Ein Anruf kann alles ändern. Als bei Marita und Gerd Möller* das Telefon klingelt, ist ihre Seniorenwelt noch ruhig, hier im waldreichen Siegerland an der Grenze zu Hessen. Dann ist die Tochter dran. Scheinbar. Sie weint, ist offenbar verzweifelt. Die Tochter sammelt ein paar Worte zusammen, erzählt, sie habe mit ihrem Auto eine rote Ampel übersehen und eine Frau überfahren. Sie sei tot, hinterlasse einen Mann und zwei kleine Kinder.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
„Wie vor den Kopf geschlagen“, so habe es sich angefühlt. Marita Möller schildert später der Polizei, wie sie und ihr Mann den Moment erlebt hätten. Wie paralysiert, im Schock.
weitere Videos
„Wir waren hilflos, immer panischer“
Die Tochter ist nur kurz am anderen Ende der Leitung. Dann übernimmt eine angebliche Polizeibeamtin. Nach dem Schreck kommt nun der Druck. Der Tochter gehe es gesundheitlich schlecht, stehe unter Schock. Immer wieder ist ihre verzweifelte Stimme kurz im Telefon zu hören. Zugleich drohe ihr Haft, so die Polizistin, nur eine Kaution bringe sie auf freien Fuß.
Die Familie des Opfers, ergänzt die Beamtin, wünsche keine Öffentlichkeit. Alles liegt jetzt an Marita und Gerd Möller. „Wir waren hilflos, immer panischer“, erzählt die ältere Frau später der Polizei. Der echten Polizei.
weitere Videos
„Schockanruf“: Betrüger erbeuten Hunderttausende Euro
Und diese Polizei erlebt immer wieder betrogene Senioren. Die Masche nennt sich „Schockanruf“. In Husum an der Nordsee verliert ein Ehepaar etwa 100.000 Euro. Sie übergaben das Geld in bar an Täter – auch hier angeblich weil ihr Sohn in einen tödlichen Verkehrsunfall verwickelt gewesen sei. Ein „Hauptkommissar Schäfer“ hatte sich bei ihnen per Telefon gemeldet.
Im Potsdamer Stadtteil Babelsberg übergibt eine Rentnerin Schmuck und Bargeld im Wert von mehr als 220.000 Euro an einen unbekannten Täter. Sie hatten sich an einer Haltestelle verabredet. Das Geld stopfte der Mann in einen Wanderrucksack und eine bunte Tüte. Auch hier war die Frau laut Polizei in einem Schockzustand, fasste keine klaren Gedanken. Denn auch sie wurde unter Druck gesetzt von einem angeblichen Beamten, der von dem Verkehrsunfall des Sohnes erzählte und eine Kaution forderte.
Mehr zum Thema Cyber-Sicherheit
- Verbraucherzentrale warnt: Telekom-Kunden mit Fake-Mails getäuscht
- Kontodaten geklaut: „Quishing“ heißt die neue Betrugsmasche
- Mit VPN surfen: So können Reisende sich absichern
- Phishing-Angriff: Worüber Betroffene besser schweigen
- Trump stoppt Cyber-Einsätze gegen Russland
- 1,8 Millionen PCs mit unsicherem Windows-System
Gefälschte E-Mails, lange Telefonate: So gehen die Betrüger vor
Es sind drei Fälle aus der jüngsten Zeit. Sie zeigen: Haben die Täter Erfolg mit ihrem Betrug, verlieren die Geschädigten enorme Summen, oftmals ihr gesamtes Vermögen. Die Sicherheitsbehörden kennen Betrüger-Maschen wie den „Enkeltrick“. Täter geben sich als nahe Verwandte aus, lügen eine Notlage vor, wollen so an Geld gelangen. Cyberkriminelle nutzen gefälschte E-Mails, manchmal täuschend echt wie eine Nachricht von der eigenen Bank oder einem bekannten Online-Versand. Doch auch hier ist der Betrug das Ziel.
Das Ehepaar in Husum telefonierte zweieinhalb Stunden mit den Tätern. Die beiden Senioren gingen sogar nach der ersten Übergabe noch einmal zur Bank, hoben mehr Geld ab, weil die angeblichen Polizisten eine noch höhere Kaution zur Freilassung des Sohnes forderten. In anderen Fällen dauert es weniger als eine Stunde vom Anruf bis zur Geldübergabe.

Die Täter nehmen vor allem Senioren ins Visier
Wie kann das passieren – kann man darauf reinfallen? Die Täter nutzen die Taktik der Überraschung, sie überrumpeln die Angehörigen mit einer mutmaßlich schrecklichen Nachricht. Dann bauen sie Druck auf, halten den Ausnahmezustand teilweise über Stunden aufrecht. Und sie verhindern durch Drohungen, dass die Angehörigen ihren Sohn oder die Tochter mit einem anderen Telefon anrufen. In einigen Fällen gehen die Täter so weit, dass der angebliche Angehörige in Haft mit Suizid drohe.
Ziel sind meist ältere Menschen, von denen viele noch in Telefonbüchern registriert sind. Vornamen, die nach Senioren klingen, nehmen die Täter ins Visier. So wie Gerd und Marita. Während sie mit den Tätern sprechen, machen sich die beiden auf den Weg zur Bank. Manchmal übernimmt ein angeblicher Staatsanwalt das Gespräch. Es gehe um absolute Verschwiegenheit, auch um Datenschutz. Würde das Ehepaar dies missachten, bekämen sie hohe Strafen. Alles stehe auf der Kippe, drohen die Täter am anderen Ende der Leitung. Doch wenn sich die Eltern richtig verhalten würden, könne die Tochter nachmittags freikommen.
Die Täter kommen aus Deutschland, auch aus dem europäischen Ausland
Wer mit Ermittlern spricht, hört oftmals, dass die Täter „besonders geschult“ seien und „sehr überzeugend“ auftreten würden. Noch etwas besorgt die Sicherheitsbehörden: Betrüger könnten immer besser arbeitende Software zur Imitation der Stimme am Telefon nutzen, etwa von der Tochter der Möllers. Künstliche Intelligenz macht Betrug raffinierter, mehr Menschen fallen darauf herein – das ist die neue Sorge der Polizei.
Im März nahm die bayerische Polizei einen Tschechen und eine Polin fest, mit einer Beute im Wert von rund 200.000 Euro. In Frankfurt hat die Generalstaatsanwaltschaft Anklage gegen zwei Deutsche erhoben. Mit einer Serie an „Schockanrufen“ sollen sie hessenweit Menschen betrogen haben – eine von ihnen ist mutmaßlich Teil einer international agierenden Bande. Die Ermittler entdeckten die Beute im Kofferraum des anderen Beschuldigten.
weitere Videos
Die Täter kommen aus Deutschland, auch aus dem europäischen Ausland. Die Übergabe des Geldes ist eine Chance für die Polizei, die Kriminellen zu erwischen. Dafür müssen sie von dem drohenden Betrug wissen. Die Möllers versuchen während des „Schockanrufs“ nach eigenen Angaben, die örtliche Polizeidienststelle zu erreichen, scheitern aber, weil die Täter es bemerken.
Echte Polizisten heben in Gesprächen mit unserer Redaktion hervor, dass die Polizei niemals Geldübergaben verlangen würde. Genauso wenig Ad-hoc-Überweisungen. Ermittler empfehlen: sofort auflegen, wenn Bargeldforderungen im Telefonat gestellt werden. Oder die Polizei über ein anderes Telefon einschalten.
Lesen Sie auch
Polizei rät, mit älteren Angehörigen über die Masche zu sprechen
In anderen Fällen sind es aufmerksame Bankangestellte, die hellhörig werden, wenn panische Senioren zehntausende Euro abheben. So wie im März im bayerischen Rosenheim, als eine 54 Jahre alte Frau panisch eine hohe Summe von ihrem Konto holen will. Die Bankmitarbeiterin aber erkennt die Masche, stoppt die Frau – und betreut sie, bis die Polizei eintrifft.
Die Polizei empfiehlt auch, mit älteren Angehörigen in der Familie über diese Masche zu reden. Wer schon einmal von „Schockanrufen“ gehört hat, erinnert sich trotz Panik und Drohungen vielleicht daran – und legt auf.
Für die Möllers bleibt der Schock. Auch noch Wochen nach der Tat
Auch die Möllers fragt der Angestellte in der Bankfiliale, ob alles in Ordnung sei. Doch er erkennt die gefährliche Situation nicht. Das Paar bekommt das Geld ausgezahlt und geht weiter zu dem vereinbarten Treffpunkt für die Übergabe.
Der Fall wird für die Möllers immer absurder: Ein Polizeibeamter könne bei der Zahlung nicht dabei sein, eine Quittung für den Betrag dürfe erst zehn Minuten nach der Geldübergabe ausgestellt werden. Noch mal versucht Marita Möller ihre Tochter zu erreichen – und hat Erfolg. Es geht ihr gut. Für die Täter platzt der Deal in letzter Sekunde. Für die Möllers bleibt der Schock. Auch noch Wochen nach der Tat, wie sie der Polizei berichten.
*Name von der Redaktion geändert








