Versorgungssicherheit

Sorge vor Anschlägen: Wie sicher sind unsere Gasspeicher?

| Lesedauer: 7 Minuten
Jan Dörner
Europäische Politiker gehen bei Pipeline-Lecks von Sabotage aus

Europäische Politiker gehen bei Pipeline-Lecks von Sabotage aus

Die Lecks an den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 von Russland nach Deutschland sind nach Einschätzung europäischer Politiker auf Sabotage zurückzuführen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte sie einen Sabotageakt". Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sagte, die Lecks seien durch "vorsätzliche Handlungen" und nicht durch einen Unfall entstanden.

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Die kritische Infrastruktur ist im Visier von Sabotage und Angriffen. Die Behörden sorgen sich auch um das Gasnetz in Deutschland.

Berlin. Erst der Anschlag auf die Nord Stream Pipelines in der Ostsee, dann die Sabotage des Funknetzes der Deutschen Bahn. Die deutschen Sicherheitsbehörden sind alarmiert, die kritische Infrastruktur ist ins Visier geraten. Attacken auf das Telekommunikationsnetz sowie auf die Energieversorgung gelten als reale Gefahr. Weitere Angriffe gegen ebendiese Einrichtungen, „möglicherweise auch in quantitativ und gegebenenfalls auch qualitativ gesteigerter Form“, seien in Betracht zu ziehen, heißt es einer internen Gefährdungsbewertung des Bundeskriminalamts (BKA), die unserer Redaktion vorliegt.

„Wir leben in einer Zeit, in der wir mit hybriden Angriffen auf unsere Daseinsvorsorge von Wasser über Strom, Verkehr bis hin zu bestimmten Lebensmitteln rechnen müssen“, sagt Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) unserer Redaktion. „Gaspipelines, Erdgasspeicher und auch die neuen Flüssiggasterminals in Niedersachsen kommen als potenzielle Ziele natürlich in Frage und müssen besonders geschützt werden.“ Das Gas ist in diesem Winter infolge des Konflikts mit Russland ohnehin schon Mangelware in Deutschland. Wie gut ist die Gasinfrastruktur gegen Anschläge gesichert?

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Deutsches Gasnetz: Leitungen würden 13 Mal um den Erdball reichen

Knapp 50 unterirdische Gasspeicher sind über ganz Deutschland verteilt, hinzu kommen Übergabe- und Verdichterstationen, Regel- und Messanlagen. Außerdem zieht sich ein dichtes Leitungsnetz mit einer Gesamtlänge von rund 540.000 Kilometern durch das Land. Aneinandergelegt würden die Leitungen etwa 13 Mal um den Erdball reichen.

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Als sehr sicher gelten die Gasspeicher, die sich weit unter der Erdoberfläche in einer Tiefe von einem bis anderthalb Kilometer befinden. Um die Speicher zu beschädigen, wäre schweres Gerät erforderlich, wie es im Bergbau zum Einsatz kommt. Eine solcher Angriff bliebe kaum unbemerkt.

Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen im größten Erdgasspeicher

Ein möglicher Schwachpunkt sind die oberirdischen Anlagen. Ein Betreiber eines Erdgasspeichers will „aus nachvollziehbaren Gründen“ keine Auskunft über die Sicherheitsmaßnahmen geben. Das Unternehmen astora, das den größten deutschen Erdgasspeicher im niedersächsischen Rehden betreibt, teilt unserer Redaktion mit: „Strenge Zutrittskontrollen, sowie eine Videoüberwachung des gesamten Perimeters der technischen Anlage sorgen dafür, dass das Risiko eines Anschlages auf ein Minimum reduziert wird.“

Gleichwohl sei man sich „der besonderen und erhöhten Gefahrenlage durch die derzeitige Situation“ bewusst: „Aus diesem Grund wurden die Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz des Erdgasspeichers noch einmal erhöht.“

Experte: Jede Infrastruktur hat Schwachpunkte

Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfachs (DVGW), Gerald Linke, hält die überirdischen Anlagen der Gasinfrastruktur in der Regel für gut geschützt: „Hier ist eine Beschädigung schwer durchzuführen.“ Allerdings habe jede Infrastruktur „ihre Schwachpunkte“ fügt er hinzu und nennt als Beispiel die Zuleitungen zu einem Speicher oder zu einer Verdichterstation.

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Auch das weit verzweigte Leitungsnetz mit einer Gesamtlänge von mehr als einer halben Million Kilometern könne „nicht an Ort und Stelle überwacht werden“, sagt Linke. „Wer solche Infrastrukturen schädigen will“, fügt er hinzu, „der wird immer einen Weg dazu finden“.

Angriff auf Gasleitung: Mindestens ein Bagger wird benötigt

Die gute Nachricht: Geschützt sind die Pipelines dadurch, dass sie einen Meter oder tiefer in der Erde liegen. Wer sich an den Röhren mit einer Wanddicke von ein bis zwei Zentimetern zu schaffen machen will, braucht mindestens einen Bagger. Einige Leitungen sind zudem durch Detektoren gesichert, die im Fall von Manipulationen einen Alarm auslösen.

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Außerdem können die an Land verlegten Leitungen im Gegensatz zu tief auf dem Meeresgrund liegenden Gasröhren nach Angaben von DVGW-Chef Linke „innerhalb von Tagen“ repariert werden. „Aber vor terroristischen Attacken lässt sich keine Infrastruktur schützen.“

LNG-Terminal: Sorge um neue Anlage

In Sorge sind die Sicherheitsbehörden daher auch um Projekte, die derzeit erst im Bau sind. Deutschland bemüht sich gerade darum, im Eiltempo unabhängig von russischem Gas zu werden. Dafür wird unter anderem in Wilhelmshaven in Niedersachsen ein Importterminal für mit dem Schiff angeliefertes Flüssiggas (LNG) gebaut. Ende Dezember könnte das Terminal in Betrieb gehen. „Die Polizei und die Betreiber arbeiten sehr eng zusammen, um etwaige Angriffe abzuwehren zu können“, berichtet Landesinnenminister Pistorius.

Für die niedersächsische Flüssiggasinfrastruktur gilt eine „abstrakte Gefährdungsstufe“. Das Landeskriminalamt Niedersachsen erstellt regelmäßig Lagebilder, um die Gefahr etwa eines Anschlags einzuschätzen. Pistorius sieht den Staat „auf allen Ebenen gefordert, gemeinsam mit den Betreibern von kritischer Infrastruktur alle Anstrengungen zu unternehmen, um Angriffe abzuwehren“.

Geplante Attacken: Sicherheitsbehörden haben „keine konkreten Erkenntnisse“

Für den DVGW-Vorstandsvorsitzenden Linke sind vor allem Politik und Behörden in der Pflicht, für den Schutz der Gasinfrastruktur zu sorgen. „Es kann es nicht Aufgabe der Energiewirtschaft sein, hier jeden Meter der Pipelines zu überwachen.“ Es sei eine „nachrichtendienstliche Aufgabe“ weitere Anschläge wie auf die Nord Stream Pipelines zu verhindern.

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Den deutschen Sicherheitsbehördenliegen liegen nach Angaben des Bundesinnenministeriums derzeit „keine konkreten Erkenntnisse“ bezüglich etwaiger geplanter Angriffe auf die deutsche Gasinfrastruktur vor. Von der Sabotage des Funknetzes der Deutschen Bahn, bei der die Durchtrennung von Kabeln am 8. Oktober zu einem stundenlangen Ausfall des Bahnverkehrs in Norddeutschland führten, wurden die die Sicherheitsbehörden jedoch ebenso überrascht wie von dem Anschlag auf die beiden Nord Stream Pipelines knapp zwei Wochen vorher.

Innenministerin Faeser will den Schutz der kritischen Infrastruktur erhöhen

Wer hinter den Taten steckt, ist weiterhin unbekannt. Es gebe „derzeit keine Erkenntnisse zur Urheberschaft der Sabotage der Nord Stream Pipelines“, heißt es in der aktuellen Gefährdungsbewertung des BKA zur kritischen Infrastruktur. Insbesondere vor dem Hintergrund der „hohen Komplexität der Tatausführung sowie einer entsprechenden Vorbereitung“ erscheine aber „das Agieren staatlicher Akteure wahrscheinlich“.

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Angesichts solcher Bedrohungen will Bundesinnenministerin Nancy Faeser den Schutz der kritischen Infrastruktur erhöhen. „Die Sabotageakte an den Ostsee-Pipelines und der Bahn-Infrastruktur haben gezeigt, dass der Schutz kritischer Infrastrukturen höchste Priorität haben muss“, sagt die SPD-Politikerin unserer Redaktion. „Die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern, aber gerade auch die Betreiber kritischer Infrastrukturen müssen ihre Schutzmaßnahmen weiter hochfahren und sich für alle Krisen-Szenarien wappnen.“

Sabotage, Terrorismus, Naturkatastrophen: Vorbereitungen auf Szenarien laufen

Per Gesetz will die Innenministerin Betreibern kritischer Infrastrukturen höhere Sicherheitsanforderungen vorschreiben. Das betreffe gerade auch die Energieversorgung, betont Faeser. „Die Betreiber müssen auf Gefahren wie Naturkatastrophen, Terrorismus, Sabotage oder auch menschliches Versagen umfassend vorbereitet sein.“

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