Der Skandal um Jeffrey Epstein, der US-Präsident Donald Trump seit vier Wochen zu schaffen macht, wird plötzlich zum Krimi. 

Nachdem der ehemalige Party-Freund Trumps, ein verurteilter Sexualstraftäter, am Morgen des 10. August 2019 in seiner New Yorker Gefängniszelle leblos aufgefunden worden war, attestierten Gerichtsmediziner umgehend: Suizid durch Erhängen. Kein Fremdverschulden.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Die Selbstmord-These wurde vom damaligen Justizminister Bill Barr bis zu den heutigen Verantwortlichen, Ministerin Pam Bondi sowie den FBI-Spitzen Kash Patel und Dan Bongino, uneingeschränkt aufrechterhalten und mehrfach bekräftigt. 

Tenor: Sämtliche Überwachungsaufnahmen hätten zweifelsfrei erwiesen, dass kein unbefugter Dritter den Bereich betreten hat, in dem Epstein untergebracht war. Bongino wörtlich: „Es gibt ein Video, das klar und deutlich zeigt, dass er der einzige Mensch dort drinnen ist und der einzige, der herauskommt.“

Exklusiv aus den USA – für Sie recherchiert

Epstein-Fall: Wer war die mysteriöse Figur im orangenen Overall?

Dagegen gehen der Bruder des Toten, Mark Epstein, und weite Teile der für Verschwörungen anfälligen Wählerbasis von Donald Trump unverändert davon aus, dass Epstein wegen seines Herrschaftswissens über die Nutznießer seines weitläufigen Sexhandelsrings mit jungen Mädchen vor einem damals anstehenden Prozess getötet wurde. 

Die Beziehung Epstein/Trump – hier eine Aktion aus Schottland aus Anlass des jüngsten Besuches Trumps – gerät immer tiefer ins Zwielicht.
Die Beziehung Epstein/Trump – hier eine Aktion aus Schottland aus Anlass des jüngsten Besuches Trumps – gerät immer tiefer ins Zwielicht.© AFP | Lesley Martin

Dafür gibt es bisher keine Beweise. Dennoch mehren sich nach einer spektakulären Untersuchung des TV-Senders CBS massive Zweifel an der offiziellen Darstellung. 

Dreh- und Angelpunkt: Bei Analysen des von der Regierung Anfang Juli veröffentlichten elfstündigen Video-Materials aus dem Zellen-Umfeld Epsteins im „Metropolitan Correctional Center” in New York wurde wenige Stunden vor seinem Tod eine mysteriöse Gestalt in der Nähe der Gefängniszelle entdeckt.

Mehr zum Fall Epstein

Handelte es sich um einen Insassen?

CBS hat das Material von den renommierten Videoforensikern Jim Stafford und Conor McCourt sichten lassen. Beide kommen zu dem Schluss, dass es sich bei der unbekannten und in keinem offiziellen Abschlussbericht genannten Person wahrscheinlich um einen Insassen mit orangefarbenem Gefängnisoverall handelt. 

Außerdem weist CBS akribisch nach, dass mit den vom Staat veröffentlichen Video-Aufnahmen offenbar nicht nur Schindluder getrieben wurde. Sondern, dass die gezeigten Kamera-Ausschnitte überhaupt kein verlässliches Bild über das Geschen im direkten Umfeld der Zelle Epsteins abgeben. „Zu behaupten, dass niemand unbemerkt dorthin gelangen konnte – zu den Treppen, die zu seinem Zimmer führten – ist falsch“, schlussfolgerte Jim Stafford.

Weitere Ungereimtheiten: FBI und Justizministerium hatten angegeben, dass das veröffentlichte Video „Rohmaterial” gewesen sei. Aber wie ist dann ein Cursor und ein Computer-Menü zu erklären, das beim Betrachten auftaucht?

Stafford und Conor haben das Video, mit dem die Regierung offiziell Transparenz herstellen und am 7. Juli die endgültige Einstellung des Untersuchungsverfahrens rechtfertigen wollte, mit einer speziellen Software geprüft. 

209674_1325_209674_cover.jpg
#21 Felix Banaszak über den Schimanski in sich - und sein beiläufiges Coming-out
Meine schwerste Entscheidung
 

Wie kommt der Cursor ins „Rohmaterial“?

Dabei kam anhand der Metadaten heraus, dass die gezeigte Datei erstmals am 23. Mai 2025 (also fast sechs Jahre nach Epstein Tod) erstellt wurde. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um einen „Screenshot”, also von einem Bildschirm abgefilmtes Material in zwei Teilen - aber eben nicht um das Original. 

Letzteres soll sich im Besitz von FBI und Justizministerium befinden und nicht identisch sein mit der Version, die Justizministerin Pam Bondi und FBI-Direktor Kash Patel am 7. Juli für die Öffentlichkeit freigaben.

Damit nicht genug. Anders als die veröffentlichten Video-Sequenzen, besäßen FBI und Justizministerium unbearbeitete Versionen des Video-Materials, in denen nicht wie bereits mehrfach berichtet, ein bis drei Minuten der Aufnahmen fehlen. Justizministerin Pam Bondi hatte federführend erklärt, dass sich die minimale Zeitlücke, in der das Geschehen rund um Epsteins Zelle nicht dokumentiert ist, auf einen technischen „Rücksetzungsvorgang” im veralteten Video-System des Gefängnisses zurückgehe. Experten halten das für nicht plausibel.

Letztes Telefonat mit einer Freundin aus Weißrussland?

Ebenfalls ist ungeklärt, mit wem Epstein am Abend vor seinem Tod kommuniziert hat. Der Promi-Inhaftierte hatte die Erlaubnis, aus dem Duschbereich seines Zellentraktes über eine Telefonleitung, die eigentlich nur für die Kommunikation mit Anwälten vorgesehen war, unüberwacht zu telefonieren. Der damals zuständige Regionaldirektor der Strafvollzugsbehörde sagte gegenüber Ermittlern: „Wir wissen nicht, was bei diesem Telefonat besprochen wurde. Es hätte möglicherweise zu dem Vorfall (Epsteins Tod, d. Red.) führen können, aber wir wissen es nicht – wir werden es nie erfahren.“ Nach unbestätigten Angaben soll Epstein mit einer Freundin in Weißrussland kommuniziert haben. Identität: unklar.

Justizministerin Pam Bondi hat sich zu der mysteriösen Person an Epsteins Gefängniszelle bisher nicht geäußert. Der Druck auf sie wird täglich größer.
Justizministerin Pam Bondi hat sich zu der mysteriösen Person an Epsteins Gefängniszelle bisher nicht geäußert. Der Druck auf sie wird täglich größer.© AFP | ANDREW CABALLERO-REYNOLDS

Die neuen offenen Fragen, die von Justizministerium, FBI und Gefängnisverwaltung bislang in der Sache unbeantwortet sind, reihen sich ein in eine lange Liste von Pannen und Merkwürdigkeiten. So gingen durch einen Ausfall des digitalen Videoaufzeichnungssystems die Bilder etlicher Kameras im Gefängnis aus der Nacht vom 9. auf den 10. August 2019 verloren. Die diensthabenden Wärter versäumten es darüber hinaus, den seinerzeit als suizidgefährdet eingestuften Epstein wie vorgeschrieben alle 30 Minuten zu kontrollieren. Bis zum Auffinden seines leblosen Körpers am Morgen des 10. August war Epstein über acht Stunden unbeaufsichtigt. Um das Selbstmord-Risiko zu senken, wurde dem Finanzmagnaten kurz vorher ein Zellengenosse zugeteilt. Ausgerechnet kurz vor Epsteins Ableben wurde der Häftling verlegt.