Korrespondentenbericht

Solche Nachbarn zu haben, ist ein wahrer Schatz

Die Anschläge in diesem Jahr bringen Berlin und Paris einander näher. Pascal Thibaut berichtet, wie er die Pariser Attentate erlebte.

Sonnabend halb vier in der Frühe. Auf dem Pariser Platz wurden schon die Sicherheitsmaßnahmen vor der französischen Botschaft erhöht. Barrieren wurden aufgebaut. Zusätzliche Polizisten bewachen das Gebäude. Davor steht einsam ein junger Franzose, dünn angezogen in dieser Herbstnacht. Christophe hat am Abend gefeiert und ist nicht mehr ganz nüchtern. Aber als er von den Attentaten in seiner Heimat hörte, fuhr er zum Pariser Platz. Es war ihm ein Bedürfnis, ein Zeichen zu setzen. Auf den Schultern trägt er die Trikolore.

Auf dem Boden stehen in diesen ersten Stunden nur wenige Kerzen. Zwei junge Deutsche befinden sich auch vor der Botschaft. Auf deren Fassade haben sie gerade „Nous sommes unis“ („Wir sind vereint“) mit dem inzwischen weltbekannten Symbol eines Eiffelturms in Form des Friedenszeichens projiziert. Auf den aufgestapelten Stühlen des Cafés nebenan sitzt ein Mann mittleren Alters. Als er mich sieht, steht er auf. Der Frankokanadier stellt sich als Ehemaliger der französischen Fremdenlegion vor. Wahrscheinlich war es ihm, der früher als Ausländer für Frankreich in der Welt kämpfte, ein Anliegen, der Wahlheimat seine Solidarität zu zeigen.

Kurz vor Mitternacht erfuhr ich von den Ereignissen in Paris. Unter Schock verfolgte ich die unfassbaren Meldungen, die in der Erstürmung des Konzertsaals Le Bataclan mündeten. Die Bilanz ist bekannt. Viel Zeit blieb nicht, um mit den eigenen Gefühlen, mit dem Eindruck eines Déjà-vus, zehn Monate nach dem Attentat gegen „Charlie Hebdo“, fertig zu werden. Unentwegt klingelte das Telefon. Meine Redaktion wollte wissen, welche Reaktionen hierzulande zu verzeichnen waren; deutsche Medien baten um eine erste Einschätzung.

Zeit blieb auch nicht, um sich nach Pariser Freunden zu erkundigen. Nebenbei nahm ich auf Facebook wahr, dass manche meldeten, sie seien in Sicherheit. E-Mails, SMS und Whatsapp-Nachrichten brachten Mitleidsbekundungen deutscher Freunde. Ihre Beantwortung musste warten. Manche bedankten sich, dass ich die Nachricht über eine Kundgebung auf dem Pariser Platz am Sonnabend weitergeleitet hatte. Dorthin zogen im Laufe des Wochenendes Tausende nach Christophes frühem Erscheinen. Ein Meer von Blumen, ein Kerzenteppich und rührende Nachrichten wurden hinterlassen. Junge Tunesier hinterließen ein Zeichen gegen den Terror; muslimische syrische Flüchtlinge schrieben auf ein Blatt Papier „Not in our name“. Die Solidaritätswelle aus Deutschland, die schon im Januar zum Ausdruck kam, spendet Trost. Solche Nachbarn und Freunde zu haben, ist ein wahrer Schatz.

Frankreich und Deutschland wurden einander in diesem Jahr durch tragische Ereignisse näher gebracht. Die Januar-Attentate sorgten hierzulande für große Solidarität. Dann kam der Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen. Viele Helfer wurden symbolisch zum Freundschaftsspiel Frankreich-Deutschland in Paris eingeladen. Dort saß auch Frank-Walter Steinmeier neben Staatspräsident Hollande. Lieber möchte man nicht darüber nachdenken, was passiert wäre, hätten die Attentäter es bis ins Innere des Stade de France geschafft.

Auf dem Pariser Platz, der mehr denn je an diesem Wochenende seinen Namen verdiente, trauerten Berliner Franzosen, Deutsche und andere gemeinsam. Bekannte traf ich auch in der Menge. Man weiß nicht so recht, wie man sich begrüßen soll. Ist eine gesellige Umarmung nicht unpassend? Dem Franzosen rutscht automatisch ein „ça va“ über die Lippen, noch bevor einem einfällt, wie deplatziert der Spruch heute klingt. Zwei langjährige deutsche Bekannte tauchten aus dem Nichts auf, irgendwann sprach man über Gott. Der Alltag gewinnt am Ende die Oberhand. In einer solchen dramatischen Situation ist es mit Sicherheit gesund, um der Last der Ereignisse zu entkommen.

Aber zum Trost, den man an einem Ort wie dem Pariser Platz erfährt, mischt sich Wut. Wut darüber, dass man zehn Monate später aus den gleichen Gründen am gleichen Ort steht.

Pascal Thibaut ist Korrespondent von Radio France International und schreibt regelmäßig für die Berliner Morgenpost