Armut, Schmerzen, Angriffe: Michael Fendler hat das unfassbare Leid der Menschen im Gazastreifen hautnah miterlebt. Ende März kehrte der Krefelder Mediziner nach Hause zurück. Der Chirurg war er für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen im Einsatz, als die neue Militäroffensive der israelischen Armee im Gazastreifen begann. „Ich bin noch dabei, das alles zu verarbeiten.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Fendler kennt den Gazastreifen. Er war mehrfach dort, aber immer unter „halbwegs friedlichen Umständen“. Seit die israelische Militäroperation lief, wollte er zurück, um den Menschen zu helfen. Und er glaubte zu wissen, was ihn erwartet.
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Reise nach Gaza mit gepanzerten UN-Fahrzeugen
Doch diesmal war alles anders. Als er in Gaza eintraf, herrschte die zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas die im Januar vereinbarte Waffenruhe. Die Menschen hofften, dass die Kämpfe zu Ende sein könnten: Einige israelische Geiseln kamen frei, Israel entließ hunderte palästinensische Gefangene. Doch diese Hoffnung währte nicht lange. Als Fendler eintraf, war es vorbei mit der Ruhe. Die Kämpfe flammten wieder auf.
Schon seine Anreise war sehr mühsam. Es ging per Flugzeug nach Amman, mit dem Bus und „teilweise mit gepanzerten UN-Fahrzeugen für die letzten Kilometer zum Grenzübergang Kerem Shalom“. 16 bis 17 Stunden war er unterwegs. „Nach langem Warten ging es mit Helm und Bleiweste unter Aufsicht israelischer Soldaten weiter nach Khan Younis im Gazastreifen“.
Der Arzt trifft auf Menschen in großer Not. Seit Mitte März läuft die neue Militäroffensive der israelischen Armee. Zuvor hatte die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu einen vorläufigen Einfuhrstopp für alle humanitären Hilfslieferungen in den Gazastreifen verhängt, weil sich Israel und die Hamas nicht auf eine Verlängerung der Waffenruhe einigen konnten.
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Gaza: mehr als 1000 getötete Kinder in einer Woche
Die Wiederaufnahme der Kämpfe und Bombardierungen ist für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen eine humanitäre Katastrophe. Seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 gibt es fast täglich Luftangriffe, die nur während der Waffenruhe eingestellt wurden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden seit Beginn des Krieges mehr als 600 Gesundheitseinrichtungen getroffen. Die Krankenhäuser sind nicht mehr oder nur teilweise funktionsfähig. Auch die Stromversorgung ist unterbrochen, Lebensmittel sind knapp. Seit Anfang März kommen keine Hilfslieferungen mehr bei den Menschen an. Die Versorgung funktioniere nur noch über Hilfsorganisationen, sagt Fendler. Angesichts der dramatischen Lage haben mehrere UN-Hilfsorganisationen die internationale Gemeinschaft zum sofortigen Handeln aufgerufen.
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Der 63-Jährige ist nach seiner Rückkehr noch tief erschüttert. Die Bedingungen, unter denen die Menschen im Gazastreifen zu überleben versuchten, seinen unvorstellbar. Er habe viel gesehen, aber das hat auch ihm schwer zugesetzt. Trotz Strom- und Wassermangel haben die Ärzte Operationen durchgeführt. Viele Patienten waren so schwer verletzt, dass sie mehrfach operiert werden mussten. Vor allem für Kinder sei das eine traumatische Erfahrung. Nach UN-Angaben wurden allein in der ersten Woche nach dem Zusammenbruch der jüngsten Waffenruhe mehr als 1000 Kinder getötet oder verletzt. Das sei die höchste Zahl in einer Woche seit Beginn des Konflikts. Fendler hat viele Jahre als plastischer Chirurg und Unfallchirurg an einer Unfallklinik in Duisburg gearbeitet. Er kennt sich aus mit Polytraumata und schweren Verbrennungen. „Aber so viele schwere Verletzungen auf einmal, habe ich noch nie gesehen.“.

Arzt aus Krefeld immer in Kontakt mit den Menschen in Gaza
Die Arbeit der Ärzte ist nicht ungefährlich. Auch für sie gibt es kaum Schutzräume, Einschläge und Explosionen gehören zum Alltag. Doch Fendler hatte Glück: Als das Naser-Krankenhaus durch eine Explosion teilweise zerstört wurde, hatte er es gerade verlassen.
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Jetzt ist er endlich wieder bei seiner Familie. Er freue sich zwar, seine Kinder und seine Kollegen wiederzusehen, aber das, was er im Gazastreifen gesehen hat, lässt ihn auch in Deutschland nicht los. Der Kontakt zu den Patienten und Kollegen ist nicht abgebrochen. Und er berichtet über seine Erfahrungen in den sozialen Medien. Fendler erinnert aber auch an der Gewalt der Hamas und die verbliebenen israelischen Geiseln im Gazastreifen, die, so der Mediziner, sofort freigelassen werden müssen.
Auch der 63-Jährige wünscht sich nichts sehnlicher als einen dauerhaften Frieden für die Region. „Das haben die Menschen mehr als verdient.“ Besonders beeindrucken ihn die Palästinenser im Gazastreifen, die gegen die Hamas und den Krieg protestieren. „Sie wollen nichts anderes als Frieden, und sie wollen die Hamas endlich loswerden.“ Das habe er in vielen Gesprächen gespürt.






