Stadt, wo sich rund eine Million Menschen aufhalten sollen. Seit Mittwoch bombardieren Kampfjets Ziele in der Stadt, die Erschütterungen der Einschläge sind noch in Chan Junis im Süden des Gazastreifens zu spüren. Flüchtlinge versuchen aus Gaza-Stadt heraus und sich in den Trümmerwüsten im Süden in Sicherheit zu bringen. Die geplante Offensive könnte in einer humanitären Katastrophe enden – und birgt militärische Risiken. 

Seit Mittwoch bombardieren israelische Kampfjets Gaza-Stadt.
Seit Mittwoch bombardieren israelische Kampfjets Gaza-Stadt.© AFP | Bashar Taleb

Der geplante Großangriff auf Gaza-Stadt zielt auf das Nervenzentrum des Gazastreifens. Es ist ein Gebiet von etwa 30 Quadratkilometern, in dem sich die Ministerien, das Hauptquartier der Vereinten Nationen im Gazastreifen, Universitäten und internationale Missionen befinden. Mit der Einnahme dieses Gebiets würde die israelische Armee die Herrschaft der Hamas über den Gazastreifen brechen. Das ist das erklärte Ziel der Regierung um Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Jedoch wird die Terrororganisation dort umso heftiger Widerstand leisten. 

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Gazastreifen: Angriff auf Gaza Stadt früher als ursprünglich geplant

Das israelische Sicherheitskabinett hatte der geplanten Offensive bereits Anfang August zugestimmt. Ursprünglich sollte die Operation ab Oktober beginnen, jedoch hat Netanjahu nun angeordnet, die Stadt schneller einzunehmen, als eigentlich geplant. Jetzt wird mit einem Beginn der Bodenoffensive bereits im September gerechnet. Ob die Militäroperation in der Kürze der Zeit hinreichend geplant werden kann, ist eine der vielen offenen Fragen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Eile des Ministerpräsidenten dürfte dem anschwellenden Protest in der israelischen Bevölkerung gegen die Fortdauer des Krieges geschuldet sein, dem sich mittlerweile immer mehr Reservisten anschließen. Auch eine Gruppe ehemaliger Brigadegeneräle und früherer Leiter von Inlands- und Auslandsgeheimdienst hatten sich kürzlich für ein Ende des Konfliktes ausgesprochen. Den Krieg fortzuführen oder auszuweiten gefährde die noch etwa 20 lebenden isralischen Geiseln, die sich noch in den Händen der Hamas oder mit ihr verbündeter Terrormilizen befänden, warnen sie.  

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Zudem, so die hochrangigen Ex-Militärs und Geheimdienstler, sei die Hamas nachhaltig geschwächt und stelle keine strategische Gefahr mehr dar. Eine Wiederholung des Terroranschlags vom 7. Oktober 2023, mit dem der Krieg begann, sei auf längere Sicht ausgeschlossen. Auch die israelischen Streitkräfte gehen von einer deutlichen Reduzierung der Schlagkraft der Hamas aus. Sie habe sich „von einer militärischen Terrororganisation zu einer angeschlagenen und geschwächten Guerillaorganisation entwickelt“, sagte ein Armeesprecher am Mittwochabend vor Journalisten.

Allerdings ist die Hamas noch immer zu gut koordinierten Angriffen im Gazastreifen selbst imstande. Das hat sie am Mittwoch bewiesen, als sie im Süden des Gazastreifens bei Chan Junis aus einem eigentlich von der Armee gesicherten Tunnel heraus in einen israelischen Militärstützpunkt eindrang. Bei der Operation, die möglicherweise darauf abzielte, israelische Soldaten zu entführen, setzten die Terroristen nach eigenen Angaben Selbstmordattentäter ein. Die israelischen Streitkräfte räumten eigene Fehler ein, sprachen von einem „komplexen Ereignis“ und davon, dass die Hamas-Kämpfer sehr gut ausgerüstet gewesen seien. 

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Israel ruft 60.000 Reservisten ein – Außenbezirke von Gaza-Stadt in israelischer Hand

Als wie schwer die israelische Armeeführung die Eroberung des Zentrums von Gaza-Stadt einschätzt, lässt sich an der Zahl der Reservisten ablesen, die vor dem Beginn der Bodenoffensive eingezogen werden sollen. Verteidigungsminister Israel Katz billigte am Mittwoch den Einsatzplan der Armee, sein Büro gab die Einberufung von rund 60.000 weiteren Reservisten bekannt. Außerdem, so berichtet die „Times of Israel“, solle der Reservedienst von rund 20.000 weiteren Soldaten verlängert werden. Es sind Maßnahmen, die in eine Zeit fallen, in der die Streitkräfte als zunehmend ausgelaugt gelten. Die Personaldecke wird dünner.

Insgesamt sollen ganze zwölf Divisionen zur Eroberung von Gaza-Stadt eingesetzt werden. Die israelische Militärdoktrin setzt den Schutz der eigenen Soldaten über alles andere. Die aktuellen Luftangriffe auf die Stadt folgen somit einem gängigen Muster: Vor dem Einsatz von Bodentruppen bombardieren die israelischen Streitkräfte, um der Infanterie den Weg freizumachen und den Feind maximal zu schwächen, bevor es zu Nahkampf-Situationen kommt. Große Teile der Außenbezirke von Gaza-Stadt sind bereits unter israelischer Kontrolle.

Explosionen in Gaza-Stadt: Rund eine Million Menschen sollen in der Stadt leben.
Explosionen in Gaza-Stadt: Rund eine Million Menschen sollen in der Stadt leben.© AFP | Bashar Taleb

Scharfe Kritik vom Internationalen Roten Kreuz

Die israelischen Streitkräfte haben jetzt internationale Hilfsorganisationen aufgefordert, sich auf die Evakuierung der Hunderttausenden Zivilisten vorzubereiten, die im Fall einer Bodenoffensive Richtung Süden fliehen würden. Wie diese neuen Flüchtlinge im weitgehend zerstörten Süden hinreichend untergebracht und versorgt werden können, ist aber unklar.  

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Das Internationale Rote Kreuz (ICRC) hält die militärischen Planspiele deshalb für „intolerabel“. Christian Cardon, Sprecher der Organisation, sagte der Nachrichtenagentur AFP: „Die Intensivierung der Feindseligkeiten in Gaza bedeutet mehr Tötungen, mehr Zerstörung und mehr Panik.“ Es sind Warnungen, die Netanjahu vermutlich nicht aufhalten werden.