„Die Welt kriegt vielleicht fünf Prozent von dem mit, was in Gaza passiert“, sagt Raed. „Der Rest bleibt verborgen.“ Raed Althamna arbeitet seit 1993 als Journalist in Gaza. Er verfasst nicht selbst die Beiträge, sondern liefert ausländischen Journalisten das Material für ihre Storys. Zu seinen Kunden zählen neben vielen anderen auch die ARD und die Deutsche Welle. Doch in diesem Krieg ist alles anders.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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In den früheren israelischen Militäroperationen empfing er die europäischen Journalisten in Gaza, suchte für sie spannende Orte und Interviewpartner, übersetzte aus dem Arabischen ins Englische.
Doch seit dem 7. Oktober lässt Israels Armee keine ausländischen Journalisten in Gaza recherchieren. Also macht sich Raed allein auf den Weg: Zu den Trümmern der Luftschläge, in die Krankenhäuser, zu den großen Vertriebenenlagern in Al-Mawasi. Von dort gibt er seine Informationen an deutsche Journalisten weiter, die nur 70 Kilometer entfernt in Israel stationiert sind, aber selbst nicht nach Gaza fahren dürfen – und davon abhängig sind, dass jemand für sie vor Ort recherchiert.

200 Journalisten sollen in dem Krieg bereits geliefert worden sein
Doch die, die diese Arbeit verrichten und die Welt mit Informationen aus Gaza versorgen, werden immer weniger. Mehr als 200 Journalisten wurden laut Angaben der Organisation Commitee to Protect Journalists (CPJ) in israelischen Angriffen auf Gaza getötet. Damit sind in diesem Gazakrieg mehr Journalisten ums Leben gekommen als in beiden Weltkriegen zusammen, hat die Watson School of Public Affairs an der Brown University ausgerechnet.
Viele der getöteten Journalisten waren deutlich sichtbar als Presse-Mitarbeiter markiert und wurden trotzdem angegtriffen. Immer wieder rechtfertigt sich die Armee damit, dass es sich bei den getöteten Journalisten in Wahrheit um Terroristen gehandelt habe.
Zuletzt geschah das am vergangenen Sonntag. Der Al-Jazeera-Reporter Anas Al Sharif wurde neben vier weiteren Journalisten in einem israelischen Luftschlag getötet. Er sei „der Kopf einer Hamas-Terrorzelle“ und für „Raketenangriffe auf israelische Zivilisten und Soldaten“ verantwortlich gewesen, erklärte die Armee.
Getöteter Al-Jazeera-Reporter: Schwer überprüfbare Vorwürfe
Diese Vorwürfe sind schwer überprüfbar. Mehrere Belege, etwa ein später gelöschtes Jubelposting über den 7. Oktober, sprechen dafür, dass Al-Sharif für die Hamas sympathisierte. Die Armee gab jedoch an, er sei darüber hinaus auch aktiver Kämpfer gewesen, und legte mehrere Beweise vor: Ein sechs Jahre altes Hamas-Dokument, in dem Anas Al-Sharif er als „Soldat“ bezeichnet wird. Ein zwei Jahre altes Dokument, aus dem hervorgeht, dass Al-Sharif im Jahr 2017 als Kämpfer verletzt wurde. Und ein Telefonverzeichnis des „Bataillons Jabaliya Ost“ der Hamas – ohne Datum.
Aus keinem der Dokumente geht hervor, dass Al-Sharif aktuell immer noch im Dienst der Hamas stand – und schon gar nicht, dass er in leitender Position war oder Raketenangriffe befehligt hatte.

„Ich habe Glück, dass ich noch am Leben bin“
Die Genfer Konvention spricht Journalisten in Kriegszonen Schutz zu – denselben Schutz wie Zivilpersonen. Dieser Schutz gelte nur dann nicht, wenn sich Journalisten an Kämpfen beteiligen, heißt es in dem betreffenden Zusatzprotokoll. Es reicht also nicht, dass jemand bloß mit der Hamas verbunden ist oder in der Vergangenheit an Kämpfen teilnahm. Sobald jemand die Waffen niederlegt, gilt er als Zivilist.
Wenn Raed Althamna unterwegs ist, um zu recherchieren, dann ist die Angst, unter Beschuss zu geraten, immer bei ihm. Früher fuhr er überall mit dem Auto hin. Doch sein Wagen wurde zerstört, nun legt er seine Arbeitswege zu Fuß zurück „jeden Tag mindestens zehn Kilometer“. Beim Fußmarsch in der Hitze auch noch die schwere Schutzweste mit ihren Bleiplatten zu tragen, die ihn vor Schüssen auf den Oberkörper schützt, wäre viel zu anstrengend. Darum ist Raed oft ohne Flakweste und Helm unterwegs. „Letztens hat es nur fünf Meter neben mir eingeschlagen“, sagt Raed. „Ich habe Glück, dass ich noch am Leben bin.“
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Das Aufladen des Handys kostet sechs Euro
Um sein wichtigstes Arbeitsgerät, das Mobiltelefon, aufzuladen, muss Raed sechs Euro bezahlen, für den Stromgenerator, der den Akku des Handys auflädt. Bezahlen muss er auch, um den Lohn für seine Arbeit zu erhalten: Für Tausend Schekel (rund 250 Euro) zahlt er weitere Tausend Schekel an Spesen für die Barentnahme.
Wenn er abends erschöpft nachhause kommt, erwartet ihn keine Ruhe. Raed lebt mit seiner Familie im Westen von Gaza-Stadt, wo sich nahe des Meeres die Vertriebenen in Zelten aneinanderdrängen. „Letzte Nacht hat es alle drei Minuten gekracht“, sagt der 54-Jährige: „Es gab Beschuss aus Kampfjets, aus dem Meer und mit Panzern.“
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„Sagen, was ist“: Doch in Gaza ist vieles einfach nicht mehr
Es falle ihm oft schwer, der Welt zu vermitteln, was in Gaza passiert, sagt Raed. „Sagen, was ist“: Das ist ein Leitspruch im Journalismus. Was aber, wenn die Story darin liegt, dass so vieles nicht mehr ist, weil es ausgelöscht wurde? Das Leben auf den Straßen von Beit Hanoun zum Beispiel. Die Stadt im Norden Gazas war Raeds zuhause. Heute sieht man auf Luftaufnahmen, dass in Beit Hanoun kein Haus mehr steht, alle Straßenzüge zerstört sind. Nichts bewegt sich mehr, wo davor rund 60.000 Menschen lebten. Ähnlich ist es in Beit Lahia, in Rafah, in Jabaliya.
Vor dem Krieg gab es in Gaza-Stadt Hochhäuser, teure Restaurants, Spas. „Heute habe ich keine Schuhe, habe seit Monaten kein Fleisch und Gemüse mehr gegessen – und um Wasser zu holen, muss ich ein paar Kilometer laufen. Die Welt ist im Jahr 2025 – aber wir sind wieder im Mittelalter.“






