Pipeline-Lecks

Nord Stream: Wie verwundbar ist Deutschland durch Sabotage?

| Lesedauer: 7 Minuten
Christian Unger, Jörg Quoos, Beate Kranz und Theresa Martus
Europäische Politiker gehen bei Pipeline-Lecks von Sabotage aus

Europäische Politiker gehen bei Pipeline-Lecks von Sabotage aus

Die Lecks an den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 von Russland nach Deutschland sind nach Einschätzung europäischer Politiker auf Sabotage zurückzuführen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte sie einen Sabotageakt". Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sagte, die Lecks seien durch "vorsätzliche Handlungen" und nicht durch einen Unfall entstanden.

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An einen Unfall glaubt bei den Lecks in den Ostsee-Pipelines niemand mehr. Was bedeutet das für andere Kabel und Pipelines im Meer?

Berlin. Die Löcher sind noch nicht gestopft. Aus den beschädigten beiden Nord Stream-Pipelines strömt mehrere Tage, nachdem die Lecks zuerst bemerkt wurden, weiterhin Gas ins Meer und wird es wohl noch länger tun. Explosionen haben große Löcher in die Röhren gerissen und gleichzeitig Regierungen und Öffentlichkeit in vielen Ostsee-Anrainerstaaten erschüttert.

Wie genau es zu den Detonationen kam, ist unklar. An einen Unfall glaubt kaum jemand mehr. Und während in der Ostsee weiter Gas an die Oberfläche steigt, rückt die Frage in den Blickpunkt, ob auch andere Infrastruktur Ziel von Sabotage-Akten werden könnte.

Welche kritische Infrastruktur gibt es in Nord- und Ostsee?

Die Nord Stream-Pipelines sind nicht die einzigen Röhren, die vor den deutschen Küsten verlaufen. Allein drei weitere Pipelines – Norpipe, Europipe I und Europipe II – sorgen dafür, dass norwegisches Gas nach Deutschland kommt. Dazu kommen Strom- und Kommunikationskabel zwischen den Anrainerstaaten, die im Wasser verlaufen, etwa das Unterseekabel C-Lion, das seit 2016 Deutschland und Finnland verbindet.

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Wie verwundbar ist Deutschland durch Sabotageakte?

Am verwundbarsten bleibt Deutschland bei der Energieversorgung. Seit Beginn des Krieges ist Norwegen zu einem der wichtigsten Gaslieferanten für die Bundesrepublik geworden. Zwischen 1.200 und 1.500 Gigawattstunden pro Tag kamen in den vergangenen Wochen laut Bundesnetzagentur aus dem Land – über die Pipelines, die durch das Meer laufen.

Die Zerstörung der Nord Stream-Pipelines könnte ein Fingerzeig in Richtung dieser Röhren sein, sagt Sebastian Bruns vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel. „Sollte Russland hinter der Attacke stehen, dann hat die Regierung in Moskau gezeigt: Was wir bei stillgelegten Projekten können, können wir auch anderenorts.“ Die Auswirkungen auf die ohnehin prekäre deutsche Energieversorgung wären enorm. Schon seit Monaten gehe man von einer „abstrakten Gefährdung“ der Energieinfrastruktur aus, sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) am Mittwoch.

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Lecks in Nord Stream: Zeitpunkt ist auffällig

Auffällig ist der Zeitpunkt der Lecks – sie traten nahezu zeitgleich auf mit der Eröffnung der Baltic Pipe, die Norwegen und Polen verbindet und Europa ein weiteres Stück unabhängiger macht von russischem Gas.

Bei Strom und Kommunikation ist die Abhängigkeit von den Kabeln unter Wasser dagegen weniger groß. Doch ein Schaden zum Beispiel am NordLink-Kabel, das seit 2021 die Stromnetze Deutschlands und Norwegens verbindet, würde den Austausch im europäischen Stromnetz erschweren. NordLink gilt als „grünes Kabel“, mit dem Norwegen mit Strom aus norddeutscher Windkraft versorgt werden kann und Deutschland im Austausch mit Energie aus norwegischer Wasserkraft.

Die Bedeutung der Meere, vor allem der Ostsee, für die deutsche Energieversorgung wird in Zukunft noch wachsen, wie Sicherheitsexperte Bruns betont. „Dort fließt nicht nur Gas durch Pipelines, dort stehen Windparks für die Energiewende. Künftig sollen dort auch Flüssiggas-Terminals entstehen“, sagte er. „Was in der Ostsee passiert, hat also auch Auswirkungen auf die Energieversorgung in Bayern oder Baden-Württemberg.“ Das habe die deutsche Sicherheitspolitik lange verkannt.

Wie kann ein Sabotagetrupp Pipelines oder Netzwerkkabel zerstören?

Experten der deutschen Marine gehen davon aus, dass der Angriff mit einem kleinen U-Boot erfolgt ist, das entweder direkt – oder über eine Unterwasserdrohne – eine Sprengladung an den Pipelines abgesetzt hat. So würde man auch ein Netzwerkkabel angreifen. Für Kampftaucher, die von U-Booten über Torpedorohre abgesetzt werden, ist die Operationstiefe von 80 Metern in der Ostsee zu groß.

Um unerkannt zu entkommen, hat der Einsatztrupp höchstwahrscheinlich eine Sprengladung mit Zeitzünder abgesetzt. So kann ein U-Boot unbemerkt in leiser Schleichfahrt aus dem Operationsgebiet entkommen. Die Gefahr einer Entdeckung ist insgesamt gering. Die großen Atom-U-Boote – etwa der Russen – sind leichter zu orten, kleine U-Boote können dagegen unbemerkt operieren. Grundsätzlich dürfen sie internationale Gewässer, wo die Havarie stattfand, auch befahren.

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Militärische Fähigkeiten zur Zerstörung von Pipelines und Kabeln – ohne entdeckt zu werden und in dieser Wassertiefe – haben nach Ansicht deutscher Marine-Experten in diesem Seegebiet derzeit ausschließlich russische und amerikanische Militärs.

Wie können Kabel und Röhren im Meer besser geschützt werden?

Im Bundesinnenministerium gibt es seit vielen Jahren das Referat KM 4, Schutz Kritischer Infrastruktur. Doch der Schutz konkreter Gebäude, Kraftwerke oder technischer Anlagen ist Ländersache. Der deutsche Föderalismus steht bisher einem einheitlichen Schutz von Kraftwerken, technischen Anlagen, zentralen Gebäuden zur Grundversorgung im Weg. Und nicht jedes Bundesland hat die gleichen Kapazitäten zum Schutz der Infrastruktur – zumal die Kosten hoch sind.

Was Infrastruktur im Meer betrifft, steht die Politik zudem vor einem weiteren, sehr praktischen Problem: 1200 Kilometer Pipeline lassen sich kaum schützen, wie man in deutschen Sicherheitsbehörden festhält. Hinweise von ausländischen Nachrichtendiensten, wie in diesem Fall vom amerikanischen CIA, kommen zwar häufiger – jedoch sind diese nicht immer sehr konkret. Die Sicherheitsbehörden seien bereits sehr aufmerksam, sagte Innenministerin Faeser: „Die Bundespolizei ist mit ihren Schiffen 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche auf Nord- und Ostsee unterwegs.“

Der Seeraum der Ostsee sei zwar schon jetzt engmaschig überwacht, sagt Julian Pawlak von der Universität der Bundeswehr Hamburg. Doch die deutsche Sicherheitspolitik habe dem Meer zu lange zu wenig Beachtung geschenkt. Das müsse sich ändern. „Schweden und Finnland, aber auch Deutschland müssen die militärische Präsenz in der Ostsee erhöhen, auch zur Sicherung ihrer kritischen Infrastrukturen.“

Ist inzwischen bekannt, wer für die Lecks bei Nord Stream verantwortlich ist?

Gesicherte Erkenntnisse darüber, wie die Pipelines zerstört wurden, gibt es noch nicht. Untersuchungen an den Röhren selbst müssen noch warten. Wegen des immer noch austretenden Gases rechnet etwa Dänemarks Verteidigungsministerium damit, dass die Lecks in etwa 80 Metern Tiefe erst in ein bis zwei Wochen untersucht werden können.

Schon jetzt gehen immer mehr westliche Staaten davon aus, dass die Lecks durch gezielte Anschläge entstanden sind. Sowohl die Europäische Union als auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg halten „Sabotage“ als Ursache für wahrscheinlich, die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen spricht von einer „vorsätzlichen Tat“. Offen bleibt, wer der Verursacher gewesen sein könnte. Ein Zusammenhang zum Krieg Russlands gegen die Ukraine liegt aber nahe.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.