Rassismus

Die Wunden von Charlottesville sind noch nicht verheilt

Vor einem Jahr wurde Heather Heyer von einem Neonazi in Charlottesville getötet. Ihre Mutter gibt den Kampf gegen Rassismus nicht auf.

Foto: Ryan M. Kelly / dpa

Charlottesville.  „Niemand kommt ungestraft davon, der mein Kind mundtot machen will.“ Ein Satz wie ein Pfeil ins Schwarze. Mögen ihre Glieder auch noch so schmerzen und das Herz insgeheim überlaufen vor Trauer, Susan Bro wirkt vor dem ersten Jahrestag des tragischen Todes ihrer Tochter, der ganz Amerika aufgewühlt hat, diszipliniert und kühl.

Die 61-Jährige sitzt in einem kleinen Büro der Miller Law-Group-Kanzlei in Charlottesville. Hier hat Heather Heyer gearbeitet. Ihr Schreibtisch ist so, wie sie ihn verlassen hat. Ölbilder, Beileidsbekundungen und Geschenke in Pink, der Lieblingsfarbe der Rechtsanwaltsgehilfin, erinnern an den Tag, als die zwischen saftig grüne Hügel gepresste Kleinstadt im US-Bundesstaat Virginia vor einer beispiellosen Machtprobe von Neonazis in die Knie ging und Susan Bro das einzige Kind nahm.

Alle Augen sind auf den Präsidenten gerichtet

Woran andere Mütter vielleicht zerbrochen wären, das hat die fast weißhaarig gewordene ehemalige Grundschullehrerin noch entschiedener gemacht. „Schluck’s herunter, hab’ ich mir gesagt“, erzählt Bro und vergleicht den Verlust der Tochter mit der Amputation eines Beines. „Es ist nicht das, was du dir vorgestellt hast, aber du kannst weitergehen, du kannst es schaffen.“

Bro versteht darunter die behutsame Pflege eines besonderen Erbes. „Ich will die nächste Generation von Aktivisten ausbilden, die Heather ersetzen“, sagte sie unserer Redaktion. Gemeinsam mit Heyers ehemaligem Kollegen Alfred Wilson hat sie eine aus Spenden finanzierte Stiftung ins Leben gerufen. Sie vergibt Stipendien an junge Menschen, die sich in der Schule und im Studium sozialer Gerechtigkeit und Verständigung verpflichtet fühlen. Kurzum dem Motto von Heather: „Wenn du nicht empört bist, dann passt du nicht auf, was um dich herum passiert.“

Es ging um den Abbau einer Statue

Passiert ist das: Am 12. August 2017 reisen aus vielen Winkeln Amerikas Männer mit Hakenkreuzflaggen nach Charlottesville. Juden- , Schwarzen- und Schwulenhasser wollen gegen die Demontage einer Statue von Südstaaten-General Robert E. Lee protestieren. Für Konservative ein Held des amerikanischen Bürgerkriegs. Für viele Demokraten und Afroamerikaner Inbegriff der bis heute zu spürenden Sklavenhalter-Mentalität. Bei einem Fackelmarsch am Vorabend krakeelt die von dem örtlichen Rechtsextremisten Jason Kessler angemeldete Gruppe: „Ihr Juden werdet uns nicht ersetzen.“

Am Morgen danach kommt es unter den Augen eines massiven aber sträflich teilnahmslosen Polizeiaufgebots zu blutigen Ausschreitungen zwischen den Rechten und linken Gegendemonstranten. Gegen Mittag brechen die Ordnungshüter die Kundgebung ab. Die Neonazis flüchten in einen nahe gelegenen Park. Richard Spencer, Sprecher der Alt-Right-Bewegung, und David Duke, einst „Grand Wizard“ des rassistischen Ku-Klux-Klan, beklagen die Feigheit des „Unrechtsstaates“, der „das Recht auf Meinungsfreiheit mit Füßen tritt“.

Trump gab beiden Seiten die Schuld

James Alex Fields Jr., ein Neonazi aus Ohio, nimmt die Brandreden offenbar als Auftrag und funktioniert sein Auto zur Waffe um. Mit einem Dodge Challenger rast er die mit Dutzenden Gegendemonstranten bevölkerte 4. Straße in der Innenstadt von Charlottesville herunter. Fast 50 Menschen werden verletzt. Heather Heyer, die Tochter von Susan Bro, wird durch die Luft geschleudert und erliegt ihren schweren Verletzungen.

Wie Schockwellen verbreiten sich die Bilder. Alle Augen sind auf den Präsidenten gerichtet. Aber anstatt die Nation zu beruhigen und zu einen, gießt Donald Trump Öl ins Feuer. Aus seinem Golf-Domizil in New Jersey stellt sich Trump schützend vor die Neonazis. Auch dort habe es „gute Menschen“ gegeben, sagt er und weist der Antifa-Bewegung gleichrangig Mitschuld zu.

Normalität ist in Charlottesville eingekehrt

Ein Aufschrei der Empörung geht durch die Vereinigten Staaten. Viele Republikaner sind entsetzt bis angewidert. Nur die extreme Rechte kann ihr Glück kaum fassen. „Trump ist unser Mann“, sagt der notorische Rassist David Duke.

Zwölf Monate danach ist in Charlottesville Normalität eingekehrt. Oberflächlich betrachtet. Im damals abgeriegelten Park mit der Lee-Statue sitzen Pärchen im Schatten auf den Bänken und trinken Eistee. In der Fußgängerzone, in der Neonazis mit Fahnenstangen, Schlagstöcken und Pfefferspray Jagd auf Linke machten, reiht sich ein gut besuchtes Open-Air-Cafe an das andere.

Jalane Schmidt musste untertauchen

Nur an der Stelle, an der Heather Heyer überfahren wurde, erinnern an einer improvisierten Gedenkstätte Kreidezeichnungen an der Backsteinwand, Blumengebinde und persönliche Widmungen an den Augenblick, als sich der Hass entlud. Dass die Wunden von damals aber nicht wirklich verheilt sind, wird klar, wenn man mit Menschen wie Jalane Schmidt spricht. Die Mutter zweier Töchter musste in den ersten Wochen nach der Tragödie untertauchen. Neonazis hatten ihr Engagement für die schwarze Bürgerrechtsbewegung „Black Lives Matter“, die zu den Gegendemonstranten gehörte, in Internet-Foren plakatiert und die 49-Jährige als „target“ identifiziert – als Ziel.

Die Professorin für Religionswissenschaften erklärt bei einem Rundgang durch den Gerichtsbezirk, in dem einst Ku-Klux-Klan-Mitglieder Recht sprachen, „wie unendlich tief die Wurzeln des Hasses reichen“. Und dass sich Charlottesville noch immer nicht „der auf Rassismus gegründeten sozialen Schieflage“ zwischen Weiß und Schwarz gestellt hat.

200 Seiten starker Abschlussbericht

Gewiss, es gibt Fortschritte. Die parteilose Nikuyah Walker, 38, eine Afroamerikanerin mit Armutserfahrung, hat es auf den Sessel der Bürgermeisterin geschafft. Die Polizei, die ausweislich eines 200 Seiten starken Abschlussberichts vor einem Jahr auf allen Ebenen versagte, wird ebenfalls zum ersten Mal von einer Afroamerikanerin geführt.

Und Michael Rodi, Besitzer des beliebten „Rapture“ und informeller Sprecher der Innenstadt-Wirte, hat einen Handlungsfaden entwickelt, wie mit Neonazis umzugehen ist, die weiter in Charlottesville Flagge zeigen. „Wir bedienen sie einfach nicht“, sagt Rodi und zeigt auf ein Schild an seiner Eingangstür: „Wenn Vielfalt für Sie ein Problem ist, dann ist das hier nicht die richtige Bar für Sie!“

400 Neonazis wollen vor das Weiße Haus ziehen

Wie er, so spürt auch Susan Bro, dass „viele Leute in Charlottesville aufgewacht sind“. Vor allem Weiße hätten registriert, wie sehr der „Alltagsrassismus“ am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche oder im Straßenbild das Leben bestimme. Dagegen gemeinsam anzugehen wäre entschieden leichter, hätte Trump den Neonazis nicht damals „grünes Licht gegeben“, findet Bro und sieht wie viele ihrer 50.000 Mitbürger an diesem Wochenende mit Unwohlsein 200 Kilometer nach Norden.

Am Sonntagnachmittag wollen rund 400 Neonazis vis-à-vis des Weißen Hauses im Lafayette Park in Washington unter strengsten Sicherheitsvorschriften zum Revival antreten. In Charlottesville hat Organisator Jason Kessler keine Genehmigung erhalten.

Zeitgleich wird Susan Bro an der Stelle, an der Heather starb, Blumen niederlegen und beten. Wenn sie dabei in den Himmel schaut, fällt ihr ein Plakat auf, das ein Anwohner in das Fenster direkt über dem Tatort geklebt hat: „Hass wird niemals die Probleme dieser Welt lösen.“

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