Die Bundeswehr soll offenbar weitreichende Feuerkraft bekommen. Wie Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Montag in Washington sagte, habe Deutschland Interesse angemeldet, Typhon-Raketensysteme von den USA zu kaufen. Die Waffen sollen demnach dazu dienen, die Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik und Europas zu steigern und Russland von einem Angriff abzuschrecken. Eine Entscheidung über einen Kauf sei noch nicht gefallen, so Pistorius. Für seinen Amtskollegen Pete Hegseth war das deutsche Interesse an den Mittelstreckenraketen dennoch „die Nachricht des Tages“.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Das Raketensystem zeichnet sich vor allem durch seine hohe Reichweite aus. Bis zu 2500 Kilometer weit kann das System schießen – und damit theoretisch auch Ziele in Russland treffen. „Vereinfacht ausgedrückt sind das landbasierte Abschussrampen, mit denen unterschiedliche Lenkflugkörper auf verschiedene Distanzen verschossen werden können“, sagte Pistorius in Washington vor Journalisten.

Typhon-Raketen für die Bundeswehr: Nur eine Zwischenlösung

Bislang verfügt die Bundeswehr nicht über Waffen mit so hoher Reichweite. Die USA hatten lediglich angekündigt, ab 2026 ein Typhon-System in Deutschland stationieren zu wollen. Die erratische Amtsführung von Präsident Donald Trump ließ aber Zweifel an den Absichten der US-Amerikaner aufkeimen.

Sollte Deutschland das System tatsächlich beschaffen, wäre damit nicht nur die Fähigkeitenlücke bei der Bundeswehr geschlossen, sondern auch die europäische Abhängigkeit von den Launen der US-Administration verringert. Zwar zeigte sich Pistorius „zuversichtlich“, dass es bei den Zusagen aus Washington bleibt. Eine Bestätigung der US-Regierung gibt es aber noch nicht.

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Gleichzeitig wären die Typhon-Systeme nur eine Übergangslösung, bis Europa eigene Mittelstreckenraketen entwickelt hat. Diese seien laut Pistorius in sieben bis zehn Jahren verfügbar. Die USA prüfen nun, ob sie bereit sind, die Raketenwerfer zu liefern. Hegseth habe die Anfrage aber wohlwollend zur Kenntnis genommen, sagte Pistorius. 

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Typhon: Mobile Raketenwerfer zur Abschreckung

Lenkwaffensystem MRC "Typhon"
Lenkwaffensystem MRC Typhon© dpa/BM | dpa infografik

Ein einzelnes System besteht dabei aus vier Werfern, sogenannten Vertical-Launch-Systemen (VLS) mit vier einzelnen Raketenzellen, die auf Lkw montiert sind, einem ebenfalls Lkw-gestützten Kommandostand und Unterstützungsfahrzeugen. Eine Batterie kann bis zu 16 Raketen verschießen, entweder die Tomahawk-Marschflugkörper mit bis zu 2500 Kilometer Reichweite oder SM-6-Raketen zur Flugabwehr (rund 370 Kilometer Reichweite).

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Das System ist wegen seiner Bauweise sehr mobil und dient vorrangig dem Einsatz gegen Bodenziele auf mittlere Entfernungen. Auf den Philippinen kommt es etwa zum Einsatz, um Seewege von möglichen chinesischen Bedrohungen frei zu halten – durch seine bloße Anwesenheit oder, im Ernstfall, im Gefecht. Die Volksrepublik betrachtet die Werfer durchaus als ernst zu nehmende Bedrohung. Peking nennt die Stationierung „gefährlich“ und „äußerst unverantwortlich“.

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Mittelstreckenraketen: Politisch hochumstritten

Unklar ist bislang, wie viele Systeme Deutschland kaufen will, wenn die Entscheidung zum Kauf überhaupt getroffen wird. Darüber hinaus ließ Pistorius offen, ob Tomahawk-Raketen beschafft werden sollen. Die Hürden dafür dürften hoch sein.

Die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland ist sehr umstritten, nicht nur in der SPD. Zuletzt wurde sie in dem sogenannten Manifest zur Außenpolitik von Politikern des linken Flügels kritisiert, darunter der Ex-Fraktionschef Rolf Mützenich. Auch die Anschaffung eigener Mittelstreckenwaffen dürfte in diesem Teil der Partei auf Widerstand stoßen. 

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Auch die AfD spricht sich gegen eine Stationierung aus – und wird aus einer Beschaffung solcher Waffen politisches Kapital schlagen. Mit Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt wählen zwei Bundesländer im Osten Deutschlands nächstes Jahr einen neuen Landtag, die rechtsextreme Partei könnte in beiden Parlamenten stärkste Kraft werden. Würden die Typhon-Systeme im Osten stationiert – und das müssten sie, wollte man Russland glaubhaft abschrecken –, könnte dies weitere Wählerinnen und Wähler in die Arme der AfD treiben.