Es ist ein besonderes Ereignis in außergewöhnlichen Zeiten: Israels Staatspräsident Izchak Herzog ist am Montag zu einem eintägigen Besuch nach Berlin gereist und von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfangen worden. Am Dienstag steigen die beiden gemeinsam mit ihren Ehefrauen in ein Flugzeug und fliegen zusammen nach Israel.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Mit dem Doppelbesuch und einem umfangreichen Programm begehen die beiden Staatsoberhäupter das 60. Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen. „Für uns Deutsche war das ein Geschenk, das wir nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs und des Zivilisationsbruchs der Shoah nicht erwarten durften“, sagte Steinmeier am Montag. Herzog sagte, man sei stolz auf das Bündnis mit Deutschland und schätze „die tiefe Freundschaft und den deutschen Beitrag zu Israels Sicherheit und Wohlstand sehr“.

Zwischen dem jüdischen Staat und Deutschland, das in der Nazi-Zeit rund sechs Millionen Juden ermordete, sind in den vergangenen Jahrzehnten besondere Bande entstanden. Doch nicht nur die Vergangenheit, auch die Gegenwart macht das Verhältnis kompliziert: Gleich nach dem fürchterlichen Terror-Angriff der islamistischen Hamas auf Israel im Oktober 2023 stellte sich die Bundesrepublik ohne Wenn und Aber auf die Seite des attackierten Landes. Inzwischen verfestigt sich jedoch in Berlin der Eindruck, dass Israel bei seinem Vorgehen gegen die Hamas im Gazastreifen zu weit geht. Die Spannungen lassen sich nur noch mit Mühe überdecken, daran hat auch der Regierungswechsel in Deutschland wenig geändert. Ein Überblick.
Warum sind 60 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik ein Grund zum Feiern?
Die Annäherung zwischen beiden Staaten war nach dem Holocaust alles andere als selbstverständlich. Der Staat Israel existiert seit Mai 1948, seine Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg war auch eine Antwort auf den Massenmord an den europäischen Juden durch Hitler-Deutschland. Am 12. Mai 1965 vereinbarten der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) und der israelische Premierminister Levi Eschkol die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Vorangegangen war eine schrittweise Annäherung, bei der der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und Israels Gründervater David Ben Gurion eine entscheidende Rolle spielten.
Auch interessant
Deutschland und Israel unterhalten heute vielfältige politische, wirtschaftliche, militärische und zivilgesellschaftliche Beziehungen. Hierzulande gilt das von der ehemaligen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) formulierte Diktum, dass die Sicherheit Israels „Teil der deutschen Staatsräson“ sei. Ihm sah sich auch die Ampel-Regierung von Olaf Scholz (SPD) verpflichtet. Für die neue schwarz-rote Bundesregierung von Kanzler Friedrich Merz (CDU) gilt das gleichermaßen. Sorge bereitet den Regierungen in Berlin und Jerusalem der zunehmende Antisemitismus in Deutschland.
Anders als die Bundesrepublik unterhielt die DDR nie diplomatische Beziehungen zu Israel. Stattdessen unterstützte sie aktiv die Palästinenser-Organisation PLO und arabische Staaten, die in Gegnerschaft zum jüdischen Staat standen. Die DDR lehnte es bis kurz vor ihrem Ende auch ab, eine historische oder moralische Mitverantwortung für den Holocaust zu übernehmen.
Wie begehen die Präsidenten Steinmeier und Herzog das Jubiläum?
Am Montag gab es nach der Begrüßung Herzogs mit militärischen Ehren und einem Gespräch der beiden Staatsoberhäupter ein Treffen mit deutschen und israelischen Jugendlichen. Später besuchten die Präsidenten das Mahnmal Gleis 17 des Bahnhofs Berlin-Grunewald. Von hier aus wurden einst Juden in die Arbeits- und Konzentrationslager deportiert. Für den Abend war ein festliches Essen im Schloss Bellevue geplant.
- Um Vorurteile abzubauen: Jüdin lernt Arabisch – „Sie dachten, ich sei vom Geheimdienst“
- FUNKE Podcast: Nahost in der Sackgasse von Gewalt und politischem Versagen
- Geologe liefert Analyse: Tunnel-Experte hält Gazastreifen für langfristig unbewohnbar
- WHO: Gesundheitswesen im Gazastreifen dem Zusammenbruch nahe
Am Dienstag fliegen die Präsidentenpaare gemeinsam von Berlin nach Tel Aviv. Nach der Begrüßung dort mit militärischen Ehren ist ein Besuch der Nationalbibliothek in Jerusalem geplant, außerdem ein Gespräch mit Intellektuellen zur Lage in Israel. Bundespräsident Steinmeier wird am Dienstag auch mit dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu zusammenkommen. Für den Mittwoch sind unter anderem eine Unterredung mit israelischen Parlamentariern und ein Besuch in einem Kibbuz geplant.
Wie wirkt sich der Krieg im Nahen Osten auf die deutsch-israelischen Beziehungen aus?
Israels Kriegsführung im Gazastreifen mit vielen Toten und Verletzten und einer katastrophalen humanitären Lage belastet zunehmend die Beziehungen des Landes zu wichtigen internationalen Partnern. Das gilt auch für Deutschland. Bundespräsident Steinmeier forderte am Montag die israelische Regierung auf, sofort die Lieferung von Hilfsgütern an die Bevölkerung im Gazastreifen zu ermöglichen. „Die Blockade für Hilfsgüter muss aufgehoben werden, humanitäre Hilfsgüter, medizinische Hilfsgüter – nicht irgendwann, sondern jetzt.“
Auch interessant
Steinmeier betonte auch, er erkenne das Dilemma, das die Hamas für die israelische Armee verursache, „indem sie sich feige hinter Zivilisten versteckt und bei weiter Raketen abfeuert“. Er sehe auch, dass sich die Hamas an Hilfsgütern bereichere. „Aber ich befürchte auch, dass das Leid, das die Menschen in Gaza erleben, die Gräben immer tiefer macht.“ Ähnlich hatte sich in den vergangenen Tagen der neue deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU) während einer Israel-Reise geäußert. Auch er forderte die schnelle Wiederaufnahme von Hilfslieferungen und rief Israel zudem auf, sich auf ernsthafte Verhandlungen über einen Waffenstillstand einzulassen.






