Es ist die Ungewissheit, die ihre Familien und Freunde quält. Seit nunmehr 651 Tagen. Seit dem 7. Oktober 2023. Einem Tag, der sich ins kollektive Gedächtnis Israels gebrannt hat. Der Tag, an dem die radikalislamistische Hamas in Israel einfiel, Tod, Schmerz und Leid verursachte. An dem 250 Frauen, Kinder und Männer in den Gazastreifen verschleppt wurden.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Alon Ohel, Enkelkind einer Holocaustüberlebenden aus Berlin und laut seiner Familie ein begeisterter Pianist, ist einer von ihnen. Er wurde vom Nova-Festival, bei dem die Terroristen ein Massaker anrichteten, nach Gaza verschleppt. Von ihm ist bekannt, dass die Terroristen ihn schwer verwundet haben. Der 24-Jährige soll ein Auge verloren haben und unter akuter Gefahr stehen, gänzlich zu erblinden, sollte er nicht bald die entsprechende medizinische Versorgung erhalten. Von freigelassenen Geiseln weiß man, dass Ohel in Isolation festgehalten wird.

Gaza: 59 Geiseln sollen noch in der Gewalt der Hamas sein
Rund 59 Geiseln sollen sich noch in den Händen der Hamas befinden. Neben Alon Ohel sollen sechs weitere Geiseln die deutsch-israelische Doppelstaatler sein. In den Verhandlungen rund um die Freilassung der Geiseln und eine Waffenruhe in Gaza verschärft Deutschland nun die Rhetorik und erhöht damit den Druck auf Israel. In einer in sozialen Medien veröffentlichten Botschaft appelliert der deutsche Botschafter in Tel Aviv, Steffen Seibert, an die Verhandlungspartner, die Gespräche zu einem Abschluss zu bringen.
„Die Hamas muss sie (die Geiseln, Anm.) jetzt freilassen, und dafür braucht es ein Abkommen“, so Seibert. „Es gibt nichts Wichtigeres“ als ein Übereinkommen, das die Geiseln zurückbringe, aber auch „den Krieg und das Sterben in Gaza beendet“, sagt Seibert in seiner Stellungnahme, die er auf Hebräisch gehalten hat.

Gaza: Botschafter Seibert nennt erstmals Zahl deutscher Geiseln
„Fast jeden Tag hören wir, dass die Gespräche über die Gekidnappten und eine Waffenruhe in Gaza fortgesetzt werden, sich gut entwickeln, stagnieren oder voranschreiten“, sagt Seibert. Das sei nervenaufreibend und schmerzhaft für alle, denen das Schicksal der Geiseln ein Anliegen sei. „Ich möchte euch erinnern: Das ist kein politisches Abkommen. Das ist eine Entscheidung über das Leben von Geiseln. Von Menschen, die mehr gelitten haben, als Worte es beschreiben können“, sagt Seibert. „Sieben von ihnen sind Deutsche.“
Erstmals gibt Deutschland somit offiziell die Zahl der noch in Gaza verbliebenen Geiseln mit deutscher Staatsangehörigkeit bekannt – und nennt auch ihre Namen.
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Gaza: Familien der Geiseln machen Druck – auch in Deutschland
Das ist wohl auch eine Reaktion auf den vermehrten Druck der Familien der Geiseln mit deutsch-israelischer Doppelstaatsbürgerschaft. Ein Teil von ihnen war vor zehn Tagen nach Deutschland gereist, um sich bei der Bundesregierung für mehr Engagement in puncto Geiselbefreiung einzusetzen. Dabei kam auch Kritik an der von ihnen teils wahrgenommenen Zurückhaltung Deutschlands zur Sprache. Die neue Bundesregierung solle mehr tun, damit ihre Angehörigen freikommen, forderten sie.
Unter den Kritikern war etwa Ruby Chen, der Vater des nach Gaza verschleppten Itay Chen. Der junge Soldat war am Tag der Hamas-Terrorattacke auf Israel entführt worden. Er hatte in einem Panzer gegen die eindringenden Terroristen gekämpft, um die Kibbuzen im Süden Israels zu verteidigen. Israels Armee hat Itay zwar bereits für tot erklärt, doch sein Vater will daran nicht glauben und kämpft hartnäckig für die Freilassung seines Sohnes.
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Vater zweier Kinder wurde getötet – Familie möchte den Leichnam zurück
Die Zwillinge Gali und Ziv Berman wurden von ihrem Zuhause im Kibbuz Kfar Aza verschleppt. Wie aus einem Gesundheitsdossier über den Zustand der Geiseln hervorgeht, sollen die 27-Jährigen körperlich und seelisch in einem äußerst schlechten Zustand sein.
Der 21-jährige Rom Braslawski war als Security-Mitarbeiter auf dem Nova-Festival tätig, als er verschleppt wurde. Er soll an beiden Armen verletzt worden sein. Da er an Asthma leidet und es in den Tunneln der Hamas laut Aussagen der freigelassenen Geiseln konstant an Sauerstoff mangelt, fürchtet die Familie um seinen Zustand. Vor einigen Monaten gab es noch ein Lebenszeichen von Braslawski, meldet die deutsche Botschaft in Tel Aviv.
Tamir Nimrodi war als 18-jähriger Soldat im Pyjama und barfuß von seiner Basis im Süden Israels nach Gaza verschleppt worden. Seither gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Seine Familie ist im völligen Ungewissen über seinen Zustand.
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Der 38-jährige Tamir Adar, Vater zweier Kinder, wurde getötet, als er versuchte, seinen Kibbuz Nir Oz gegen die Terroristen zu verteidigen. Sein Leichnam wurde nach Gaza verschleppt. Seine Familie kämpft darum, ihn zurückzuholen, um ihn bestatten zu können.
Auswärtiges Amt: Freilassung der Geiseln „hat oberste Priorität“
Das Auswärtige Amt (AA) in Berlin erklärte am Donnerstag auf Nachfrage, die Freilassung der Geiseln habe „oberste Priorität“ und sei „durchweg wichtiges Thema bei der Pendeldiplomatie der Bundesregierung“.
Die Behörde verwies auf den Krisenstab, der nach den verheerenden Angriffen der Hamas am 7. Oktober 2023 eingerichtet wurde. Dieser stehe „fortwährend mit den Familienangehörigen in Kontakt“. Und: Der Sonderstab bestehe sowohl in Berlin als auch in Tel Aviv. Dass das AA ein großes Augenmerk auf die Situation der Geiseln legt, soll auch die Terminplanung des neuen Außenministers Johann Wadephul (CDU) unterstreichen. Der erste Termin bei der ersten Nahost-Reise sei ein Treffen mit Familienmitgliedern der Geiseln gewesen, teilte das AA mit.
Man sei in engem Austausch mit den israelischen Stellen und versuche, in vertraulichen Gesprächen und öffentlich für die Umsetzung des von Ägypten, Katar und den USA vermittelten Waffenstillstands- und Geiselabkommens zu werben.
Mehr von Israel-Korrespondentin Maria Sterkl
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Im AA verweist man auf die erste Feuerpause, die die israelische Regierung und die Hamas-Organisation zwischen dem 24. und 30. November 2023 aufrechterhielten. Damals wurden mehr als 140 verschleppte Geiseln freigelassen, darunter 24 Personen mit einem „engen Bezug zu Deutschland“, wie es beim AA heißt.
Israelische Botschaft fordert „koordiniertes Vorgehen“
Seitens der israelischen Botschaft in Berlin wurde eine breitere öffentliche Debatte gewünscht, die die Geiseln in den Mittelpunkt stelle. „Gerade die Familien und Freunde der Geiseln haben ein Recht darauf, gehört zu werden“, sagte ein Botschaftssprecher dieser Redaktion. Es seien die Geiseln, die Ermordeten und ihre Familien, die den Preis für den Hamas-Terror zahlen würden. „Sie dürfen nicht ignoriert werden“, mahnte der Botschafts-Sprecher.
Von der Bundesregierung forderte die israelische Botschaft ein koordiniertes Vorgehen. „Wenn die Geiselbefreiung nicht nur in diplomatischen Gesprächen in der Region, sondern auch in allen verbundenen Politikfeldern zu höchsten Priorität gemacht wird, wäre das extrem hilfreich. Hier könnte die neue Bundesregierung einen eigenen und sehr wirkmächtigen Impuls setzen – das zeigen auch die Erfahrungen anderer Staaten“, sagte der Botschaftssprecher.






