In den vergangenen Tagen hat sich Wassyl Maljuk gleich mehrfach zu Wort gemeldet. Es sind Bilder von ihm veröffentlicht worden, wie er dem Präsidenten lächelnd die Hand schüttelt, wie er sich über Kartenmaterial beugt. Ungewöhnlich für einen Mann, der als öffentlichkeitsscheu gilt, was seinem Amt geschuldet ist. Maljuk ist Chef des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU. Er hat die jüngsten Operationen gegen die russische Bomberflotte und die Krim-Brücke orchestriert, die Putin zur Weißglut gebracht haben. Kaum ein Ukrainer dürfte in Moskau so verhasst sein wie Maljuk. Wer ist dieser Mann?

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Maljuk heißt übersetzt so viel wie „Kleinkind“. Klein oder kindlich wirkt der 42-Jährige nicht, im Gegenteil. Er ist groß, bullig, muskulös, die wenigen Haare trägt er raspelkurz. Maljuk stammt aus Korostyschiw, einer Kleinstadt in der nordwestukrainischen Region Schytomyr. Bereits als Junge, so hat er es einmal in einem Interview erzählt, habe er davon geträumt, ein Geheimagent zu werden. „Seit der 9. Klasse habe ich mich körperlich und geistig darauf vorbereitet.“ Kurz nach der Jahrtausendwende beginnt er seine Karriere im SBU. Der promovierte Rechtswissenschaftler steigt in den Rängen rasch auf. Seit er den Geheimdienst führt, räumt er auch intern auf.

Ukraine: Der Chef des Geheimdienstes ist ein glühender Patriot
Der SBU ist die ukrainische Nachfolgeorganisation des sowjetischen KGB. Lange Zeit galt er als russisch unterwandert, als verlängerter Arm des Präsidialamtes und als korrupt. Bei den Demonstrationen auf dem Kiewer Maidan im Jahr 2014 schleusten sich SBU-Agenten in die Szene der Protestierenden ein. Bei der Besetzung der Halbinsel Krim sowie der Städte Luhansk und Donezk im selben Jahr sollen SBU-Führungskräfte mit den Russen zusammengearbeitet haben. Bei der Besetzung der Regionalhauptstadt Cherson nach dem Beginn des russischen Überfalls im Februar 2022 soll der SBU zumindest versagt haben.
Im Juli 2022 entlässt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seinen Kindheitsfreund Iwan Bakanow, der den SBU zuvor drei Jahre geleitet hatte, wegen Inkompetenz. Maljuk, der in den Wochen davor aktiv in die erfolgreichen militärischen Abwehrkämpfe in der Peripherie der ukrainischen Hauptstadt eingegriffen hatte, wird zunächst kommissarischer Chef. Im Februar 2023 wird er offiziell ins Amt bestellt. Vor dem ukrainischen Parlament sagt er „Kollaborateuren, Komplizen des Feindes und Verrätern auf allen Ebenen“ den Kampf an. Er ist ein glühender Patriot. Und zu allem entschlossen.
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Ukraine-Krieg: Verräter müssen Attentate fürchten
In der Ukraine heißt es anerkennend, erstmals werde der SBU von einem Mann geführt, der den Posten aufgrund seiner fachlichen Qualitäten und nicht wegen seiner Nähe zum Präsidenten erhalten habe. Unter Maljuks Führung wird der Inlandsgeheimdienst zu einer gefürchteten wie schlagkräftigen Waffe im Kampf gegen die russischen Invasoren. SBU-Agenten kämpfen an der Front und zerstören russische Panzer, sie führen Operationen gegen die russische Öl-Infrastruktur durch. Im Monat von Maljuks offizieller Ernennung gelingt dem SBU die Zerstörung eines in Belarus stationierten Aufklärungsflugzeugs des Typs A-50. Ein empfindlicher Schlag.
Zudem attackieren SBU-Kommandos feindliche Führungskräfte und als Verräter markierte Ukrainer im Hinterland. Im Juli 2022 tötet eine Explosion den Generalstaatsanwalt der sogenannten „Volksrepublik Luhansk“, Serhii Horenko. Im Dezember 2023 stirbt in Moskau Illya Kiwa, ein ehemaliger rechtsextremer Abgeordneter des ukrainischen Parlaments, der nach der Invasion die Seiten gewechselt hatte, durch Schüsse in Brust und Kopf. Der russische Propagandist Sachar Prilepin, der in der sogenannten „Volksrepublik Donezk“ eine Führungsrolle spielte, wird im Mai 2023 Opfer eines Attentats im russischen Nischni Nowgorod.

Ukraine: SBU deckt russische Spionagenetze auf – Maljuk wird zum Albtraum für Moskau
Im Frühjahr 2024 gibt Wassyl Maljuk dem ukrainischen Sender „Faktam ICTV“ eines seiner seltenen Fernsehinterviews. Darin übernimmt der SBU-Chef zwar nicht die Verantwortung für die Attentate – er macht aus seiner Verachtung für die Opfer keinen Hehl. Prilepin hatte den Anschlag schwerverletzt überlebt. Maljuk erklärt lapidar: „Er erlitt Becken- und Beinverletzungen und, leider, seine Genitalien blieben ihm weg. Er soll weiterleben und sein Leben genießen.“
Zudem deckt der SBU unter Maljuks Führung Dutzende russische Spionagenetze in der Ukraine auf, führt Geheimdienstoperationen gegen die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche durch, die als Moskau-nah gilt, und setzt als Verräter geltende Ukrainer wie den Oligarchen und früheren Abgeordneten Viktor Medwedtschuk oder den für die Krim verantwortlichen SBU-Abteilungsleiter Oleg Kulinitsch fest. Zu einem wahren Albtraum für Russland wird Maljuk aber vor allem durch die SBU-Angriffe auf die militärische Infrastruktur Moskaus.
Attacken der Ukrainer auf Kertsch-Brücke: „SBU bringt Pläne immer zu Ende“
Im Oktober 2022 attackieren ukrainische Drohnen die russische Schwarzmeerflotte in Sewastopol auf der besetzten Krim. Im selben Monat wird die Kertsch-Brücke, die das russische Festland mit der Halbinsel verbindet, erstmals Ziel eines Anschlags, im Juli 2023 das zweite Mal. Es sind Angriffe mit großer Symbolkraft. Die Brücke ist nicht nur für die militärische Logistik wichtig, sondern auch ein Prestigeprojekt Wladimir Putins. Abgesehen vom Kreml wird wohl kein anderes Bauwerk so geschützt wie diese Brücke.
Lesen Sie dazu: Fällt die Brücke von Kertsch, droht Putin ein Albtraum
Am Dienstag, nur zwei Tage nach dem beispiellosen Angriff auf die strategische Bomberflotte Russlands, scheint Malujks SBU ein dritter Anschlag auf die Kertsch-Brücke gelungen zu sein. 1,1 Tonnen Sprengstoff sollen an einem Pfeiler der Brücke explodiert sein. Vom SBU publizierte Bilder und Videos zeigen eine Explosion.

Wie groß der Schaden ist, ist unklar. Maljuk jedenfalls scheint zufrieden zu sein. „Gott liebt die Dreifaltigkeit“, schreibt er. Diesmal wurde die Brücke wohl unter Wasser attackiert. Die Vorbereitungen sollen Monate gedauert haben. Maljuk frohlockt: „Der SBU bringt seine Pläne immer zu Ende und wiederholt sich nie.“ Es klingt, als müsse sich Moskau auf weitere Überraschungen einstellen.




