Das Verhältnis von US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin gleicht einer Achterbahnfahrt. Lange Zeit umwarb Trump den Russen. Im Juli kam die Wende: Trump warf Putin vor, wegen der anhaltenden Angriffe auf die Ukraine „völlig verrückt geworden“ zu sein. Jetzt ist wieder alles anders. Es soll zum großen Gipfel Trump-Putin und danach zu einem Dreiertreffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj kommen. Steckt darin eine Chance für Frieden?

Kommt es zum Gipfel Trump – Putin und danach zu einem Dreiertreffen mit Selenskyj?

Zum neuesten Wendepunkt im Verhältnis Trump – Putin kam es am Mittwoch. Das dreistündige Gespräch zwischen dem US-Sondergesandten Steve Witkoff und Putin nannte Trump „äußerst produktiv“. Danach sagte er, „es besteht eine gute Chance, dass es sehr bald zu einem Treffen“ zwischen ihm und seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin komme. Das Weiße Haus erklärte, dass Trump auch zu einer Dreierbegegnung mit dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj bereit sei. Putin bestätigte am Donnerstag, dass für kommende Woche ein Gipfel mit Trump geplant sei. Die Vereinigten Arabischen Emirate könnten ein passender Ort sein, so Putin. US-Medien berichteten ebenfalls von einem Treffen Trump – Putin bereits in der kommenden Woche, gefolgt von einem Dreiergipfel mit Selenskyj.

Nach Angaben von Putins außenpolitischem Berater Juri Uschakow wird derzeit ein Zweiergipfel mit Trump „in den kommenden Tagen“ vorbereitet. US-Medien berichteten ebenfalls von einem Treffen bereits in der kommenden Woche, gefolgt von einem Dreiergipfel mit Selenskyj. Ort: unklar. Dies lehnte Wladimir Putin jedoch am Donnerstag direkt ab: Für ein solches Gespräch seien bestimmte Voraussetzungen nötig. „Leider sind wir noch weit davon entfernt, solche Voraussetzungen zu schaffen“, sagte Putin. Zuletzt verhandelten Ukrainer und Russen in der türkischen Metropole Istanbul. Gespräche zwischen Vertretern der USA und Russlands beziehungsweise der Ukraine fanden in Saudi-Arabien statt.

Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert

Welche Chancen bietet ein Treffen Trump – Putin?

Trump hat bereits sehr früh erklärt, dass eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine für ihn nicht infrage komme. Zudem signalisierten die Amerikaner ihre Bereitschaft, die russische Kontrolle über die Krim und über fast alle weiteren Gebiete anzuerkennen, die Russland derzeit in der Ukraine besetzt hält. Eine Schnittmenge in den Vorstellungen Trumps und Putins ist denkbar. Moskau hat immer wieder betont, dass es zu einer Waffenruhe und einer Friedensvereinbarung „unter Anerkennung der Realitäten“ bereit sei.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Das bedeutet, dass die Krim sowie die teilweise besetzten Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson Russland zugeschlagen werden. Allerdings hat Putin seine finalen Kriegsziele nicht aufgegeben. Putin will eine drastische Reduzierung des ukrainischen Militärs, eine moskaufreundliche Regierung in Kiew (ohne Selenskyj) sowie eine Rückabwicklung der 1999 begonnenen Nato-Osterweiterung.

Lesen Sie mehr: Ukraine-Krieg: Rätsel Putin – Was er will, wo er haltmacht

Selbst wenn es zu einer Übereinkunft mit Gebietsabgaben käme, bleiben Risikofaktoren. Russland würde versuchen, die Rumpf-Ukraine so lange zu destabilisieren, bis ein ihm genehmer Präsident in Kiew installiert wäre. Putin will unter allen Umständen verhindern, dass die Ukraine zu einem demokratisch strukturierten und wirtschaftlich erfolgreichen Gegenmodell zu Russland wird. Trump hingegen ist an bombastischen Gipfelbildern mit Putin interessiert, die ihn als großen Friedensstifter zeigen sollen. Verhandlungen über Details und die Mühen der Ebene scheut er.

209062_569_209062_cover.jpg
Vergewaltigung als Waffe – was Russland Frauen antut
Im Krisenmodus
 

Welche Aussichten hat ein Gipfel Trump-Putin-Selenskyj?

Anders als über dem Gipfel Trump – Putin hängen über einem Dreiertreffen Fragezeichen. Putin hält ein Treffen mit Selenskyj zur Beendigung des Krieges zwar prinzipiell für möglich. Für solche Verhandlungen müssten aber die Voraussetzungen stimmen. Noch seien die Bedingungen dafür weit entfernt, erklärte er am Donnerstag. Käme es – wann auch immer – zu einem Dreiergipfel, stünde Selenskyj unter großem Druck. Trump würde seinen Machthebel ausspielen: Um weiterhin die dringend benötigten US-Luftabwehrsysteme vom Typ „Patriot“ zu bekommen, müsste Selenskyj Gebiete an Russland abtreten.

Er wäre möglicherweise unter zwei Bedingungen dazu bereit: Weitgehende Sicherheitsgarantien der Europäer sollen Russland von einem erneuten Angriff abschrecken. Die Abgabe von Territorium könnte Selenskyj als „Provisorium“ akzeptieren. Das heißt: Moskau hat vorübergehend die Kontrolle über die Gebiete, die jedoch völkerrechtlich nicht als Teile Russlands anerkannt wären. Daran knüpft sich die Hoffnung, dass eine russische Führung nach Ende der Ära Putin zu einer Rückführung des Landes bereit wäre.

Mehr Reportagen von Kriegsreporter Jan Jessen

Wechselt Trump seine Strategie?

Im Wahlkampf hat der US-Präsident das große strategische Ziel verkündet, die amerikanische Wirtschaft zu stärken. Dazu bedient er sich verschiedener taktischer Mittel, die mitunter extrem willkürlich sind. Zunächst spielt der Faktor der politischen Chemie eine wichtige Rolle: Trump fühlt sich zu XXL-Autokraten wie Putin hingezogen. Zweitens hat der Chef des Weißen Hauses immer noch die Denke des New Yorker Immobilienmoguls. „Deals“ zum eigenen Vorteil und unter Anwendung von maximalem Druck stehen ganz vorn. Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit schwebten Trump gute Wirtschaftsbeziehungen zu Russland vor. Gleichzeitig wollte er kritische Rohstoffe der Ukraine wie Seltene Erden ausbeuten. Der Ukraine-Krieg störte bei diesem Projekt.

Als Trump merkte, dass ihn Putin bei seinen Vorschlägen für eine Waffenruhe ausbremste, wurde er wütend. Im Juli drohte er Russland in mehreren Ultimaten, 100-Prozent-Zölle auf bedeutende Ölabnehmer wie China, Indien oder Brasilien zu verhängen. Doch plötzlich streckt Trump den Olivenzweig aus: Eine Waffenruhe mit ihm als der ultimative „Peacemaker“ soll der US-Wirtschaft große Geschäfte bescheren. Die Zickzack-Ausschläge gehören zu Trumps Taktik, instinktiv und emotional auf Ereignisse zu reagieren. Die Lieferung von „Patriot“-Luftabwehrsystemen an die Ukraine – die die Europäer bezahlen – dürfte einstweilen fortgesetzt werden. Auch die Zollkeule gegen die Käufer russischen Öls schwebt unverändert im Raum. Wenn es bei Trump eine Konstante gibt, dann die: Nichts ist so sicher wie die Unsicherheit. Weitere Wenden sind programmiert.