Vor dem Krieg führte sie eine große, gut ausgestattete private Klinik mit angeschlossenem Labor im Zentrum von Gaza-Stadt. „Heute mache ich Kaiserschnitt-Operationen mit dem Licht der Handy-Taschenlampe“, sagt Taghreed Al-Imawi. Die Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe aus Gaza behandelt im Kamal Adwan Spital im Norden Gazas 60 bis 70 Patientinnen am Tag. Und von Woche zu Woche muss sie mitansehen, wie die schwangeren Frauen magerer werden – und die ungeborenen Babys aufhören zu wachsen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Al-Imawi hat in diesem Krieg selbst 22 Kilogramm an Gewicht verloren, sie wiegt nur noch 48 Kilo. Sie spricht langsam und man hört ihr an, dass ihr Mund trocken ist. Es fehlt nicht nur an Nahrung in Gaza, sondern auch an Wasser. Mitten im Sommer, bei 30 Grad im Schatten.

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Immer häufiger: Neugeborene mit Fehlbildungen und unheilbaren Krankheiten

Die Lage für schwangere Frauen sei „katastrophal“, warnt die UN-Agentur für reproduktive Gesundheit, UNFPA. Anhaltender Hunger, Todesangst und mangelnde medizinische Versorgung: Es ist eine toxische Mischung für schwangere Frauen, die nicht nur den eigenen Körper am Leben erhalten, sondern zugleich einen zweiten Körper aufbauen müssen. Immer häufiger kommen Neugeborene mit Fehlbildungen und unheilbaren Krankheiten auf die Welt. Weil die Frauen zu schwach sind, erleiden viele von ihnen eine Fehlgeburt und verlieren ihr Baby.

Gynäkologin Taghreed Al-Imawi
Gynäkologin Taghreed Al-Imawi© Taghreed Al-Imawi | Taghreed Al-Imawi

Die Statistiken bestätigen das. In der ersten Jahreshälfte lag die Zahl der Geburten fast um die Hälfte unter dem Durchschnitt der drei Jahre zuvor. Zugleich gibt es einen Anstieg an ungewollten Schwangerschaften, weil der Zugang zu Verhütungsmitteln unterbrochen ist. „Die Frauen betteln uns an, dass wir ihnen einen Schwangerschaftsabbruch machen, weil sie wissen, dass sie das Kind nicht ernähren können“, sagt Al-Imawi. „Abtreibungen sind bei uns aber verboten.“

Arbeiten unter Drohnenlärm und Raketeneinschlägen: Alltag im Norden Gazas

Während die Ärztin spricht, hört man den konstanten Lärm der Militärdrohnen, einmal auch einen Raketeneinschlag in der Nähe. Zwar hat Israels Armee in Teilen von Gaza eine mehrstündige Waffenpause pro Tag für Hilfslieferungen eingerichtet. Al-Imawi ist jedoch im Norden Gazas tätig, hier wird ungebrochen weiter aus der Luft angegriffen.

Die Ärztin arbeitet nicht nur in einer Klinik, sondern leitet für die palästinensische Organisation Juzoor auch zwölf Kontaktpunkte für frauenmedizinische Versorgung. Oft muss sie stocken, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, weil ihr die Worte fehlen.

Ein Kind geboren – und kurz darauf unter Trümmern begraben

„Da war eine Frau, die viele Jahre lang vergeblich versucht hat, ein Kind zu bekommen. Mehr als 15 künstliche Befruchtungen sind fehlgeschlagen. Dann wurde sie während des Kriegs plötzlich spontan schwanger. Sie hatte aber keine durchgängige medizinische Versorgung, weil ihre Familie so oft von Evakuierungsbefehlen betroffen war. Außerdem ist das Leben in den Flüchtlingslagern sehr hart: Man muss Holz sammeln, um Feuer zu machen, muss jeden Tag für mehrere Stunden Kleider mit der Hand waschen.“ Das Baby starb kurz nach der Geburt. „Als ich ihr sagen musste, dass sie ihr Kind verloren hat, schaffte ich es kaum“, sagt Al-Imawi.

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Selbst, wenn die Geburt gut verläuft, ist das noch lange kein Grund zum Aufatmen. „Leider Gottes verlieren wir viele Frauen auch nach der Geburt“, sagt die Ärztin. „Manche fahren mit dem neugeborenen Baby nach Hause – und dann schlägt eine Rakete ein und sie werden unter ihrem Haus begraben. Oder sie werden schon auf dem Weg getötet.“ Seit Beginn des Kriegs habe sie 47 ihrer Patientinnen auf diese Weise verloren.

Hunger and malnutrition continue to claim lives in Gaza
Immer häufiger kommen Neugeborene mit Fehlbildungen und unheilbaren Krankheiten auf die Welt – oder müssen kurz danach verhungern.© ddp/abaca press | AA

Geburten im Zelt, Babys ohne Milch: Leben im Ausnahmezustand

Da die Straßen zerstört sind oder es an Treibstoff fehlt, können viele Schwangere nicht ins Krankenhaus kommen, wenn die Wehen einsetzen. Bei Geburten im Flüchtlingslager gebe es kein bisschen Privatsphäre, erzählt Al-Imawi: „In einem Zelt sind fünf bis sechs Leute.“ Und jede Komplikation droht zum Todesurteil für Mutter oder Kind zu werden – eine starke Blutung etwa, oder wenn das Baby nach der Entbindung künstliche Sauerstoffzufuhr braucht.

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Auch nach der Ausweitung der Hilfslieferungen ist der Hunger immer noch akut. Die Hilfspakete reichen längst nicht aus und sind für viele nicht erreichbar. Den Müttern von kleinen Babys macht vor allem der Mangel an Babynahrung zu schaffen. „Viele Frauen können nicht stillen, und selbst wenn sie Milch haben, dann reicht sie nicht aus, um das Baby satt zu machen“, sagt Al-Imawi. Es gibt aber keine Trockenmilch für Babys – und wenn es sie gibt, wird sie am Schwarzmarkt zu Wucherpreisen verkauft. „Eine Packung kostet 80 Dollar – und reicht nur für drei Tage“, sagt die Ärztin. „Mein Bruder hat Zwillinge. Wir wissen nicht, was wir tun sollen, es gibt kaum Babynahrung zu kaufen.“ Kriminelle Gangs nutzen das Schicksal der Hungernden aus.

Ärztin: „Ich habe alles verloren – mein Haus, mein Baby, meinen Job“

„Letztens haben wir eine Packung Trockenmilch gekauft. Als wir sie öffneten, sahen wir, dass es Holzasche war. Das ist hochgiftig“, sagt Al-Imawi. Während die Zwillinge vor Hunger schrien, „saßen wir da und weinten auch – weil wir einfach nicht weiter wussten.“

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Der Ärztin macht nicht nur der schwierige Alltag zu schaffen. Sie schleppt auch Wunden mit, die nicht verheilen können. Im November 2023 herrschte im Norden Gazas ebenfalls eine Blockade, den Menschen fehlte es an Essen, zugleich gab es heftige Luftangriffe. Al-Imawi war hochschwanger, doch ihr Kind kam zu früh auf die Welt – und starb zwei Wochen nach der Geburt. „Ich habe alles verloren – mein Haus, mein Baby, meinen Job“, sagt die Ärztin. Nur eines hält sie seelisch über Wasser: „Ich arbeite rund um die Uhr.“