Der Himmel ist bewölkt, es ist windig, es regnet ab und an. Es ist ein guter Tag für Kostjantyniwka und die wenigen Menschen, die es noch in der Stadt aushalten. Bei einem Wetter wie heute fliegen die Drohnen seltener. Die Artillerie schießt aber weiter in die Stadt hinein, deswegen ist Oleksandr in Eile. Er bleibt ungern mit Max stehen, seinem Dackel, den er an der Leine führt. „Man läuft hier immer geduckt, sie schießen mit allem, was sie haben.“ In den vergangenen Wochen ist es noch schlimmer geworden. „Sie schlagen härter zu und feuern mehr.“ Natürlich, sagt der Mitsechziger, befürchte er, dass die Russen die Stadt erobern. „Jeder hier hat Angst davor.“ Weit entfernt sind sie nicht mehr, im Osten keine zehn Kilometer. Und Kostjantyniwka scheint ihr nächstes Ziel zu sein.

Trotz aller Versicherungen Moskaus, an einem dauerhaften Frieden interessiert zu sein, haben die russischen Streitkräfte in den vergangenen Tagen ihre Offensivbemühungen nicht reduziert. Im Gegenteil: Insbesondere im Raum Pokrowsk und Kostjantyniwka in der Region Donezk greifen sie mit größerer Wucht an als je zuvor. In ukrainischen Militärkreisen heißt es, die Russen hätten ihre lange erwartete Sommeroffensive gestartet. Das mögliche Ziel: die Einnahme von Kostjantyniwka, um von dort aus in die nördlicher gelegenen Städte Kramatorsk und Slowjansk vorzustoßen. Sollten diese Städte fallen, wäre die Region Donezk weitgehend unter russischer Kontrolle.
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Russland hat die Einheit „Tag des jüngsten Gerichts“ in die Gegend verlegt
In der Nacht auf Dienstag fliegen russische Shahed-Drohnen über Kramatorsk. Sie machen Geräusche wie hochtourig gefahrene Mofas. Laut und böse. Mehrere Explosionen erschüttern die Stadt. Es ist die Nacht nach dem Telefonat zwischen Putin und Trump, das der US-Präsident als „exzellent“ bezeichnet hat, obwohl sich der Kremlherrscher nicht auf eine Waffenruhe eingelassen hat, die sowohl Washington als auch die Europäer fordern. Auf der Fahrt nach Kostjantyniwka am nächsten Morgen wird deutlich, dass die Ukrainer nicht daran glauben, dass sich Putin kurzfristig auf ein Schweigen der Waffen einlassen wird. Sie bereiten sich auf einen russischen Vormarsch vor.

In den Feldern links und rechts der Straße sind neu ausgebaute Grabensysteme, Stacheldrahtverhaue und Drachenzähne zu sehen, pyramidenförmige Betonklötze, die gepanzerte Fahrzeuge aufhalten sollen. An einigen Stellen bereiten Soldaten längs der Straße Zaunanlagen vor, die Schutz gegen Drohnen geben sollen. Ein ukrainischer Offizier der Territorialverteidigung berichtet, dass die Russen die Einheiten „Rubikon“ und „Tag des jüngsten Gerichts“ in die Gegend verlegt haben, Elite-Drohnenpiloten, die zuvor in der russischen Kursk-Region eingesetzt waren.

Kostjantyniwka war ein wichtiger Sammelpunkt für das ukrainische Militär
In die Region waren im August vergangenen Jahres ukrainische Verbände vorgestoßen, um die Front im Osten der Ukraine zu entlasten. Ende April zogen sich die letzten ukrainischen Einheiten aus der Region zurück. Einen wesentlichen Anteil daran hatten die russischen Drohneneinheiten, die die ukrainischen Nachschublinien abschnitten. Die Strategie im Raum Prokowsk – Kostjantyniwka scheint ähnlich zu sein. Schon jetzt hätten die russischen Drohnenpiloten die ukrainische Logistik empfindlich gestört, erklärt der Offizier. Er erwartet, dass die Russen versuchen werden, die ukrainischen Verteidigungslinien südlich von Kostjantyniwka an der westlichen Flanke zu umgehen, um die Front zu begradigen und die ukrainischen Truppen einzukesseln.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Kostjantyniwka war in den vergangenen Jahren ein wichtiger Sammelpunkt für das ukrainische Militär. Von hier aus wurden Truppen zur Verteidigung von Bachmut entsandt, jener Stadt, die nach monatelangen und enorm verlustreichen Kämpfen im Mai 2023 fiel, außerdem in das westlich von Bachmut gelegene Tschassiw Jar, das mittlerweile weitgehend von den Russen kontrolliert wird. Jetzt ist Kostjantyniwka selbst zum Ziel geworden und wird massiv beschossen.

„Diese Verhandlungen, das ist doch alles nur Blödsinn“
Noch wehen auf der Brücke über das Flüsschen Krywyj Torez, das die Stadt durchschneidet, die ukrainische Fahne und die Fahne der Europäischen Union. Die Fahrbahn ist bereits beschädigt, offenbar von Schrapnellen. An einem Wohnblock an der Hromov-Straße schweißen Arbeiter ein Gasrohr zu. Es wird nicht gebraucht. Vor einer Woche ist eine Fliegerbombe in das Haus eingeschlagen und hat es beinahe zweigeteilt. Hier wohnt niemand mehr.

Viele der Wohnblöcke in der Gegend scheinen verwaist, die meisten Fenster sind zersplittert, manche notdürftig mit Spanholzbrettern verschlossen. Trotz des ständigen Geschützdonners sind aber an diesem Tag noch einige Menschen unterwegs. Auf einem Markt bieten alte Frauen Milch und Gemüse an. Es herrscht tiefes Misstrauen gegenüber Journalisten. „Wenn ihr hierherkommt, dann wird das hier wohl bald getroffen“, zischt ein Mann, als er uns sieht.
Auch interessant
Ina wünscht sich nur eines: „Ich will endlich Frieden“
In der Nähe eines anderen zerstörten Gebäude steht ein Ehepaar, beide Anfang 60, vor einer Wellblechhütte. Es ist eine Art kleiner Kiosk, in dem sie ihre Mobiltelefone aufladen. Ina wünscht sich nur eines: „Ich will endlich Frieden, wir haben jetzt drei Jahre Krieg, drei Jahre, und es wird immer schlimmer.“ Ihr Mann Volodymyr sagt, Putin sei ein „Arschloch“, aber er ist auch wütend auf Präsident Selenskyj, weil es noch immer keine Waffenruhe gibt. Er redet sich in Rage, schüttelt die Faust. „Ich habe meinen Sohn in diesem Krieg verloren, er ist im Kampf gefallen.“

Mykhaylo, ein schweigsamer Mann in ihrem Alter, der sich das Gespräch nur anhört, blüht auf, als er Gorbatschow in den Arm nimmt, eine Katze, die er aus dem zerbombten Haus gerettet hat. „Ich habe sie so genannt, weil sie so ähnliche Flecken auf dem Kopf hat wie Gorbatschow.“ Er lacht.
Auch interessant
Oleksandr, der Mann, der an diesem regnerischen Tag mit seinem Dackel Max spazieren geht, macht sich keine großen Hoffnungen auf raschen Frieden. „Das wird hier noch drei oder vier Jahre so weiter gehen, vielleicht für immer. Diese Verhandlungen, das ist doch alles nur Blödsinn.“









