Amjad sitzt auf einem Plastikstuhl, zieht an der Zigarette, die er mit dem Tabak gestopft hat, der auf den Feldern um Zababdeh wächst. Er zeigt auf das Nachbarhaus: „Da sind sie vor einer Woche reingegangen.“ Natürlich habe er Angst gehabt, als die Soldaten anrückten, so wie alle Flüchtlinge, die hier am Rand der Kleinstadt leben. Die Erinnerungen an die Kämpfe in Dschenin, vor denen sie sich vor fünf Monaten in Sicherheit gebracht hatten, sind noch frisch. „Wir wissen, dass wir in den Augen der Israelis eine Gefahr darstellen.“

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Zababdeh im Norden des Westjordanlands. Die meisten der ursprünglich etwa 5000 Bewohner sind christliche Araber. Seit Ende Januar ist die Einwohnerzahl sprunghaft angestiegen. 1300 Menschen aus dem nur wenige Kilometer entfernten Flüchtlingscamp nahe Dschenin sind hierhergekommen. Sie leben in Häusern, die eigentlich für Studierende der nahen Arabisch-Amerikanischen Universität gedacht waren. „Für die Stadtverwaltung ist das eine große Herausforderung“, sagt Rami Daibesi, der im Büro des Bürgermeisters von Zababdeh arbeitet.

Flucht aus Dschenin: Amjad und seine Familie suchen Zuflucht in Zababdeh

Das Flüchtlingscamp bei Dschenin, das längst selbst zu einer Kleinstadt gewachsen ist, galt als Hochburg militanter Palästinenser und ist in den vergangenen Jahren immer wieder zum Ziel israelischer Militäroperationen geworden. Im Januar ist wieder so weit. „Sie sind gegen eine bewaffnete Brigade vorgegangen“, erzählt Amjad. Es kommt zu heftigen Gefechten.  

Der 36-Jährige ist kein Kämpfer, er sagt, er habe für die Verwaltung gearbeitet. Er trägt Tätowierungen auf den Armen, das ist untypisch für Islamisten. Aber er hat Verständnis dafür, dass die Bewaffneten gekämpft haben. „Wenn du angegriffen wirst, wehrst du dich eben.“ 

208844_1325_208844_cover.jpg
#20 Wolfram Weimer über die Brandmauer zur AfD - und Fahrradfahren mit Friedrich Merz
Meine schwerste Entscheidung
 

Amjad beschließt, mit seinen fünf Kindern und seiner Frau zu fliehen, so wie nahezu alle anderen der etwa 20.000 Einwohner des Camps. Sein Sohn Saradsch, 5, wird bei der Flucht verletzt, ein Schrapnell streift den Kopf des Kleinen. Jetzt leben sie in Zababdeh, sieben Menschen in drei Räumen, und wissen nicht, wie es weitergeht.  

Verzweiflung: Amjad würde „sogar für den Feind“ arbeiten

„Ich habe hier keine Arbeit, wir bekommen kaum Unterstützung.“ Amjad ist wütend auf die arabische Welt. „Diese Leute haben uns verraten, sie tun nichts für uns.“ Er ist so wütend und verzweifelt, dass er „sogar für den Feind“ arbeiten würde. Seine Freunde zischen. 

Jessen Reportage Westjordanland
Amjad (l) im Gespräch mit Kriegsreporter Jan Jessen (r): Amjad ist wütend auf die arabische Welt.© FMG | Privat

Seit dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 kämpft Israel an vielen Fronten. In Gaza, im Süden Syriens, im Süden des Libanon, gegen den Iran – und im Westjordanland, jenem fragmentierten Gebiet, in dem Teile von Israel besetzt sind, andere offiziell von der Palästinensischen Autonomiebehörde selbstverwaltet werden.  

In den vergangenen Jahren sind in dem Gebiet 365 jüdisch-israelische Siedlungen entstanden, sie gelten als völkerrechtlich illegal. Nach dem Hamas-Überfall haben die israelischen Streitkräfte ihre Militäroperationen dort ausgeweitet, rechtsextreme jüdische Siedler gehen aggressiver gegen Palästinenser vor. 

Wachsende Spannungen zwischen Flüchtlingen und Einheimischen in Zababdeh

Nach Angaben des UN-Büros für humanitäre Angelegenheiten wurden seit dem 7. Oktober 2023 mehr als 950 Palästinenser im Westjordanland und in Ostjerusalem von der israelischen Armee oder radikalen Siedlern getötet, etwa 50.000 sollen vertrieben worden sein. Die israelische Armee spricht von „hunderten Terrorattacken“ und mehr als 2000 versuchten Terrorattacken im gleichen Zeitraum. Allein 2024 seien bei diesen Attacken 46 Israelis oder Ausländer getötet und mehr als 1200 verletzt worden. Es ist ein Krieg im Krieg.  

Jessen Reportage Westjordanland
Das Flüchtlingscamp bei Dschenin.© FMG | Privat

Die insgesamt etwa 40.000 Bewohner der Flüchtlingscamps bei Dschenin und Tulkarem sind jetzt wie Amjad und Hussein Abdullah, 80, über viele Dörfer verstreut. Die christlichen Bewohner von Zababdeh misstrauen den Flüchtlingen. „Diese Leute sind anders als wir. Wir sehen jetzt zum ersten Mal Frauen mit einem Niqab in unserer Stadt“, erzählt eine Frau. Die schwarzen Gesichtsschleier als Ausdruck eines erzkonservativen Islams machen den Christen Angst.  

Mehr von Israel-Korrespondentin Maria Sterkl

Radikale Siedlergewalt: Hussein Abdullahs verzweifelte Hoffnung auf Rückkehr

Zugleich wächst die Sorge vor der Radikalität vieler israelischer Siedler im Westjordanland. Immer wieder attackieren sie Palästinenser, legen Feuer, werfen Steine. Auch vor christlichen Siedlungen machen sie nicht halt. Seit Ende Juni attackieren die Extremisten immer wieder Taybeh, eine uralte christliche Kleinstadt nahe Ramallah.  

Sie zünden Häuser an, legen am 7. Juli Feuer in der Nähe des alten Friedhofs und der historischen Kirche des Heiligen Georg. Die Angriffe sorgen für Entsetzen und scharfe Kritik unter den Vertretern der christlichen Kirchen. Auch die Amerikaner schalten sich ein. US-Botschafter Mike Huckabee besucht die Kleinstadt am Samstag und bezeichnet die Angriffe als „Terror“.  

Hussein Abdullah sitzt mit überschlagenen Beinen auf einem der Plastikstühle vor der Flüchtlingsunterkunft von Zababdeh. Sein Hemd und seine Anzughose sind fleckig. Er stammt aus einem Dorf südlich von Haifa, von dort aus ist seine Familie 1948 während der Schlacht um den Kibbuz Mischmar haEmek nach Dschenin geflohen. Jetzt ist er wieder vertrieben worden.  

„Meine drei Söhne sind behindert und können nicht selbst für sich sorgen. Ich habe Darmkrebs und brauche Medikamente.“ Er wirkt ratlos. „Die einzige Lösung wäre, wieder in mein Dorf zurückkehren zu können. Das wäre das Ende der Vertreibung.“ Er weiß: Das wird er nie erleben.